Kultur
Bollywood in Bangladesh
Autorin Tahmima Anam (Bild: zvg)
Wer «Bangladesh» hört, denkt an Überschwemmungen und Hungersnöte. Kaum jemand wird sich heute noch daran erinnern, dass das kleine Land am Golf von Bengalen früher Ostpakistan hiess und sich 1971 in einem opferreichen Unabhängigkeitskrieg vom heutigen Pakistan befreite. Auch für Tahmima Anam ist das Geschichte. 1975 in Bangladesh geboren, danach im Ausland aufgewachsen, erzählt sie von ihrer Heimat aus der Distanz. Das ist gut so – obwohl sie klar Stellung bezieht, verklärt Anam die Revolution der Vorfahren nicht. Stattdessen hat die Harvard-Studentin den historischen Hintergrund für ihren Romanerstling akribisch recherchiert. Gekonnt setzt sie ihre vorerst apolitische Heldin Rehana einer politisch explosiven Situation aus.
Verlorene Kinder
Wenn Rehana ihrem Mann vom Krieg in ihrer Stadt Dhaka erzählt, muss sie ihn auf dem Friedhof besuchen. Nach seinem frühen Tod wurden ihr die Kinder genommen – als mittellose Witwe könne sie diese nicht aufziehen, entschied der Richter und sprach sie einem kinderlosen Onkel in Lahore, Westpakistan, auf der anderen Seite Indiens zu. Doch ein Jahr später holte Rehana ihre Kinder zurück. Sie hatte auf den Rat der Nachbarin Mrs Chowdhury gehört und auf dem brach liegenden Teil ihres Grundstücks ein Haus bauen lassen, das sie zu einem guten Preis vermieten konnte. So hatte sie ein regelmässiges Einkommen. Wie sie an das Kapital für den Bau gekommen war, bleibt bis kurz vor Schluss des Romans ein Geheimnis, für das Rehana sich zutiefst schämt.
Ein zweites Mal verliert sie ihre Kinder während des Krieges. Der Ältere, der sanfte Sohail, wechselt bei Kriegsausbruch von der Studentenbewegung direkt in die Guerillaarmee. Im Nachbarhaus, aus dem Rehanas Mieter fliehen mussten, weil sie Hindus waren, quartiert er Genossen ein, im Garten heben sie ein Waffenlager aus. Dann taucht Sohail unter. Die Jüngere, die widerborstige Maya, engagiert sich als Propagandistin, bis ihr die Spitzel der Regierung auf die Schliche kommen und sie über die Grenze bis nach Kalkutta treiben.
Eindrückliche Wandlung
Und was tut Rehana, die vorbildliche Witwe, Mutter, Köchin und Gärtnerin? Sie lässt sich von ihren wütenden Kindern mitreissen, tarnt deren Aktivitäten mit dem Anschein von Alltäglichkeit. Die anfängliche Sorge um Sohail und Maya entwickelt sich langsam zu einem politischen Bewusstsein über das Private hinaus, immer wieder gebremst vom Nachhall der strengen Konventionen, denen sich Rehana bisher gebeugt hat. Meisterhaft zeichnet Tahmima Anam diese innere Entwicklung und schildert deren Wirkung im äusseren Leben.
Bis in die Foltergefängnisse der Armee dringt Rehana mit Papieren des einflussreichen Onkels aus Lahore vor, um Mrs Chowdhurys Schwiegersohn in spe zu retten; verstümmelt und verstört bringt sie ihn der Nachbarin heim. Danach geht sie hinüber in ihr eigenes Haus. Betrachtet durchs Fenster die Blumen im Garten. Und macht sich daran, ein leckeres Daal für die Kämpfer zu kochen.
Liebeskitsch zum Schluss
Rehana bleibt, wer sie ist. Das sorgt an nicht wenigen Stellen für feine Situationskomik. Man folgt dieser anachronistischen Heldin so gern, dass man der Autorin gegen Schluss etwas Liebeskitsch (ein verletzter Guerillahauptmann!) und eine Überdosis Dramatik (kann Rehana auch ihn retten?) verzeiht.
Denn «Zeit der Verheissungen» ist nicht nur ein spannender historischer Roman, sondern auch ein üppig angerichtetes Bollywood-Drama. Dazu passt die bildhafte Sprache, mit der Tahmima Anam ihre Heimat Bangladesh als Kulisse ausmalt: «der schwimmende Schlamm des Deltas, die durchsichtigen Flussfische mit den vielen Gräten, die bunte Palette der Grüntöne auf den Reisfeldern und das offene, herzzerreissende Blau des Himmels über dem flachen Land.»
Tahmima Anam: «Zeit der Verheissungen». Insel Verlag, 317 Seiten.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 18.03.2010, 10:26 Uhr





