Die blutrünstigste Brünette
Von Michèle Binswanger. Aktualisiert am 05.02.2009
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Das US-Magazin «Times» wählte sie unter die 100 wichtigsten Persönlichkeiten des Jahres 2008. Dabei wollte Stephenie Meyer eigentlich gar nie etwas besonderes erreichen. Vor sechs Jahren noch besuchte die brünette Mormonin und Mutter dreier Kinder in Phönix, Arizona Literaturvorlesungen. Dann hatte sie einen Traum. Sie schrieb ihn auf und machte daraus ein Buch. Daraus wurde die «Twilight»-Serie (Biss zum Morgengrauen), die sich bis heute millionenfach verkauft.
Unsterblich verliebter Untoter
Immer und immer wieder erzählt Meyer die Geschichte, wie sie zu ihren so erfolgreichen Romanen inspiriert wurde. In der Nacht auf den 2. Juni 2003 wachte sie aus einem Traum auf, von dem sie das letzte Bild deutlich vor sich sah: Ein blendend aussehender Jüngling und ein blasses Mädchen liegen eng umschlungen auf einer Waldlichtung. Ihr Problem: Er ist ein Vampir, sie eine Sterbliche, wobei der Untote die Schöne unsterblich liebt. Und zugleich möchte er den Leckerbissen in seinen Armen in Stücke reissen.
Am Morgen nach dem Traum konnte Meyer dieses Bild nicht vergessen. Also erledigte sie ihre häuslichen Pflichten und setzte sich dann hin, um den Traum detailliert aufzuschreiben. Und sie konnte gar nicht mehr damit aufhören. Nach drei Monaten war ihr Manuskript auf 500 Seiten angewachsen. Sie schickte es an 15 Verlage. Neun sagten ab. Fünf meldeten sich nicht. Einer griff zu. Am 5. Oktober 2005 erschien das amouröse Gruselabenteuer unter dem Titel «Twilight» und wurde sofort ein internationaler Bestseller. Bis heute hat Meyer sieben Millionen Bücher verkauft. Inzwischen gibt es Edward und Bella Partys, Vampir-Verlobungsringe und –T-Shirts, und die Verfilmung «Twilight» startet morgen in der Deutschschweiz. Meyers Gatte konnte seinen Brotjob aufgeben und kümmert sich um die Kinder, während seine Frau die Saga weiter spinnt.
Romantasy
Was macht «Twilight» so erfolgreich? Vielleicht die Mischung aus Grusel und Erotik, obschon weder der Grusel noch die Erotik sich an Konventionen halten. Mit der tradierten Vampir-Mythologie geht Meyer ziemlich frei um, sie habe sogar erst mit einer eigentlichen Recherche begonnen, als sie ihr erstes Buch schon beinahe geschrieben hatte, sagte sie. Ebenfalls auffällig ist die sexuelle Zurückhaltung, ja Keuschheit, die Meyers Figuren üben. Auch hier vertritt sie den simplen Standpunkt: Wer gleich auf Sex gehe, der verpasse die Hauptsache. Zum Beispiel die Sensation einer ersten flüchtigen Berührung, eines vielsagenden Blickes. Die Teenies danken Meyer ihre Keuschheit mit eifrigem Interesse.
Literarische Ambitionen hat Stephenie Meyer nach eigenem Bekunden ebenfalls keine. Sie will bloss ihre Geschichten erzählen. Und diese enthalten eine zentrale Botschaft: Der Mensch ist frei zu entscheiden. Ein Vampir kann sich als lendenlahmer Mann gebärden und braucht sich deswegen nicht zu schämen. Mädchen dürfen nein sagen, selbst wenn ihr Angebeteter überirdisch schön ist. Selbst wenn er ein Vampir ist. Kein Wunder, fliegen auf die Teens auf die Geschichten. Experten orten bereits ein neues Genre namens «Romantasy» – die Verquickung gefühliger Teenie-Dramen mit Fantasy-Elementen. Zielpublikum: junge Mädchen. Ob allerdings eine andere Autorin so traumhaft sichere Erfolgsgeschichten schreiben wird, darf bezweifelt werden. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.02.2009, 13:18 Uhr

















