Die Weltgeschichte vom Trottoir aus
Von Lucie Machac. Aktualisiert am 08.02.2011 1 Kommentar
«Da haucht einen die Weltgeschichte an – und man merkt es nicht», echauffiert sich Alex Capus beim Mittagessen über den Lauf der Dinge. Einmal sei er mit Alt-Bundesrat Adolf Ogi und Prinz Charles im Neat-Stollen gewesen. «Die ganze Situation hatte überhaupt kein geschichtliches Pathos, wir waren einfach drei Pappnasen mit gelben Helmen auf dem Kopf.» Erst im Nachhinein sei ihm aufgegangen, wo er da hineingeraten war.
So ähnlich dürfte es auch Capus’ Grossvater ergangen sein, der den 49-jährigen Autor zum Roman «Léon und Louise» inspiriert hat. Den Franzosen hat die Weltgeschichte gleich mehrmals angehaucht – er hat sowohl den Ersten wie auch den Zweiten Weltkrieg erlebt, letzteren als Polizeichemiker in Paris. Wie der Romanheld Léon hätte auch der Grossvater mit der Baguette unter dem Arm Adolf Hitler begegnen können, sinniert Capus und lobt die schmackhafte Suppe. Zum Gespräch hat er in sein eigenes Lokal geladen, ins Oltner «Flügelrad», das er mit dem Berner Autor Pedro Lenz und dem Journalisten Werner De Schepper gekauft hat. Man habe sich für eine «richtige Quartierbeiz» entschieden, «mit gesunder Hausmannskost, ohne Schnickschnack».
In Würde zu dritt leben
Ein Rezept, das offenbar auch bei der Liebesgeschichte im Roman zur Anwendung kam. Ohne grossen Gefühlsschnickschnack, bisweilen ziemlich leidenschaftlos, immerhin aber mit einer Prise Ironie erzählt Capus eine verblüffend bodenständige Dreiecksbeziehung zwischen Léon, Louise und Yvonne. Natürlich sei die Schilderung fiktiv, doch sein Grossvater habe neben seiner Frau tatsächlich eine Herzensfreundin gehabt, gesteht der Enkel. «Ich wollte keine romantische Liebe, sondern eine Geschichte des Zusammenbleibens erzählen, in der jeder seine Würde bewahrt, aber auch Opfer bringt, damit es zu dritt funktioniert», so Capus, der von sich sagt, dass ihn die grossen Lebensfragen nicht interessieren. «Auch die Liebe besteht nicht einfach aus metaphysischen Momenten, sondern ganz wesentlich daraus, was Menschen in ihrer Auseinandersetzung mit der Umwelt miteinander erleben.» Und da es in «Léon und Louise» nichts weniger als ein Stück Weltgeschichte ist, kann Capus die historischen Fakten konsequent aus der Sicht von drei Normalsterblichen schildern. Oder wie er es nennt: «die Geschichte des 20.Jahrhunderts aus der Trottoirperspektive wiedergeben.»
Wie bei seinen früheren Tatsachenromanen («Reisen im Licht der Sterne», «Eine Frage der Zeit») hat er ausgiebig recherchiert und spannende historische Ereignisse aus der Versenkung geholt. Wer weiss denn schon, dass in Paris ein «Ministerium der Schande» existierte, das Fichen über Flüchtlinge anlegte? Oder dass die Französische Nationalbank zwei- bis dreitausend Tonnen ihrer Goldreserven während des Zweiten Weltkriegs nach Afrika in Sicherheit brachte? Wobei: Einige Tonnen sind laut Capus’ Recherchen unterwegs auf wundersame Weise verschwunden.
Im Mercedes durch Afrika
Recherchieren, das bedeutet für den Historiker Capus immer auch reisen, um sich ein plastisches Bild der Historie zu machen, Abenteuer inbegriffen. Diesmal hat er in Afrika eine tolle Reisevariante entdeckt. «In Dakar kommen Exportautos an, die dann ein junger Bursche an ihre Destination irgendwo in Afrika fährt», erzählt Capus, mittlerweile beim Risotto angelangt. «Für 50 Euro kann man mit dem Kurier bequem in einer Mercedes-Limousine mitfahren – quer auf den hinteren Sitzen schlafend.» Am Zielort angekommen, interessiert ihn vor allem, wie es dort riecht, ob im Fluss wirklich Nilpferde leben oder noch plastischer: Kann man vom Fenster aus ein ungeniessbares Poulet in den Fluss werfen?
Doch Lokalkolorit allein macht noch keine lebensechte Geschichte aus. Capus liest immer auch Tagebücher und Briefe, in denen er auf jene Alltagsdetails stösst, die seinem Roman erst das Mitten-drin-Feeling einhauchen. Etwa, wenn Léon seinem Sohn Anweisungen gibt, wie er die Deutschen zu grüssen hat. «Als Erzähler ist man immer dankbar, wenn Tragik mit Ironie gewürzt ist», kommentiert Capus die Szene und leitet damit zu den Giftmorden über, mit denen sich Léon als Polizeichemiker befassen muss und die beim Einfall der Deutschen rasant ansteigen. «In Krisenzeiten gibt es zwei Giftwellen – die eine verursachen Selbstmörder, die andere all jene, die sich endlich trauen, den Ehepartner umzubringen», frotzelt Capus.
Der Espresso ist inzwischen ausgetrunken. Eine Frage liegt einem aber noch auf der Zunge: Warum hat Capus seine Familiengeschichte erst jetzt als Romanvorlage genutzt? «Literatur darf natürlich nicht alles, aber mein Grossvater ist seit einem Vierteljahrhundert tot, da hält er etwas aus», meint der Autor schmunzelnd. «Und ich bemühe mich ja, mit meinen Figuren respektvoll umzugehen.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 08.02.2011, 13:41 Uhr
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