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«Unsere Gebäude sollen Ruhe ausstrahlen»

Von Ulrike Hark und Caspar Schärer. Aktualisiert am 01.07.2013 34 Kommentare

Architekt Max Dudler sieht die Europaallee als gelungenes Beispiel für Verdichtung. Dekorative «Broschenarchitektur» lehnt er ab.

1/7 Formale Strenge, hohe Präsenz: Max Dudlers Pädagogische Hochschule an der Europaallee in Zürich ...

   

Heute wird der zweite Abschnitt des neuen Stadtteils am Hauptbahnhof Zürich eingeweiht. Dazu gehört der UBS-Block mit vier Häusern, von denen zwei Max Dudler gebaut hat. Der Schweizer Architekt (geb. 1949 in Altenrhein SG) ist einer der markantesten Baumeister der Gegenwart. Seine Bauten zeichnen sich durch formale Strenge und hohe Präsenz aus. Dudlers bevorzugtes Material ist Stein, Typologien und Gestaltungsregeln der historischen Baukunst spielen eine grosse Rolle. Neben der Pädagogischen Hochschule und der UBS hat er in Zürich das IBM-Headquarter in Altstetten sowie das Hochhausensemble Hagenholzstrasse gebaut. Dudler führt Büros in Berlin, Frankfurt und Zürich. (Bild: Keystone )

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Die Pädagogische Hochschule (PH) ist die wohl grösste neu gebaute Ausbildungsstätte der Schweiz. Doch man sieht ihr nicht an, dass es eine Schule ist. Man könnte kritisch anmerken: Zürich hat einen Bürokomplex mehr – ein Riesenvolumen, das streng und neutral dasteht.
Wie sieht denn eine Schule aus? Die Vorstellungen vom Hochschulbau werden immer noch von den funktionalistischen Hochschul-Clustern vor unseren Städten geprägt. Ich denke schon, dass das Gebäude mit den liegenden Fenstern als zeitgemässe Hochschule erkennbar ist. Umso mehr, wenn Sie über die Gassen und Treppen auf den als Platz gestalteten Campus kommen. Diese Architektur muss viele Einflüsse verarbeiten und sich auch gegen die Bürokomplexe an der Europaallee behaupten. Wir haben die PH wie eine kleine Stadt mitten in das Gewebe der Stadt Zürich eingefügt.

Was heisst für Sie städtisch?
Das Wort entzieht sich leicht einer Definition: weil auch die Städte sich immer wieder verändern. Es existiert aber zugleich eine grosse Kontinuität in der europäischen Stadt. Wenn wir diesen Aspekt betrachten, finden wir bestimmte Strukturen, etwa den öffentlichen Raum oder die Trennung zwischen öffentlich und privat, die so etwas wie die Grammatik der Stadt bilden. Dazu kommen Formen wie etwa die genannten Gassen und Treppen in Zürich, die die Identität, den Charakter einer Stadt bestimmen. Darauf beziehe ich mich, wenn ich von der europäischen Stadt spreche. Gegenwelten oder die beliebte Broschenarchitektur lehne ich ab.

Sie finden nicht, dass Zürich architektonisch zu wenig wagemutig ist?
Überhaupt nicht. Ich finde zum Beispiel sehr gut, was David Chipperfield mit der Erweiterung des Kunsthauses macht. Ebenso die Arbeiten von Roger Diener oder Vittorio Lampugnani. Ich bewundere Gebäude, die es verstehen, eine vorhandene architektonische Kultur aufzugreifen und diese fortzuschreiben. Noch grösser wird meine Bewunderung, wenn es dabei gelingt, Anschluss an eine internationale Entwicklung zu finden und vielleicht sogar auf diese Entwicklung auszustrahlen.

Ihre Architektur orientiert sich an historischen Vorbildern. Aber kann die Antike oder die Renaissance Antworten auf aktuelle Fragen des Städtebaus geben? Die heutige Stadt ist ja nicht mehr dieselbe wie zu Schinkels Zeiten.
Es geht mir nicht um die Geschichte um ihrer selbst willen, sondern um die Erfahrungen, die in der Geschichte bewahrt sind. Es sind Erfahrungen, die alle Menschen teilen, wenn sie in Europa aufgewachsen sind. Diese Erfahrungen versuche ich für die Gegenwart zu transformieren. Gerade wenn es um den Städtebau geht, wo Entscheidungen mehrere Hundert Jahre Bestand haben, erscheint mir alles andere fahrlässig.

Ein Beispiel?
Auch in unserem Hochhausquartett in Oerlikon an der Hagenholzstrasse finden Sie enge Gassen und einen Platz in der Mitte, wie man sie etwa in einer alten Stadt findet – aber all das weist nicht in die Vergangenheit. Enge und Weite erzeugen hier ein Spannungsverhältnis, ein einfaches, zeitloses Prinzip. Es entwickelt eine ungeheure Qualität. In Zürich-Nord finden Sie genau das Gegenteil: eine zusammenhanglose Addition von Baukörpern in einer grossen Leere. Die Stadt spüren Sie hier nicht.

Wo liegen die Ursachen dafür?
Es gibt vielfältige Gründe. Was die Architekten betrifft, handelt es sich um das bauliche Erbe der fehlgeleiteten städtebaulichen Ideologie der Moderne. Obwohl in der Schweiz keine einzige Bombe gefallen ist, haben wir die gleichen Plattenbauten, wie sie in Deutschland nach dem Krieg entstanden sind. Der grosse Fehler der 70er-Jahre war, dass man die Stadt aufgelöst hat, die Funktionen örtlich getrennt hat in Arbeiten, Wohnen, Freizeit und Einkaufen. Die Stadt lebt aber von der Vielschichtigkeit und Komplexität der auf engem Raum versammelten Funktionen. Die Europaallee zeigt hier einen Weg auf: Dort wird gewohnt, studiert, gearbeitet, eingekauft, gegessen und getrunken. In die alte Sihlpost ziehen sogar zwei Spitzenrestaurants ein. Das empfinde ich als eine gelungene Verdichtung nach innen.

Das Thema Verdichtung spielt zurzeit eine zentrale Rolle. Doch die Schweizer, gerade auch die Zürcher, haben Mühe mit Massstabssprüngen. Sie lieben das Kleinteilige.
Es sind nicht nur die Schweizer, in Deutschland existieren dieselben Vorbehalte. Auf der anderen Seite sind es die Schweizer, die erkannt haben, welche Probleme aus der Zersiedelung unserer Landschaft für uns entstehen. Und es wurde reagiert. Mit Murren zwar, aber doch viel entschiedener als anderswo. Eine dichte, städtische Kultur fordert natürlich ein Stück weit die ländliche Tradition heraus. Ich finde das positiv.

Wie schafft man es denn, dass Dichte nicht als lästig empfunden wird? Dass Dichte zu Qualität wird?
Eine als Bereicherung empfundene Dichte hat vor allem etwas mit gelungenen öffentlichen Aussenräumen und dem richtigen Verhältnis der Gebäude zueinander zu tun. Wenn diese Räume stimmen, verträgt es auch eine gewisse Dichte. Man muss aber ebenfalls in die umgekehrte Richtung denken: Zu einer städtischen Kultur gehört auch das Wissen der Bürger darüber, wie man öffentliche Räume besetzt, das ist vielleicht auch ein Lernprozess. Unsere Gebäude bilden nur den Hintergrund des städtischen Lebens. Sie sollen Ruhe ausstrahlen und nachvollziehbare Räume anbieten. Es hat in der Geschichte der Städte stets Massstabssprünge gegeben. Etwa das ETH-Hauptgebäude, das war ein Riesensprung. Die Europaallee realisiert wieder so einen Sprung. Man kann an den Volumen ablesen, dass sie im 21. Jahrhundert entstanden sind.

Das Hochhaus in der Stadt scheint rehabilitiert zu werden. Was halten Sie vom Zürcher Prime Tower?
Ich möchte dazu nichts sagen. Nur so viel: Hochhäuser müssen ein Gegenüber haben wie Menschen. Auch für die Bewohner ist es wichtig, dass sie, wenn sie aus dem 30. Stock schauen, einen Konterpart haben. Sonst kanns dort oben recht einsam werden.

Sie bauen vor allem in Städten. Lässt sich eine Struktur wie die der Europaallee aufs Land übertragen?
Nein, die Europaallee lässt sich sicher nicht einfach übertragen – bestimmte Prinzipien allerdings schon. Ich denke an das Verhältnis zwischen Urbanität und Landschaft als komplementären Gegensatz, der sich gegenseitig bedingt. Versuche, die Stadt in eine Landschaft aufzulösen, empfinde ich als problematisch. Darum bauen wir auch in der Landschaft urban, aber nicht genauso wie in der Stadt.

Was auffällt, ist Ihre Liebe zum Stein, Sie bauen ja keine Wände, sondern eigentlich Mauern. Liegt das an Ihrer Herkunft? Sie stammen aus einer Steinhauerfamilie.
Weiss ich nicht, aber es stimmt, dass mir Stein immer nahe war. Was ich daran so schätze, ist, dass man damit ungeheuer präzis arbeiten kann. Architektur hat mit Licht und Schatten zu tun. Und Stein ergibt diese wunderbare Tiefe.

Ihre Bauten wirken streng und geschlossen. Wie stark nehmen Sie Bezug auf das bestehende Umfeld?
Wir versuchen, Elemente des Ortes aufzugreifen. Das kann auch ein Detail sein, das Bedeutsamkeit erlangt. Bei den Wohnbauten in Arbon am Bodensee haben wir mit massivem Bruchstein experimentiert. Wir haben Abdrücke von rohem Stein aus einem nahe gelegenen Steinbruch abgenommen und diese Abdrücke als Reliefs in der Fassade verwendet. Die Häuser sind gewissermassen ein Abdruck ihrer Umgebung.

Ende der 90er-Jahre sind Sie von Deutschland in die Schweiz zurückgekehrt. Weshalb?
Weil unter den Protagonisten der Berliner Architektur ein wahrer Krieg um den Historismus ausgebrochen war. Daran wollte ich mich nicht beteiligen und habe dann vorübergehend andere Betätigungsfelder gesucht.

Und welche Denkrichtung hat den Kampf letztlich gewonnen?
Aus meiner Sicht hat nur eine reflexive Moderne Bestand. Eine Moderne, die sich der Geschichte öffnet, ohne sie zu kopieren. Ein Beispiel: der Bilbao-Effekt (die gezielte Aufwertung durch spektakuläre Bauten, d. Red.). Er ist verpufft. Da möchte kaum jemand mehr ausstellen. Ich mag Frank Gehrys Gebäude im Grunde, aber es gibt leider viele andere Architekten, die mal etwas «Dekonstruktivistisches» versuchen wollten. Für die Städte war das katastrophal.

Bauen Sie heute lieber in der Schweiz oder in Deutschland?
In der Schweiz. Die Qualität ist hier besser, denn die Ausbildung der Handwerker ist auf hohem Niveau. Zudem sind die Renditeerwartungen in der Schweiz weniger hoch als in Deutschland. Man baut in der Schweiz langfristiger. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 01.07.2013, 16:05 Uhr

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34 Kommentare

Patrick Meier

01.07.2013, 17:08 Uhr
Melden 126 Empfehlung 20

Quadratisch und mit grossen Fenstern. Die Gebäude sehen genauso aus wie jeder andere Neubau der zur Zeit in der Stadt hingeklatscht wird. Antworten


Holzwart Robert

01.07.2013, 17:10 Uhr
Melden 119 Empfehlung 14

wohin diese ewig gleiche rechteckige klötzli-architektur führt, sieht man in zürich-nord exemplarisch. tote schlaf- und büroquartiere. leider haben die architekten vergessen, dass menschen leben möchten. ihre "begegnungszonen" sehen aus wied friedhöfe - eben so wie die gesamte grabsteinarchitektur. man sollte die planer zwingen in diesen neo-ghettos zu leben. Antworten



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