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Der alltägliche Krieg im Krieg um Srebrenica

Von Dario Venutti. Aktualisiert am 08.06.2009 2 Kommentare

Zeugenbericht eines Genozids: Nüchtern und beklemmend zugleich schildert Emir Suljagic, wie sich Srebrenica unter dreijähriger serbischer Belagerung zivilisatorisch zurückbildete.

<i>Emir Suljagic: Srebrenica – Notizen aus der Hölle. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 2009. 240 S., ca. 32 Fr. </i>

Emir Suljagic: Srebrenica – Notizen aus der Hölle. Paul-Zsolnay-Verlag, Wien 2009. 240 S., ca. 32 Fr.

Wo warst du am 11. Juli 1995? Diese Frage, schreibt Emir Suljagic in seinem Buch «Srebrenica – Notizen aus der Hölle», würde er all seinen Freunden am liebsten stellen, die er nach der Eroberung der Stadt durch serbische Truppen kennen gelernt hat. Doch der Journalist, der derzeit am Institut für Friedens- und Sicherheitspolitik in Hamburg studiert, wagt nicht zu fragen, weil er die Antworten scheut. Suljagic befürchtet, dass sie in irgendeiner Form an dem «ungeheuren Verrat an der Menschheit» beteiligt waren, der an diesem Tag in der ostbosnischen Stadt verübt wurde. Vielleicht gingen sie ihren Alltagsgeschäften nach, vielleicht standen sie im Stau gen Süden oder lagen irgendwo am Strand. In Europa herrschte zu dieser Zeit eine Hitzewelle, welche die Meteorologen sinnigerweise Zerberus (Höllenhund) nannten.

Bürokratische Beihilfe zum Genozid

Am 11. Juli 1995 konnte oder wollte jedenfalls niemand der muslimischen Bevölkerung von Srebrenica helfen. General Ratko Mladic, der sich noch heute irgendwo in Serbien vor dem Zugriff des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag versteckt hält, nahm die Stadt nach dreijähriger Belagerung ein. Rund 8000 Männer wurden in den folgenden Tagen auf industrielle Weise getötet. Srebrenica war das grösste Massaker in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg und ist zur Chiffre geworden für das Versagen des Westens und der Uno. Zwei Jahre vor dem Genozid hatte diese die Stadt zur Schutzzone erklärt und dort Militärbeobachter stationiert. Als Mladic einmarschierte, tranken die holländischen Uno-Soldaten mit ihm Schnaps. Emir Suljagic hat Srebrenica zufällig überlebt. Zusammen mit seinen Eltern flüchtete er als 17-Jähriger zu Beginn des Bosnienkrieges 1992 in die Stadt. Irgendwann unterhielt er sich mit einem kanadischen Soldaten über die Seen in Ontario. Der Soldat war dermassen beeindruckt von dessen Geografiekenntnissen, dass er ihn seinem Vorgesetzten als Übersetzer empfahl, als dieser zufällig um die Ecke kam. Beim Fall der Stadt stand Suljagics Name auf einer Liste von einheimischen Uno-Angestellten, welche die Serben unbehelligt lassen mussten. Es waren insgesamt 17 Personen.

Muhamed Nuhanovic, der Bruder eines Übersetzerkollegen von Suljagic, hatte weniger Glück. Suljagic und sein Übersetzerkollege nahmen ihn als Nummer 18 auf die Liste. Sie sagten den holländischen Uno-Soldaten, Nuhanovic sei kürzlich als Putzmann der Uno angestellt worden, die Zeit habe nicht ausgereicht, ihm einen Ausweis auszustellen. Als ein Soldat den Arbeitsvertrag sehen wollte, war der Lug aufgedeckt. Er strich ihn von der Liste. «Ich kann nicht glauben, dass er es mit einem rosa Filzschreiber getan hat, vielleicht hätte er schwarz sein müssen. Er strich einen Namen, einen Menschen, ein Leben aus.»

Einziger Zeugenbericht

Suljagics Buch ist der einzige Zeugenbericht über das Leben in der belagerten Stadt. Der Autor schreibt ohne Rachegefühle gegenüber Serben und schildert in nüchterner und zugleich beklemmender Weise, wie sich unter den Belagerten eine Art Naturzustand einstellte: Der Kampf um Nahrung, Zigaretten (dem wichtigsten Währungsmittel) und gegen die Todesangst verdrängte sämtliche zivilisatorischen Normen. «Die Serben behandelten uns wie Tiere, und wir begannen uns selber wie Tiere zu benehmen.»

In der Stadt herrschte eine «innere Belagerung», weshalb der Graben zwischen den Privilegierten und den gewöhnlichen Bewohnern täglich grösser wurde. «Gesetze gab es keine, die Herrschaft lag in den gegenseitigen Machtbeziehungen begründet.» Weil sein Onkel keine Macht hatte, wurde er erschossen, als er zu einem Pallet mit britischen Keksen aus dem Jahr 1968 rannte, das als humanitäre Hilfe abgeworfen worden war. Gegen den Mörder wurde nie ermittelt, denn er war mit einer Schlüsselfigur der Stadtregierung verwandt.

Die Privilegierten fuhren in Autos herum und schlugen sich den Bauch auch in Zeiten grössten Hungers voll, während die gewöhnlichen, schlecht gekleideten Menschen Dutzende von Kilometern zu Fuss zurücklegen und froh sein mussten, wenigstens einmal täglich essen zu können. Die Warlords rauchten Marlboros, die sie den internationalen Soldaten abkauften, wogegen der grosse Rest einheimischen Tabak in miserables Papier einwickelte, der beim Rauchen den Rachen zerkratzte und schwarze Asche hinterliess.

Ein Tabubruch

Nachdem Srebrenica im April 1993 zur Schutzzone erklärt worden war, traf die humanitäre Hilfe auch auf dem Landweg ein – sofern die Belagerer die Einwohner nicht nervös machen wollten und die Konvois tagelang nicht passieren liessen. Der bessere Teil der Hilfe – von neuen Turnschuhen bis zu Levi's-Jeans – landete in privaten Lagern der städtischen Funktionäre und Warlords. Nachdem die Bevölkerung protestiert hatte, wurde der Anführer der Demonstration in der Nacht darauf ermordet. «Die Stadt verstummte. Die Praxis wurde fortgesetzt.» Die Bevölkerung musste auch tatenlos zusehen, wie Schlägertrupps, die sich Militärpolizei nannten, am helllichten Tag auf offener Strasse Männer jeden Alters kidnappten und sie an die Front in den sicheren Tod schickten.

Die Erzählung Suljagics sei vor marodierenden Geschichtsfälschern zu schützen, schreibt Michael Martens, Balkan-Korrespondent der «Frankfurter Allgemeinen», im Nachwort. Als das Buch vor drei Jahren in Bosnien erschien, wurde Suljagic von bosniakischen Nationalisten als Verräter beschimpft. Sein Buch rührt an ein weit verbreitetes Tabu: Nicht nur Serben waren Täter, nicht allein Muslime waren Opfer.

Normalität gab es nur als Imitation

Suljagic beschreibt, wie muslimische Einheiten unter dem Kommando von Naser Oric umliegende serbische Dörfer überfielen und auf der Suche nach Nahrung und Waffen die Zivilbevölkerung massakrierten. Solche Nachrichten hörte man in Srebrenica voller Schadenfreude. «Es war ein sicheres Zeichen, dass wir den Serben immer ähnlicher wurden. Das Opfer begann unvermeidlich dem Mörder zu gleichen.» Naser Oric wurde später in Den Haag als Kriegsverbrecher verurteilt, ehe die Berufungskammer das Urteil aufhob.

Suljagics Buch hat hohen dokumentarischen Wert. Weil er den Eingeschlossenen von Srebrenica keine moralische Überlegenheit andichtet, korrigiert er die im Westen verbreitete Sicht, welche die bosnischen Muslime zu besseren Menschen verklärt. Doch warum soll ein Opfer ein besserer Mensch sein? Suljagic zeigt, dass es zu hassen lernt, wenn es stets erniedrigt und bedroht wird. Zu einem unbestimmten Zeitpunkt wird das Opfer dann selber zum Täter.

Die Erzählung aus Srebrenica ruft in Erinnerung, dass die zivilisatorische Schicht, auf der wir uns bewegen, dünn ist. Trotz längerem Vorlauf auf politischer Ebene brach der Krieg plötzlich in den Alltag der Menschen ein und verwandelte ihn auf einen Schlag in eine darwinistische Wüste. In Srebrenica gab es danach keine Normalität mehr. Normalität konnte nur imitiert werden. So richteten die Bewohner in den Räumen einer stillgelegten Fabrik ein Kino ein und schauten Filme aus dem Vorkriegsbestand der Videothek. Dafür standen sie Schlange und zahlten zwei Zigaretten Eintritt. «Dieses Kino hätte sich irgendwo auf der Welt befinden können – mit dem Unterschied, dass ausserhalb der Mauern dieses armseligen Fluchtversuchs der Krieg wütete und völlige Finsternis herrschte.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2009, 11:37 Uhr

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2 Kommentare

Ronnie König

08.06.2009, 15:10 Uhr
Melden

Ein beklemmender Bericht! Und so was könnte jederzeit auch in der schönen heilen Schweiz genau so ablaufen! Die Erkenntnis: Der Krieg ist die schlechteste und unmenschlichste Lösung. Die Mächtigsten setzen am häufigsten darauf und der Kleine zahlt am meisten für nichts und Tod. Antworten


Thomas Scöni

24.12.2010, 20:03 Uhr
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Man google mal nach "Srebrenica - der Kronzeuge" von Germinal Civikov. Oder nach "Srebrenica - die Geschichte eines salonfähigen Rassismus" und "Srebrenica - wie es wirklich war" von Alexander Dorin. Damit erhält auch die andere Seite eine Stimme. Antworten



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