Kultur
Irre Show in der Klapse
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Papa, Mama und ein ominöser Psychiater prangen als riesige Videoprojektionen im Raum und fällen ein Urteil über Zorah (Isabelle Flachsmann), die sich alles andere als comme il faut benimmt. Da die Eltern mit dem rebellischen Teenager nicht mehr zurechtkommen, beschliessen sie, das Mädchen in eine psychiatrische Klinik einzuweisen. Die Klinik Waldesheim verlangt nicht viel von den Insassen – nur, dass sie ihr Hirn am Eingang abgeben.
Nicht wie ein Gefängnis, sondern wie ein Ferienresort präsentiert sich diese Anstalt. Solange man sich einfügt und sich weichspülen lässt, kann man hier eine gute Zeit verbringen. Das lässt Zorah allerdings nicht mit sich machen, sodass sie bald einmal Prof.Humboldts (Bo Katzman) Einschüchterungstaktiken zu spüren bekommt. «Damit eins mal klar ist: Ordnung muss sein. Und verletzt einer die Ordnung, den sperr ich ein», droht er in einer musikalischen Solonummer.
Perfekte Illusion
Die Psychiaterin Dr. Scholl (Katja Brauneis) hingegen versucht es bei Zorah mit Gesprächstherapie. Die Ärztin ist heimlich in den Haudegen Humboldt verliebt und träumt von den alten Zeiten, als auch dieser noch an das Gute glaubte. Nachts steigt sie aufs Dach der Klinik und kehrt – natürlich in Form eines Songs – ihr Innerstes nach aussen. Um aufs Dach zu gelangen, benutzt sie den Lift – der Teil des kongenialen Bühnenbildes (Daniel Christen) ist. Dieses besteht aus einer multimedialen Inszenierung, die anhand von Projektionen eine modernistische Architektur mit mehreren Etagen suggeriert und so eine perfekte Illusion einer Klinik ergibt.
Liebenswert gestört
Was in keinem Musical fehlen darf, bleibt auch hier nicht aus: Zorah verliebt sich – in ihren Musiktherapeuten Tim, dargestellt von Ritschi, dem Ex-Leadsänger von Plüsch. Doch bevor die beiden zusammenfinden, rebelliert Zorah natürlich auch gegen ihn. Es kommt zum musikalischen «Battle»: Tim beatboxt, Zorah antwortet mit einer Steppeinlage und springt am Ende gar in den Spagat. Die Patienten kreischen vor Freude. Sängerin und Schauspielerin Mia Aegerter spielt eine von ihnen. Katharina ist hochgradig neurotisch, hat Angst vor Bakterien und trägt das Kuscheltier «Herr Hase» mit sich herum. Mit ihr schafft Mia Aegerter einen wahren Publikumsliebling, gestört und liebenswert zugleich. Ritschi indes spielt wohl sich selbst: den netten Jungen von nebenan. Bo Katzman, der bereits in Marco Rimas Comedymusical «Keep Cool» mitwirkte, spielt seinen Prof. Humboldt souverän. Als dieser eine Pressekonferenz geben muss, läuft Katzman gar zu Höchstform auf.
Irrer Sound
Doch wo bleibt eigentlich Marco Rima, der Regie führt, am Buch mitarbeitete und überhaupt die Idee zu diesem Projekt hatte? Er taucht als Showmaster Bastian immer wieder zwischen den Songs auf und unterhält das Publikum mit etwas simpel gestricktem Schenkelklopfhumor. Dabei macht er sich auch über sich selbst lustig: «Ich bin nicht dick, sondern horizontal herausgefordert.» Doch auch seine Figur ist zum Glück mehrdimensional gestaltet und hat sogar eine etwas diabolische Seite. Bastian spiegelt den medialen Wahnsinn und ruft in Anlehnung an Dieter Bohlens «Deutschland sucht den Superstar» zu «Bastian sucht die Megaband» auf. Er ist ein Menschenfänger, der verspricht: «Groupies, Autogramme, Hotelzimmer zertrümmern. Stylisten, Visagisten, die sich permanent um euch kümmern.»
So kommen die Patienten, angeführt von Zorah, auf die Idee, heimlich im Keller der Klinik zu proben, um an diesem Contest teilzunehmen. Die Band «Die Patienten» – eine Antwort auf die deutsche Band «Die Ärzte» – entsteht. Klar, dass diese Gruppe irren Sound macht. Berühmt werden sie dabei nicht, aber die Musik entpuppt sich als subversive Kraft, die beweist: Eingeliefert sein bedeutet noch lange nicht ausgeliefert sein. (Berner Zeitung)
Erstellt: 02.09.2010, 10:33 Uhr




