Washington gegen Silicon Valley

Sonst herrscht erbitterte Konkurrenz unter den Tech-Grössen. Doch wenn der Staat sich auflehnt, halten sie zusammen – so wie jetzt im Streit um Apple.

Verteidigt seit Monaten die Praxis seines Unternehmens: Apple-Chef Tim Cook.

Verteidigt seit Monaten die Praxis seines Unternehmens: Apple-Chef Tim Cook. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Konkret geht es bloss um die Daten auf einem einzigen Smartphone. Doch Apple warnt vor verheerenden Folgen für die gesamte Branche. Das juristische Tauziehen mit den US-Behörden geht in der kommenden Woche in die nächste Runde: Washington gegen das Silicon Valley, nationale Sicherheit gegen Schutz der Privatsphäre. Am Ende geht es darum, wer die Hoheit über die Daten von Millionen Menschen hat. Auch Konkurrenten wie Google und Facebook stärken dem iPhone-Hersteller daher den Rücken.

Seit zwei Monaten mühen sich IT-Experten der US-Bundespolizei FBI an einem iPhone ab. Es gehörte einem der Terroristen, die im kalifornischen San Bernardino im Dezember 14 Menschen töteten. Auf dem Gerät könnten sich Daten befinden, die eine Verbindung der Attentäter zu der sunnitischen Terrormiliz IS belegen. Doch die Verschlüsselung ist einfach zu gut. Deshalb nahm eine Richterin am vergangenen Dienstag den Hersteller in die Pflicht: Apple müsse beim Knacken der Codes behilflich sein – und den Behörden damit den Zugriff auf Kundendaten ermöglichen.

Der konkrete Fall: Diese Bildstrecke veröffentliche Bernerzeitung.ch/Newsnet zum Attentat von San Bernardino Anfang Dezember 2015.

Die Reaktionen aus dem Silicon Valley liessen nicht lange auf sich warten. Apple-Chef Tim Cook lehnte in einem offenen Schreiben kategorisch ab: Käme die Firma der Aufforderung nach, sei die Sicherheit aller iPhones gefährdet. «Wir stehen hinter @tim_cook und Apple», schrieb Twitter-Chef Jack Dorsey in einem Tweet.

Facebook warnte vor einem Präzedenzfall und kündigte an, «energisch zu kämpfen», wenn eine Lockerung der Sicherheit der eigenen System zur Debatte stehe. Google-Chef Sundar Pichai erklärte, die Forderung könne «die Privatsphäre der Nutzer gefährden».

Das Aufbegehren der grossen IT-Konzerne entbehrt nicht einer gewissen Ironie – zumal gerade sie mit ihren Geschäftsmodellen ganz wesentlich auf das massenhafte Ausspähen von Internetnutzern setzen. Insofern gibt es auch deutliche Kritik am Gebaren des Silicon Valley. Zwei Forscher der renommierten Brookings Institution, Benjamin Wittes und Susan Hennessey, veröffentlichten am Donnerstag einen Beitrag, in dem sie Apples vermeintlichen «Einsatz für die Privatsphäre seiner Nutzer» als «selbstgefälligen Unsinn» bezeichneten.

Trotzdem steckt in dem aktuellen Fall eine enorme Brisanz. Im Grunde forderte die US-Regierung Apple dazu auf, Schutzmechanismen ausser Kraft zu setzen, die etwa das Knacken von Passwörtern verhindern. Cook argumentiert, dass wenn die dazu notwendigen Codes einmal verfügbar seien, dann könne «die Methode wieder und wieder eingesetzt werden, an einer beliebigen Zahl von Geräten». Die Forderungen des FBI hätten damit Auswirkungen «weit über den vorliegenden Fall hinaus», schrieb Cook am Dienstag in einer ausführlichen Stellungnahme.

Streit um einen potentiellen Präzedenzfall

Das US-Justizministerium ruderte angesichts solcher Kritik am Freitag ein wenig zurück und erklärte, dass Apple die Software zum Knacken des iPhones nicht herausgeben müsse und nach der Weitergabe der Daten zerstören könne.

Bereits seit Monaten verteidigt Cook in öffentlichen Debatten vehement die Entscheidung des Unternehmens, Daten auf privaten iPhones auf besondere Art zu verschlüsseln. In der Praxis sind etwa Fotos und Textnachrichten der Nutzer so gut geschützt, dass nicht mal Apple selbst darauf zugreifen kann. FBI-Direktor James Comey und andere Vertreter der US-Sicherheitsbehörden kritisieren, dass diese Verschlüsselung auch eine Absicherung für Terroristen und Kriminelle ist.

Doch für die IT-Konzerne des Silicon Valley geht es hier ums Prinzip – und um das Verhindern eines folgenschweren Präzedenzfalles. Ähnlich sehen es auch viele Bürgerrechtsgruppen. «Hier werden Unternehmen dazu aufgefordert, eine digitale Schwachstelle, einen technischen Fehler, in ihre Produkte einzubauen», sagt Nuala O'Connor von dem in Washington ansässigen «Center for Democracy and Technology», das sich gegen eine übermässige Überwachung von Bürgern durch die Regierung einsetzt.

Folgt China?

Andere Organisationen befürchten, dass ein Erfolg der US-Regierung in dem aktuellen Streit in Zukunft auch autoritäre Regime wie das in China auf die Idee bringen könnte, Unternehmen zur Herausgabe privater Smartphone-Daten aufzufordern. «Dieser Fall wird sich auf den Datenschutz und die Sicherheit eines jeden auf der ganzen Welt auswirken», sagt Lee Tien von der «Electronic Frontier Foundation» aus San Francisco.

China ist für Apple der zweitwichtigste Markt. Auch hier nutzen viele Millionen Menschen ein iPhone – wohl auch gerade wegen des bisher guten Schutzes der Geräte gegen ungewollte Zugriffe. Insofern geht es für Apple auch um Marketing. Das Unternehmen könne es sich nicht leisten, in der öffentlichen Wahrnehmung «etwas zu tun, das die eigenen Produkte weniger sicher macht», sagt Wendy Patrick, die an der San Diego State University Wirtschaftsethik lehrt.

Zwischen Freiheit und Sicherheit

Es ist allerdings eine Gratwanderung. Denn mit der eingeschlagenen Strategie könnte Apple diejenigen Kunden verprellen, nach deren Einschätzung die nationale Sicherheit wichtiger ist als die Privatsphäre des Einzelnen. Eine aktuelle Studie des Meinungsforschungsinstituts Pew hat gezeigt, dass 82 Prozent der Amerikaner eine staatliche Überwachung von Terrorverdächtigen befürworten. Andererseits halten demnach nur 40 Prozent eine allgemeine Überwachung von US-Bürgern für hinnehmbar.

Und die Pew-Studie zeigte auch, dass fast drei Viertel der Amerikaner es «sehr wichtig» finden, die Kontrolle darüber zu haben, wer Zugriff auf persönliche Daten hat. In dieser Frage muss sich Apple nun klar positionieren – am kommenden Freitag wird eine formelle Antwort des Unternehmens auf die richterliche Anordnung erwartet. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 21.02.2016, 19:03 Uhr)

Stichworte

Artikel zum Thema

Mit dem Brecheisen gegen die Datenschutzmauern von Apple

Die US-Bundespolizei und Hightech-Firmen lassen den Kampf um die Privatsphäre der Bürger eskalieren. Apple stemmt sich gegen eine Gerichtsanweisung, das iPhone zu entschlüsseln. Mehr...

Apple soll iPhone des Attentäters hacken

Das FBI versucht seit zwei Monaten das Smartphone des San-Bernardino-Attentäters zu entsperren – erfolglos. Ein Gericht fordert nun von Apple ein neues Hilfsmittel. Mehr...

Das billigste Smartphone der Welt

DIGITAL KOMPAKT +++ Fehler 53 auf iPhone behoben +++ Messenger mit Werbung +++ Facebook und Twitter unterstützen Apple +++ Weniger IS-Propaganda online Mehr...

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Werbung

Kommentare

Promotion

Kostenlose Ebooks

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Die Welt in Bildern

Farbenfroh: Ein doppelter Regenbogen erstrahlt über Gryon im Kanton Waadt (27. Juli 2016).
(Bild: Anthony Anex) Mehr...