Die Antithese zu Amy Winehouse
Von Daniel Arnet. Aktualisiert am 02.08.2011
Hank Williams: «I’ll Never Get out of This World Alive»
Steve Earle: «Copperhead Road»
Steve Earle: «I'll Never Get Out of This World Alive», Blessing-Verlag, ISBN: 3-89667-463-3.
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Dieser Tage riefen es die Medien wieder einmal in Erinnerung: Ob Janis Joplin, Jimi Hendrix oder jüngst Amy Winehouse – sie alle starben im Alter von erst 27 Jahren. «The good die young», pflegt man angesichts solcher Schicksale flapsig zu sagen.
Auch der Lebensweg des angesehenen Countrysängers Steve Earle (erfolgreichstes Album: «Copperhead Road») führte über Drogen. Doch er schien die himmlische Aufnahme in den «Club der 27-Jährigen» verpasst zu haben und begann in den 1990er-Jahren als alternder Junkie seinen Kampf gegen seine schwere Alkohol- und Heroinsucht.
Mit Erfolg: Danach begann Earle wieder fleissig, Countrysongs mit sozialkritischen Texten zu schreiben. So sang er im Filmsong «Ellis Unit One» zum Hollywoodstreifen «Dead Man Walking» gegen die Todesstrafe an und machte mit dem 2004 veröffentlichten Album «The Revolution Starts … Now» nochmals seine Ablehnung des von der Bush-Regierung geführten Afghanistan-Krieges deutlich.
Doc in der Gosse
Und nun, mit 56 Jahren, legt er seinen ersten Roman vor. Und angesichts dieses Werks wird überdeutlich: Wir alle wären um einen grossen Lesespass gekommen, wenn Steve Earle an Drogen zugrunde gegangen wäre. «I'll Never Get out of This World Alive» ist ein Trip, der süchtig macht nach mehr Buchstaben. Und diese Sucht hat noch niemandem geschadet.
Der Titel des Romans ist gleichzeitig der eines Songs des legendären US-Countrysängers Hank Williams, den Steve Earle über alles verehrt. «I'll Never Get out of This World Alive» war 1952 die letzte Single, die zu Lebzeiten von Williams herauskam: Er starb am 1. Januar 1953 im Alter von erst 29 Jahren. Auch wenn Williams von Alkohol und Morphium abhängig war, sind die Todesumstände bis heute nicht ganz geklärt.
Und hier klinkt Steve Earle mit seinem Buch ein: Die Hauptfigur des Romans ist Doc, ein Arzt, der schon einmal bessere Zeiten gesehen hat: «Als Doc aufwachte, war ihm schlecht, jede Zelle in seinem Körper schrie nach Morphium», lautet der erste Satz. Obwohl aus einer angesehenen Ärztefamilie stammend, landet Doc in der Gosse: Er praktiziert nun im texanischen San Antonio und verdient sein Geld mit Abtreibungen, die er bei Huren aus dem Grossstadt-Moloch vornimmt.
Hank Williams Geist
Doc hatte dereinst einen berühmten Patienten: Hank Williams. Seit der auf dem Rücksitz von Docs Cadillac an einer Mischung aus Drogen aus dem Leben geglitten ist, plagen den Arzt Schuldgefühle. Und Hank Williams erscheint ihm immer wieder als quälender Geist: «‹Na komm schon Doc. Kannst Du mir nicht aushelfen? Mein Rücken bringt mich um!› ‹Du bist doch längst tot!›, bellt Doc. ‹Jetzt lass mich zufrieden!›»
Hank Williams war tatsächlich auf dem Rücksitz eines Autos tot aufgefunden worden. Allerdings führte das Auto sein College-Kollege Charles Carr. Der fuhr den Sänger in der Silvesternacht 1952 durch Nacht und Nebel zum nächsten Auftrittsort. In Knoxville, Tennessee, bekam Williams vom Arzt P. H. Cardwell eine Vitaminspritze, die auch Morphium enthielt. Danach ging die Fahrt weiter nach Oak Hill, West Virgina, wo Carr tanken musste und bei dieser Gelegenheit den Tod von Williams feststellte.
Steve Earle hat nun diese Fakten fiktionalisiert und kurzerhand den Doktor zum Fahrer gemacht und zur Hauptfigur des Romans hochgeschrieben. «I'll Never Get out of This World Alive» ist eine gewitzte und witzige Umdichtung der Musikgeschichte von einem, der sehr genau weiss, worüber er schreibt. Kritiker und Kollegen waren denn auch begeistert von Earles schriftstellerischem Debüt: «Der feinsinnige und tiefgründige Roman eines brillanten Songwriters», urteilte der Schriftsteller Michael Ondaatje («Der englische Patient»). Und die Sängerin und Dichterin Patti Smith meinte: «Steve Earles Debütroman ist wie ein Traum, der einem lange im Gedächtnis bleibt, voller Kraft und Poesie.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.08.2011, 15:09 Uhr







