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Der Chronist vom Lande

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 14.12.2012 1 Kommentar

Ernst Burren, eine Legende der Mundartliteratur: Wer erfahren will, wie es um unser Land, seine Menschen, seine Dörfer steht, liest Burren. Oder besucht ihn in seinem Oberdorf nahe Solothurn.

«Manche nennen unseren Dialekt den Unterhund des Berner Dialekts»: Der Solothurner Mundartautor Ernst Burren.

«Manche nennen unseren Dialekt den Unterhund des Berner Dialekts»: Der Solothurner Mundartautor Ernst Burren.
Bild: Doris Fanconi

Burren, Ernst, «Dr Troum vo Paris. Mundartgeschichten.», Cosmos, 143 Seiten, ISBN 978-3-305-00416-4, CHF 29.90.

Dr Troum vo Paris

Eine Hörprobe von Ernst Burren.

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Schneetreiben über Solothurn, es flockt wie wild, doch Ernst Burren stellt sich pünktlich bei der Bahnhofstreppe ein. Sein Auto ist in der Nähe parkiert, er fährt vorsichtig los und erzählt bald einmal von einem Brief, der eben angekommen sei und ihn berührt habe. Der Brief stammt von einem Ehepaar aus Wetzikon, pensionierten Lehrern. Sie lesen einander Burrens Texte zum Frühstück vor.

Burren, Mundartautor, ist mit 68 Jahren die Langzeitlegende der Schweizer Literatur. Er ist nicht berühmt, aber bekannt. Er hat keine riesige Leserschaft, aber eine treue. Die Kritiker rühmen ihn durch die Jahrzehnte, er hat renommierte Preise bekommen, namhafte Theaterregisseure haben seine Texte inszeniert.

Kein Heimatdichter

Das Auto quert jetzt Oberdorf, das auf dem Leberberg liegt, einer Geländeterrasse nördlich von Solothurn. Oberdorf ist Burrens Lebensort seit Geburt, hier beobachtet er, was er in Literatur fasst. «Dr Troum vo Paris», sein eben erschienenes 25. Buch,* ist wieder eine Sammlung solcher Lebensausschnitte. Da ist etwa der Schüler, der auf dem Spielplatz eine Kröte hat massakrieren wollen: «dä jonas heigi mit sim mässer / dä chrott verfouget und immer wider grüeft / jetze hani ne jetze hani ne / i schnid em grad d bei ab.»

Burren ist kein Heimatdichter, kein Bluemete-Trögli-Poet, kein Verklärer des Solothurnischen, kein Jurasüdfuss-Nostalgiker. Ihn interessiert nicht, was sein soll, sondern, was ist. Er belehrt nicht, er zeigt. Genau deshalb soll es beim Treffen mit ihm um Heimat gehen. Um Dialekt und Hochdeutsch. Und um den Zustand der Schweiz – ein Thema, das diesen Monat wieder einmal vermehrt zu reden gibt, weil das Volk vor exakt 20 Jahren Nein zum EWR sagte.

Kindheit in der Grossfamilie

Burren biegt am oberen Ortsrand rechts in den Reckholderweg ein, hat nun den steilen Weissenstein-Hang zur Linken. Einfamilienhäuser, Kinder mit Schneeschaufeln vor einer Einfahrt, schliesslich sein Haus. Er parkiert auf dem Vorplatz. Die Garage hat er zur Wohnung umgebaut, für seine Mutter. 100-jährig wird sie im nächsten September, ist dabei einigermassen zwäg, kocht noch selber für sich und manchmal auch für ihn, den Ledigen. «Es ist Zeit, dass ich selber damit anfange, irgendwann muss ich es doch können», sagt Burren in seiner singenden Diktion.

Er führt in die Wohnstube. Ein Thermoskrug mit Heisswasser und der Nescafé stehen parat. Daneben Solothurner Kuchen: Biskuit, gemahlene Haselnüsse, Meringue, Rahm. Durch die Glasfront sieht man auf einen Acker. Von rechts schiebt sich eine Siedlung ins Bild. Weiter weg sähe man Solothurns Kathedrale und Hochhäuser. Und dahinter den Alpenkranz. Doch der Himmel ist verhangen.

Burren erzählt nun von seiner Oberdörfer Kindheit als Bauernsohn. Er wuchs in einer Grossfamilie auf, alle hatten immer alle Hände voll zu tun, ein Dutzend Kühe wollte versorgt sein. «Im Sommer gingen wir zu zehnt das Heu kehren. Die Landwirtschaft ohne Maschinen war enorm anstrengend. Heute sieht man auf dem Feld einen einzelnen Bauern auf dem Traktor.»

Heimat – eine «seelische Sache»

Oberdorf damals war ein Dorf mit vielen kleinen Läden, es genügte sich selber. Oberdorf heute ist Agglo, ein, wie Burren sagt, «Vorort von Solothurn» mit rund 1700 Einwohnern. Damals gab es viele Vereine, Burren spielte in der Dorfmusik Trompete. Heute kann es ihm passieren, dass er auf dem Weg zum einzigen noch verbleibenden Laden, dem Volg, niemanden kennt. Damals lebten in Oberdorf praktisch nur einfache Leute. Heute wohnen hier viele Akademiker; Ingenieure, Gymnasiallehrer, Chirurgen. Wenn unten in Solothurn der Nebel die Aare entlangkriecht, scheint in Oberdorf des Öftern die Sonne.

Ist dieses total veränderte Oberdorf noch seine Heimat? Heimat sei «eine seelische Sache», antwortet Burren. Seine Heimat, das seien die Leute, die er möge, die ihm nah seien. Die Familie, die Verwandten, Freunde. Aber der Weissenstein, der als Solothurner Hausberg die Gegend dominiert, diese charismatische Erhebung – stiftet der Weissenstein nicht doch Heimat? Er sei halt kein Berggänger.

Und tut ihm das nicht weh, wie sich Oberdorf verändert hat? «Alte Leute vermissen die Nachbarschaftshilfe. Dass man miteinander redet.» An dieser Stelle scheint es, als ob Burren, der nicht alt wirkt, sondern zeitlos, ausweiche. Also nochmals die Frage: Tut das wirklich nicht weh, wie manche Schweizer Orte ihre Seele verloren haben? «Es ist so, wie es ist. Ich verspüre keinen Schmerz.»

Genauigkeit des Dialekt

Burren schreibt in seinem Leberberger Dialekt, den immer weniger Leute reden. «Schule» heisst in seiner Sprache «Schueu». «Milch» «Müuch». «Mühe» «Miei». Einst absolvierte er das Lehrerseminar, verkehrte in den Siebzigerjahren mit Grössen wie den Bernern Kurt Marti und Ernst Eggimann. Das waren Schriftsteller mit einer politischen Ästhetik; man wollte die einfachen Leute erreichen, indem man ihre Sprache aufnahm; daher schrieb man gern auch im Dialekt. Burren tat es ihnen nach, schreibt seit damals konsequent klein und ohne Satzzeichen und ist dabei geblieben. Aber vielleicht konnte er gar nicht anders, als Mundart zu verwenden. Als Junger verfasste er probehalber einen Roman auf Hochdeutsch. «Um Himmelswillen» habe das Buch geheissen. Er schickte das Manuskript an den Zürcher Diogenes-Verlag. Dessen Verleger Daniel Keel zitierte ihn zu sich, erklärte ihm, das könne man nicht bringen; es sei sprachlich einfach ungenau.

Seit sich Burren auf den Dialekt beschränkt, ist er genau. Was macht nun aber eigentlich die Sprache des Solothurners aus? Wieder kommt von ihm eine allgemeine Formulierung. «Manche Leute nennen unseren Dialekt den Unterhund des Berner Dialekts.»

Umbruch und Erschütterung

Solothurn und Bern, das sind benachbarte und doch verschiedene Sprachwelten. Das Berndeutsche riecht nach wie vor nach dem Chauvinismus des einstigen Patrizier-Grossreichs. Der Kanton Solothurn hat keine Imperialgeschichte. Sein Dialekt spiegelt mehr Umbruch und Erschütterung: Solothurn von Olten bis Grenchen ist geprägt durch die Industrialisierung, durch Fabriken, Steinbrüche, Arbeiter. Es gebe, erläutert Burren, nicht einmal eine Solothurner Grammatik. Er hat sich selber zurechtgelegt, wie er seine Wörter buchstabiert. Manieriert ist da gar nichts, diese Sprache schwelgt nicht und feiert nicht sich selber; es geht darum abzubilden. Die Oberdörfer. Wobei es Burren wiederum fremd wäre, auf die Eigenart seiner Region hinzuarbeiten. «Der Bildhauer Alberto Giacometti, ein Bergeller, hat auch keine Bergeller modelliert. Sondern Menschen.»

Der Vorteil der Dialektschreiberei sei, sagt Burren, «dass ich die Leute berühren kann. Ich höre die Stimme, in der ich schreibe. Ich bin seelisch mehr beteiligt.» Der Nachteil sei, dass man viel weniger Leser erreiche. «Wenn ich von einem Buch 1500 Stück verkaufe, ist das schon sehr gut.» Einst habe er sich zu einer Lesetour durch Österreich und Deutschland überreden lassen. Er habe aber schnell gemerkt, dass man ihn nicht verstand. «Ich musste mich selber ins Hochdeutsche übersetzen.»

Geschichten aus der Wirtschaft

Zeit für einen Spaziergang durch Oberdorf. Ernst Burren spannt gegen das horizontale Geflock den Schirm auf, muss ihn aber wieder zutun; es windet zu heftig. Die Schuhe machen im Neuschnee Knarzgeräusche. Auf dem Weg durchs Dorf erläutert der Schriftsteller, der gleichzeitig Lehrer war, bis er sich mit 59 frühpensionieren liess, wie die Moderne gewütet hat. Die alte Schule, die Schlachterei, die Metzgerei, alles verschwunden oder doch umgenutzt. Zum Mühlerad, das so schön malerisch renoviert ist, gehörte früher ein Müller; das romantisierende Dekorationsstück war Teil eines Gewerbes.

Der Sternen vis-à-vis ist keine Wirtschaft mehr, sondern ein Gewerbelokal mit einem Computerladen im Erdgeschoss. Mustert man das lang gezogene Haus, merkt man, dass es nur zur Hälfte eine Wirtschaft war; die andere Hälfte bestand aus Ställen und einem Tenn. Eine Plexiglasplakette vermerkt, dass es sich um das «Ernst-Burren-Haus» handelt. Im Sternen ist der Autor aufgewachsen. Seine Familie bauerte nicht nur, sondern wirtete auch. In einer solchen Beiz wurde damals kaum gegessen, allerhöchstens Wurst und Brot kamen auf den Tisch. Dafür wurde getrunken, ja gesoffen. Bier vor allem. Bauern und Büezer verhockten bisweilen den ganzen Tag. Man kennt diese Misere von Gotthelf.

Und auch in den Romanen von sogenannten Volksschriftstellern wie Arthur Honegger und Walther Kauer kommt sie vor. «Es gab Schlägereien», erinnert sich Burren. «Manchmal kam die Frau den betrunkenen Mann holen.» In der Wirtschaft hat er als Kind beobachten gelernt, hat er jene kleinen Geschichten gesehen und gehört, die er nun selber verfasst als Chronist vom Lande und Chronist des Landes.

Polemisieren ist ihm fremd

Eine halbe Stunde später, zurück in der warmen Wohnung, wendet sich das Gespräch der Politik zu. Ernst Burren ist volksnah. Ernst Burren verweigert das Hochdeutsche. Ernst Burren wuchs schollennah auf – ist er also ein SVP-Anhänger? Er schildert ein Missverständnis, das ihn ärgert: Eine seiner Geschichten handelt von einem Mann, der nicht mehr in den Gemeinderat gewählt wird. Der Mann ist Blocher-Anhänger und rühmt Blocher. Dieser Text kam im Radio. Und weil manche Leute nicht so genau hinhören, wenn sie Radio hören, gab es dann, so Burren, «Blocher-Feinde, die meinten, ich sei ein Blocher-Freund», und sich beschwerten.

Ernst Burren ist kein SVPler. Er ist kein Verherrlicher der Vergangenheit. Anprangern, Polemisieren sind ihm fremd. Er betrachtet Menschen, bringt ihre Geschichten, Ideologie oder Moral interessieren ihn nicht.

Zum Schluss erzählt er, wie er kürzlich vor dem Fernseher sass. In der «Tagesschau» kam ein Bericht über das EWR-Nein von 1992 und das Bieler Treffen von Nationalkonservativen dieser Tage zum Jubiläum. Wieder gingen wie damals Innerschweizer Treichler um. Angst habe er verspürt angesichts der aggressiven Truppe, sagt Burren und korrigiert sich gleich: «Reden wir lieber von einem ungemütlichen Gefühl.» – «Wo haben die denn die ausgegraben?», habe er sich gefragt. «Das ist eine Schweiz, die ich nicht kenne.» Im Kanton Solothurn gebe es diese Art Militanz nicht: «I gsuch die Lüüt nid, wo das mieche.»

Warum er doch politisch ist

Bevor er den Besuch wieder zum Solothurner Bahnhof chauffiert, liest Ernst Burren ein kurzes Gedicht vor. Es heisst «Die nüii Chüuche», die neue Kirche, und handelt von einer Veronika, die «die beste Katholikin im Dorf war», bis sie aus der Kirche austrat. Nun hat sie eine Partei gefunden, deren «oberster Chef» an einer grossen Parteiversammlung mindestens so inbrünstig redet wie ein Pfarrer. Mit den Leuten singt er das Sennenlied «Gang rüef de Bruune». Veronika ist begeistert, sie hat eine neue Heimat gefunden, eine Pseudoreligion.

Ernst Burren hat nie über Politik geschrieben; er ist kein SPler, ehemaliger Bundesrats-Redenschreiber, Essayist wie Peter Bichsel, ebenfalls Solothurner, ebenfalls Dichter. Und doch erfährt man aus Ernst Burrens Geschichten präzis, wie es um dieses Land, seine Menschen, seine Dörfer steht. Und also ist er doch ein politischer Schriftsteller. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.12.2012, 15:40 Uhr

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1 Kommentar

walter gfeller

30.03.2013, 14:43 Uhr
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ich finde den Artikel sehr gut und treffend. ich habe einige werke von ernst burren gelesen und ihn auch mehr als einmal zu einer Lesung eingeladen, ihn sonst mehrmals gehört. Sein Dialekt ist Leberberger Mundart, und er singt in einem Tonfall, der einem Berner eher fremd ist. Aber seine geschriebene Sprache gleicht dem Oberaargauer Bärndütsch aufs Haar. Und das ist eben auch "Sprache des Volkes" Antworten



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