Kultur

Doppelte Verführung in Venedig

Von Hans Jürg Zinsli. Aktualisiert am 02.09.2010

Zwischen strapaziöser Ballettkunst und brutalem Ballern: Das 67.Filmfestival in Venedig setzt zur Eröffnung auf grelle Reize. Und lässt die US-Stars Natalie Portman und Jessica Alba um die Wette strahlen.

Noch comichafter als auf der Leinwand: Jessica Alba.

Hat harte Ballettstunden hinter sich: Natalie Portman (Bild: Keystone )

Sie sind 29, stammen beide aus Mischlingsfamilien, und ihr Werdegang könnte unterschiedlicher nicht sein: Während Natalie Portman als Amerikas rehäugigste Kindfrau erfolgreich zwischen Kunst und Kommerz balanciert («Star Wars», Oscarnomination für «Closer»), repräsentiert Jessica Alba mehr jene Art Pin-up-Girl, von der man nicht genau weiss, wofür sie eigentlich steht. Beziehungsweise hängt. Ausser der Comicverfilmung «Sin City» hat Alba nur wenig Zählbares vorzuweisen.

Zur Eröffnung des Filmfestivals in Venedig strahlen beide Stars trotz Jetlag um die Wette – mit gutem Grund. Sie haben ihre Rollen, wiewohl so unterschiedlich wie Tag und Nacht, derart präzise getroffen, dass man sich niemanden sonst darin vorstellen könnte.

Subtiler Kitzel

Natalie Portman taucht im offiziellen Eröffnungsfilm «Black Swan» von Darren Aronofsky, der in Venedig 2008 mit «The Wrestler» triumphierte, in die Welt des Balletts ein. Es ist ein Werk, das hauptsächlich aus Füssen und Spiegeln besteht. Die von Portman verkörperte Titelfigur ergattert die Hauptrolle in «Schwanensee», doch damit beginnen erst ihre Probleme: Während die noch im pinkfarbenen Kinderzimmer bei der Mutter lebende Bewegungsakrobatin den unschuldigen «weissen Schwan» graziös trifft, kommt sie mit dem verführerischen «schwarzen Schwan» überhaupt nicht zurecht.

Was folgt, ist eine psychologische Tour de force, ein subtiler Kitzel, ein mit Illusionen und Zerrbildern gespicktes Drama über die Sexualität einer noch nicht erwachsenen Frau. «Das Balletttraining mit fünf Stunden pro Tag war hart genug», sagt Portman in Venedig. Eine ungleich grössere Herausforderung sei jedoch die Szene gewesen, in der sie ihre ärgste Rivalin küsse und mit ihr ins Bett steige. «Es ist im Grunde eine Sexszene mit mir selbst», bestätigt die Schauspielerin.

Eine gegenläufige Entwicklung – von der toughen Frau zum staunenden Kind – macht Jessica Alba in «Machete» durch, jenem Film, den es jahrelang nur als Trailer gab (im Grindhouse-Film «Planet Terror» von Robert Rodriguez). Erst auf Drängen der Fans ist nun daraus ein ganzer Film geworden. Alba spielt darin eine knapp bekleidete Polizistin, die gelegentlich das anhängliche Kuschelmädchen durchblicken lässt – freilich nur bis es wieder was zu schiessen gibt.

Zweischneidiges Werk

«Ich habe mich bei Regisseur Rodriguez für mehr Action eingesetzt», sagt Alba, deren Gesichtszüge in Wirklichkeit noch comichafter wirken als auf der Leinwand. «Frauen sollten im Film nicht immer nur warten, bis sie von Männern gerettet werden. Sie sollten selbst zulangen.» Leider hätten das erst wenige Regisseure begriffen.

Trotzdem ist «Machete» ein zweischneidiges Hauruckstück um einen männlichen Racheengel geworden: Ein mexikanischer Ex-Polizist, verkörpert vom unverwüstlichen Narbengesicht Danny Trejo, soll nach dem gewaltsamen Tod seiner Frau einen US-amerikanischen Politiker beseitigen. Dabei stösst er auf einen Sumpf aus Korruption, Fremdenhass und Betrug. Rodriguez’ knalliges Schlachtgemälde geizt nicht mit rollenden Köpfen, durchsäbelten Gliedmassen und zweckentfremdeten Därmen. Doch der 66-jährige Trejo sieht das nicht so eng: «Meine Mutter mochte den Film.»

Brutalität hin, Gemetzel her – ein paar köstliche Auftritte gibts dennoch zu bestaunen: Robert De Niro gibt mit Schmackes den politischen Scharfmacher, Don Johnson den schiesswütigen Grenzwächter, Steven Seagal den degenschwingenden Drogenboss und Lindsay Lohan – was wohl? – die dauerbedröhnte Tochter eines dubiosen Strippenziehers, die zum Finale im Nonnenkostüm alles über den Haufen ballert. Amen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 02.09.2010, 07:33 Uhr

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