Ein kraftvolles Glanzstück

Sibylle Bergs Roman «Der Mann schläft» ist eine Liebesgeschichte, glücklicherweise durchsetzt mit den gewohnt bissigen Lebensbetrachtungen der Wahlzürcherin. Und doch zeigt Berg eine gewisse Altersmilde, die neu ist und ihr gut steht.

Analytische Beobachterin: Sibylle Berg liefert mit «Der Mann schläft» ein starkes, pointiert geschriebenes Stück Literatur.

Katja Hoffmann

Man könnte sagen: nichts Neues. Denn wie immer bei Sibylle Berg wird das Innerste und Persönlichste beleuchtet, das gerade dadurch allgemein und existenziell wird. Man könnte sagen, nichts Neues, doch das tut man besser nicht. Denn diesmal fällt die Tragödie sanfter aus. Man ist geneigt zu sagen: liebevoll. Aber der Reihe nach.

Eine Frau Mitte vierzig sitzt auf einer gottverlassenen chinesischen Insel und wartet auf einen Mann, der doch nie zurückkommt. Das ist die Ausgangslage von «Der Mann schläft». Dabei ist doch kurz zuvor alles noch gut gewesen, der Mann war da und die Vorsorgungen getroffen, damit es auch so blieb. Zum Beispiel: «Ich nannte ihn nur ‹der Mann›, damit er nicht verschwinden würde, da sich doch meist alles, dem man einen Namen gibt, entfernt.»

Der Welt «schlicht egal»

Der rothaarige massige Mann, dessen Bauch die Ich-Erzählerin gerne mit einem Mittelgebirge vergleicht, war zuvor unauffällig und still ins Leben der Protagonistin getreten. «Keine Ohnmacht stellte sich ein an jenem Tag vor vier Jahren, mir wurde nicht schwindlig, weder begann ich zu toben noch zuckte ich ekstatisch, vielmehr wurde ich von einer völlig unerklärlichen Müdigkeit befallen, die mich schwer machte und ruhig.» Das passt, denn auch die Erzählerin selbst ist sich ihrer Mittelmässigkeit bewusst, seit sie irgendwann, zwischen dreissig und vierzig, begriff, dass sie der Welt «schlicht egal» war. Das war nach zahlreichen Affären mit jungen Männern, die alle auf ihre Entdeckung als Musiker, Autor, Künstler, DJ hofften und nicht bindungsfähig waren.

Jetzt aber tritt diese unspektakuläre Zweisamkeit in ihr Leben, die das Beste ist, was der Frau passieren konnte. Es geht fortan nicht darum, zu sprechen, wilde Dinge zu tun, leidenschaftlich zu sein, nein, es geht nur darum, sich gut neben dem anderen zu fühlen. Mit anderen Worten: «Ich war alt genug, zu wissen, dass es ein Glück ist, einen zu treffen, den man so gerne hat, dass er einen nie stört.»

Alles erreicht, also? Traumzustand? Mitnichten. Denn an diesem Punkt, an dem in anderen Romanen das Happy End stehen würde, setzt Sibylle Berg der Ich-Erzählerin einen Floh ins Ohr: Sie will verreisen. Und dann eben verschwindet der Mann, das Glück mit ihm, vielleicht gerade weil man nicht bescheiden zu Hause bleiben wollte.

Weisheit und Bosheit

Nun berichtet die Frau in kurzen Frequenzen von ihrem Alltag nach dem Verschwinden des Manns, unterbrochen durch Erinnerungen an das Leben davor. Lakonisch und zynisch ist das. Mit erstaunlich viel Lebensweisheit, viel Bosheit, natürlich, eigene Gedanken, die Sibylle Berg der Frau in den Mund legt, und die selten so pointiert ausgedrückt wurden.

Zum Beispiel die Analyse von Freizeitbeschäftigungen: «Wir liefen zwischen all jenen, die sich zu einer Demonstrierung der guten Laune um den See versammelt hatten. Vermutlich ist das ziellose Schlendern an sonnigen Nachmittagen eine Beschäftigung, die Menschen Angst macht. Alle scheinen sich in einer kollektiven masochistischen Anwandlung mit der Repetition schreckenerregender Kindheitserinnerungen bestrafen zu wollen.»

Versöhnlich stimmt aber die Liebe oder der Umstand, dass auch die komplett erwartungslose Protagonistin dazu fähig ist. Sibylle Berg versteht es, diese Entwicklung herzerwärmend, nah und doch nie kitschig zu schildern. Ein Glanzstück, das sie hier abliefert, ein Glanzstück, das eher matt schimmert, dessen Kraft und Schönheit sich erst entfaltet, wenn man sich in den Sog ziehen lässt, die Tragik der Satire, mit der Berg spielt, als solche erkennt, gleichzeitig aber auch darüber lachen kann.

Schliesslich hat Sibylle Berg ein Buch geschrieben, das auch Grund zur Hoffnung gibt, freilich in ihrem tief angesetzten Spektrum von Optimismus. Denn die Frau gibt nicht auf. Immerhin kann sie sich damit trösten, dass sie einmal für vier Jahre erfahren hat, wie das Leben zu seinen besten Zeiten sein kann.

Sibylle Berg: Der Mann schläft, Roman, Hanser, 309 Seiten, erscheint am 17.8. Lesung: 1. September, 20 Uhr, Buchhandlung Stauffacher, Bern (zusammen mit Milena Moser). (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.08.2009, 14:14 Uhr

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