Wie aus Bauern Followers wurden
Videoaufnahmen von gequälten Nutztieren lösen bei Youtube stets einen Schwall der Empörung aus. In den Vereinigten Staaten wollen die Bauern jedoch nicht mehr den Tierschutzorganisationen die sozialen Medien überlassen. Sie bloggen, twittern und laden eigene Videos hoch. Darin verteidigen sie ihre Arbeit und erklären, dass sie der Missbrauch von Tieren genauso schockiert. Sie erzählen via Smartphone ihre Geschichten, tauschen sich aus und können manchmal auch die Isolation auf ihrer Farm durchbrechen.
«Es gibt so viel negative Publicity, und niemand hat unsere Botschaft übermittelt», sagt der Milchbauer Ray Prock aus Kalifornien. In seinem Blog schreibt er über die vielen Themen, die einem Bauern Sorgen bereiten können: Probleme mit dem Dünger, Laktose-Intoleranz der Tiere oder rätselhafte Krankheitssymptome. Prock reagierte auch auf das Video einer Tierschutzorganisation, das bei Youtube zeigte, wie Kühe mit Mistkabeln gestochen wurden.
Schockierende Videos im Netz
«Jeder Bauer, den ich kenne und der sich um seine Tiere sorgt, hat schon einmal ihr Wohlergehen über das eigene oder die Zeit mit der Familie gestellt», erklärt er in seinem Blog. Er lebt mit seiner Frau und zwei Kindern auf einer 97 Hektar grossen Farm, Onkel und Grossvater helfen bei der Versorgung der 450 Milchkühe. «Hier lebt meine Familie», sagt er. «Ich sorge mich um die Luft, das Wasser, die Umwelt, die Kühe. Das möchte ich den Menschen gerne zeigen.»
Tierschutzgruppen wandten sich den neuen Medien zu, weil sie nicht genug Geld hatten, um den Werbespots der Vermarktungsgesellschaften etwas entgegenzusetzen, wie Nathan Runkle von der Organisation Mercy For Animals erklärt. Er findet, die Bauern sollten sich lieber auf Reformen bei der Tierhaltung konzentrieren, denn dann müsse auch keine schlechte Publicity bekämpft werden.
Jedem Landwirt ein Laptop
Die Bauern führen an, die Videos seien schockierend, aber nicht repräsentativ für alle Bauern mit Tierhaltung. Sie befürchten, dass die Amerikaner das nicht glauben, weil sie wenig Kontakt zu Bauern haben und nicht wissen, wir ihre Nahrungsmittel produziert werden. Die einzige Informationsquelle ist oft das Internet, wo die Bauern bisher selten vertreten sind. «Wir waren nicht Teil des Gesprächs», sagt Prock. «Und wenn wir unsere Geschichte nicht erzählen, tut das jemand anders. Und der erzählt sie so, wie er es will.»
Das soll sich ändern. Prock hat bei Twitter schon fast 11'000 Follower, die seine Mitteilungen lesen. Gemeinsam mit anderen Bauern startete er Agchat, eine Stiftung, die mehr Farmern Zugang zu Youtube, Myspace, Facebook ( 31.91 -3.39%) und Twitter verschaffen will. Ein erstes Seminar zu sozialen Netzwerken im Internet soll im August stattfinden. Bald soll es auch Stipendien für Bauern geben, die bisher noch nicht über Smartphone, Laptop und Breitbandanschluss verfügen.
Kurse zum Umgang mit sozialen Medien
Die 20-jährige Studentin Kelly Rivard bloggt auf ihrer Seite Midwestern Gold über Landwirtschaft. Das Interesse war so gross, dass sie im August in Chicago einen Schnellkurs zu sozialen Netzwerken gibt. «Ich möchte sie langsam an das Thema heranführen, auch wenn sie vielleicht noch nicht sofort mitmachen», erklärt sie. Der Agrarwissenschaftler Matthew Fidelibus nutzt Twitter, um wichtige Informationen schnell an die Bauern weiterzugeben, wenn zum Beispiel in einer bestimmten Region die Gefahr für Mehltau besonders gross ist. Die Bauern können dann schnell reagieren.
Facebook treibt die Interaktion noch weiter. Dort können Bauern ein Foto zeigen, beispielweise von einem ihnen unbekannten Schädling, und erhalten schnell Ratschläge von Experten. Die Seiten seien ideal, leicht zu verstehen, schnell und kostenlos, erklärt Fidelibus.
Alles im Melkraum erledigen
Auch die Vermarktungsorganisationen sind in die sozialen Medien eingestiegen. Sie geben Seminare darüber, wie das Internet effektiv eingesetzt werden kann. «Wir sagen ihnen, dass man das alles von seinem Telefon im Melkraum aus machen kann», erklärt Jolene Griffin von der Organisation Dairy Management. «Es gibt so viele Programme, aber wir ermutigen sie, eines auszusuchen und erst einmal auszuprobieren.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.07.2010, 09:34 Uhr
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