Das Zeitalter des Teilens
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 29.12.2009
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Am 29. Oktober 1969 setzt sich der UCLA-Wissenschaftler Charley Kline an seinen Bürocomputer. Er will eine Internetverbindung mit einer anderen kalifornischen Renommier-Uni aufbauen. Als er das G von «login» tippt, bricht das System bereits zusammen.
So harzig geht es in den Pionierzeiten des Internets zu, das übrigens massgeblich von der US-Armee vorangetrieben wird – man will im Fall eines Atomkriegs mit anderen Regierungsstellen sicher kommunizieren.
Über 20 Jahre später funktioniert die Sache einigermassen und wird massentauglich: Das World Wide Web ist geboren. Doch auch in den Neunzigern empfindet es der User noch als Glück, wenn die Verbindung reibungslos klappt. Und gelingt sogar der Chat via Compuserve, ist das ein Gottesgeschenk. Wer im Netscape-Navigator einen Fotolink anklickt, wartet 10, 20, 30 Sekunden. In magischer Langsamkeit baut sich das Bild auf, bis endlich – hups, Totalabsturz!
Der digitale Wilde Westen
Das war der Wilde Westen. Heute aber liegt die Epoche der digitalen Erschliessung und Eroberung hinter uns. In den Nuller-Jahren beginnt ein neues Zeitalter. High Speed bringt Sicherheit und Stabilität ins World Wide Web. Gleichzeitig entfreakt und entgeheimnisst sich das Netz definitiv.
Das Web 2.0, wie dieses bravere, bürgerlichere, berechenbarere Medium heisst, ist sozial geworden. Die Nuller-Jahre sind die Ära des Mitteilens und Teilens via Computer. Auf der Enzyklopädie Wikipedia holen wir uns Wissen portiönchenweise, verfassen womöglich auch selber Einträge. Auf Flickr «sharen» wir unsere Ferienfotos. Auf Youtube tun wir dasselbe mit jenem Filmchen, das den Sohn, die Nichte oder uns selbst an der klassischen Gitarre zeigt. Auf Amazon bestellen wir Bücher und verfassen Buchrezensionen. Auf Twitter vermelden wir in Kürzestform, was wir gerade machen, und nehmen Kenntnis vom Tun anderer. Auf unserer Homepage preisen wir die eigenen beruflichen oder auch privaten Vorzüge an, halten Hof, geben das eine oder andere Hobby preis.
Für alles eine Anwendung
Kleinanwendungen für das konkrete und lokale Bedürfnis kommen hinzu: Doodle hilft uns, Gruppentermine zu koordinieren. Tilllate dokumentiert uns selber, mit dem Redbull-Drink in der Hand, an der Party vom Vorabend. Und Aka'aki, aufs iPhone geladen, vermeldet uns, wo in Gehdistanz Gleichgesinnte zu treffen sind.
Die zentrale, die typische Erscheinung der Nuller-Jahre ist Facebook, diese schillernde Einrichtung, auf der sich alles mischt und zusammenkommt. Die einen veröffentlichen laufend Statusmeldungen ihrer selbst. Die anderen stellen Strandschnappschüsse der Badewoche in Hurghada zur Schau. Die Dritten machen Business, promoten ihr Produkt. Die Vierten bewerben Link um Link ihre eigenen Blogeinträge. Die Fünften wollen jeden in wilde Politdiskussionen verwickeln. Die Sechsten laden ein, der Fangruppe «Status Quo» oder «Jean Ziegler» beizutreten. Und die Siebten schweigen und schauen, was die «Freunde» so treiben. Sie sind die Voyeure.
Facebook, geboren 2004 an der Harvard University und vorerst den dortigen Studenten vorbehalten, ist heute eine wabernde, täglich sich wandelnde Datenqualle. Ein Sozialtreff globalen Ausmasses. Ein Digitalmoloch, ein Multifunktionsmonstrum aus Wort, Bild, Ton. Kraftvoll hat es sich in nur fünf Jahren etabliert. Überhaupt ist es in der letzten Zeit schnell gegangen mit dem Internet – mental, intellektuell und seelisch hinken wir der Entwicklung nach. Einige Fragen tauchen immer wieder auf und harren der Beantwortung:
Erste Frage: Ist die Öffentlichkeit kaputt?
Im klassischen Medienzeitalter sind die Journalisten eine erhabene Kaste. Sie sind die News-Brahmanen, Türhüter am Übergang zwischen privat und publik. Wenn einer an die Öffentlichkeit will, muss er an ihnen vorbei. In den Nuller-Jahren ist der Journalist nur noch einer aus der Spezies der Informationsverbreiter. Die Blogs spriessen. Die Internetzeitungen blühen. Jeder kann Society-Klatschblatt spielen, kann seine eigene, auf den iPod zugeschnittene Radiosendung basteln, kann Reisereportagen oder Essays in Umlauf bringen. Nicht mehr eine grosse Öffentlichkeit ist ihm allerdings verheissen. Sondern eine minimale Teilöffentlichkeit, die er mit seinen Äusserungen zu fesseln sucht und im besten Fall vergrössert.
Zweite Frage: Was gilt Privatheit noch?
Auf den Internetplattformen geben viele Leute freiwillig alles preis. Wer weniger naiv ist, überlegt sich allerdings mit 17 schon: Wird mir das Foto, auf dem ich an der Fasnacht den nackten Hintern in die Kamera strecke, dereinst schaden, wenn ich für den Nationalrat kandidiere? Und er räsoniert mit 24: Ist es schlau, wenn ich als ETH-Assistent auf Facebook über meinen Professor schnöde? Auffällig, wie manche Leute sorglos immer neue Schnappschüsse ihrer Kinder ins Netz stellen, während andere sich zurückhalten aus der Einsicht, dass das Internet nie vergisst. Doch auch die totalen Skeptiker werden letztlich erfasst: Die Suchmaschine Google, der Rechen des digitalen Zeitalters, findet fast jeden Menschen. Am glücklichsten, wer einen Allerweltsnamen wie «Thomas Widmer» hat. Da kann man ihn wenigstens verwechseln.
Dritte Frage: Verblöden wir am Web?
Auf den sozialen Plattformen äussert sich ein enormer Sprechdrang. Oft sind es Platt-Botschaften à la «Das Depeche-Mode-Konzert gestern war unglaublich spannend». Wenn es einen imaginären Hintergrundsound der Nuller-Jahre gibt, dann besteht er aus dem aufdringlichen Internetgemurmel der Massen. Bloss einige wenige, von denen wir just darum nichts wissen, sind immun gegen den Geschwätzigkeitstrieb. Prinzipiell gilt: Ein Mitteilungsbedürfnis haben fast alle, etwas mitzuteilen nur sehr wenige.
Vierte Frage: Wie gehen wir mit dem Informationsstress um?
Noch in den Neunzigern waren Bücher bisweilen vergriffen. Um ein bestimmtes vergriffenes Werk aufzutreiben, musste man die Antiquariate durchstreifen, was Energie und Zeit kostete, freilich auch Jagdlust auslöste. Heute treibt man auf Zvab.com fast jedes deutschsprachige Gebrauchtbuch vom Schreibtisch aus auf. Auf allen Feldern des Wissens hat sich das Angebot vervielfacht; manche Unis veröffentlichen ihre sämtlichen Vorlesungen via iTunes. Nie zuvor hatten so viele Menschen so viel Zugang zu so viel Information, und Etliches ist gar gratis. Viele Möglichkeiten bedeuten aber auch Stress: Was wollen wir in der Freizeit wirklich, unbedingt, zwingend hören, sehen, lesen? Das ist hier die Frage. «Information aus dem Internet zu gewinnen, ist dasselbe, wie von einem Feuerhydranten zu trinken», heisst es. Wählen und gewichten hat man in den Nullerjahren mehr denn je können müssen.
Und wenn es aus digitaler Sicht ein Fazit des Jahrzehnts gibt, dann dieses: Wir müssen noch lernen, mit dem Internet umzugehen. Manchmal gefordert, manchmal überfordert stehen wir vor diesem Zauberinstrument. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.12.2009, 10:37 Uhr
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