Ein Glanz ferner Tage
Von Beatrice Eichmann-Leutenegger. Aktualisiert am 07.02.2012 1 Kommentar
Lebt in der Nähe von Bern: Autorin Lydia Guyer-Bucher. (Bild: http://www.prolibro.ch)
Lydia Guyer-Bucher: Die Leipzigerin. Pro Libro Luzern, ISBN: 978-3-905078-20-6, 186 Seiten, CHF 32.90.
Die Leipzigerin
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Wer sollen die Herren Bach, Wagner und Strauss sein, die Frau Schwanengel immer wieder mit träumerischem Glanz in den Augen erwähnt? Die Bewohner im St. Georgshof, dem Altersheim des Städtchens Sursee, verstehen nicht so recht, wovon die Frau spricht, die mit ihnen unter dem gleichen Dach wohnt, sich doch so anders benimmt und ein ganz anderes Leben geführt hat. Sie ist eine Dame vom Scheitel bis zur Sohle. Die Mitbewohner nennen die über Hundertjährige «Frau Doktor». Denn sie, die «Leipzigerin», ist mit einem HNO-Spezialisten verheiratet gewesen, der in Frankfurt eine Praxis führte. Im Pensionsalter zog das Paar in die Schweiz, wo der Gatte etwas später starb.
Ein bezauberndes Porträt
Vom Erinnerungsreichtum dieser Biografie hat sich Lydia Guyer-Bucher verlocken lassen. Über mehrere Jahre hinweg führte sie Gespräche mit jener vorerst skeptischen Dame, die das Urbild ihrer «Leipzigerin» abgeben sollte. Sie bildeten das Fundament, und zusammen mit privaten und zeitgeschichtlichen Dokumenten begann sich das Material zu türmen.
Doch mit sicherer Hand wählte die 67-jährige Autorin, die in der Nähe von Bern lebt, die aussagekräftigen Zeugnisse aus und fügte sie zu einem reizvollen Text-Arrangement. In die Leerstellen aber liess sie ihre eigene Fantasie einfliessen und nutzte die Freiheiten eines Romans. So ist das bezaubernde Porträt einer Frau entstanden, die sich zwischen Eigenwillen und Anpassung einrichtete.
Die starke Frau hinter dem Mann
Immer wieder kehrt die alte Dame in ihren Erinnerungen zum Ort der Jugend zurück: nach Leipzig, dem glanzvollen kulturellen Brennpunkt, aber auch nach Paris und Frankfurt. Sie folgte als Ehefrau den beruflichen Stationen ihres Mannes, der einst Sänger werden wollte. Die Gattin unterzog sich den Wechselfällen seiner Laufbahn und hielt möglichst alle Störungen von ihm fern. Dabei begünstigte die männliche Dominanz eine Beziehung, die auf weiblicher Seite nicht frei von Lebenslügen blieb. Aus ihnen hat sich Eleonore Schwanengel erst im hohen Alter allmählich herausgelöst.
Leichtfüssiger Text
«Otto-Ottolein» nennt sie spöttisch-zärtlich ihren Mann. Wahrsager haben ihr erklärt, dass sie wilde Tiere zähmen könne. «Diese Aufklärungen nützten ihr zwar kaum etwas, denn beim wilden Tiger Otto-Ottolein stiessen ihre Zähmungsversuche meist auf Widerstand», heisst es im Roman. Der Satz verrät die Ironie, welche den leichtfüssigen Text von Lydia Guyer-Bucher durchzieht. Dabei kommt dieser weibliche Lebensentwurf nicht ohne tragische und befremdliche Zwischentöne aus. Ihr neugeborenes Töchterchen, dessen Präsenz den Gatten stören könnte, gibt Eleonore Schwanengel in der Romanfassung weg. Hier tritt auch viele Jahre später eine Hairstylistin auf, die im Altersheim das Haar der «Frau Doktor» frisiert. Die junge Frau spielt ahnungslos eine Rolle, die weit über die Serviceleistungen einer Coiffeuse hinausreicht.
Der Kirchenchordirigent als Vertrauter
Wie auf einer Bühne lässt die Autorin ihre Figuren agieren. Dadurch erreicht sie Distanz zu den handelnden Personen, die sie mit scharf beobachteten Zügen vorführt. Bei der Schwiegermutter aus Bingen, die alle unguten Vorstellungen bedient, fällt die Zeichnung sogar überdeutlich aus. In eine anrührende Nebenrolle rückt jedoch der frühere Kirchenchordirigent des Städtchens Sursee, Leo Hungerbühler. Er weiss als einer der wenigen im St. Georgshof, wer die Herren Bach, Wagner und Strauss sind, und er bringt der adretten Leipzigerin zarte Verehrung entgegen. So hellt sich etwas ihre Einsamkeit inmitten der Heimbewohner auf.
Tiefsinn verbündet sich mit Leichtigkeit
Lydia Guyer-Bucher stellt geschickt einen Spannungsbogen her, indem sie die Geschehnisse der Vergangenheit mit dem ereignisarmen Heimalltag kontrastieren lässt. Überzeugend gestaltete innere Monologe ziehen die Lesenden zudem in die Seelenwelt der Protagonistin, die sich mit dem nahen Tod auseinandersetzt. «Bin ich der Mensch geworden, der ich sein wollte?», fragt sie sich. Tiefsinn verbündet sich in diesem Buch mit Leichtigkeit.
(Der Bund)
Erstellt: 07.02.2012, 08:36 Uhr
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Denkwürdiges Opus bei einem Verlag, der noch wagt, in die Offensive zu gehen. Der dokumentarische Wert wäre vielleicht sogar höher gewesen, wäre es bei recherchierten Tatsachen geblieben. "Jede dokumentierte Einzelheit ist wissenswert", vermerkten die Brüder Grimm. Die zum Schluss gestellte Frage erinnert an das Buch der austral. Sterbehelferin über 5 Aspekte, welche bei Sterbenden Reue auslösen. Antworten



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