Internetgemeinde auf Hetzjagd
Von Michael Widmer. Aktualisiert am 03.09.2010 1 Kommentar
LiveLeak.com
Thür: «Das ist inakzeptabel»
Der Eidgenössische Datenschutzbeauftragte Hanspeter Thür hält nichts von privaten Fahndungen im Internet.
Hanspeter Thür*, die Internetgemeinde jagt eine mutmassliche Tierquälerin. Was halten Sie von privaten Ermittlern im Internet?
Hanspeter Thür: Das ist Unfug.
Ist es denn nicht sinnvoll, wenn möglichst viele nach Übeltätern suchen?
Das kann heikle Konsequenzen haben. So ist es inakzeptabel, wenn jemand im Internet Bilder von in seinen Augen Verdächtigen veröffentlicht, die aber in keinem Zusammenhang mit dem veröffentlichten Video stehen.
Ist das nicht sogar strafbar?
Ja. Es kann sich hier um Verleumdung oder Ehrverletzung handeln. Die Betroffenen können Anzeige erstatten.
Internet findet weltweit statt. Wie kann ich mich als unschuldig verdächtigte Person wehren, wenn mein Bild von einem ausländischen Nutzer ins Internet gestellt wird?
In jedem zivilisierten Land ist dies eine Persönlichkeitsverletzung oder gar eine Straftat, wenn die Aussage ehrverletzend ist. Das Strafverfahren kann im Ausland aber natürlich etwas länger dauern und die Durchsetzung der Strafe je nach Land zum Problem werden.
Was raten Sie Internetnutzern?
Der aktuelle Fall zeigt, wie heikel es ist, wenn man Bilder von sich selber ins Internet stellt. Auch ein Ferienfoto kann in einem völlig anderen Zusammenhang Probleme verursachen. Und: Die Behörden sollten die Internetfahndung nicht als Normalfall betrachten und zurückhaltend mit diesem Instrument umgehen. Sonst wird das zum allgemeinen Sport. Internet ist aber nie harmlos.
Hanspeter Thür (61) ist seit 2001 eidgenössischer Datenschutzbeauftragter.
«Tötet dieses Monster!», «Fesselt sie, und werft sie in einen Fluss!» oder «Zertrümmert ihr Gesicht mit einem Stein!». Diese und weit aggressivere Reaktionen ruft ein Video hervor, das seit einigen Tagen im Internet kursiert. Zu sehen ist eine junge, blondhaarige Frau in rotem Kapuzenpullover, die wimmernde Hundewelpen aus einem weissen Plastikeimer nimmt, in einen Fluss wirft und dabei zum Teil lacht. Zu viel für die Internetgemeinde: Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Übeltäterin in eigener Regie dingfest zu machen. Die Tierschutzorganisation Peta hat 2000 Dollar auf die Ergreifung der Frau ausgesetzt. Ihr droht eine Anzeige wegen Tierquälerei.
Auf dem sozialen Internetnetzwerk Facebook wurde am Dienstag die Gruppe «Findet die Frau, die Welpen in einen Fluss warf» (Find the Girl Who Threw Puppies in River) gegründet. Gestern Nachmittag zählte die-se über 31'000 Mitglieder. Die «Fahndung» nach der mutmasslichen Täterin ist in vollem Gange und entwickelt sich zu einer regelrechten Hetzjagd. Und dies, obwohl bislang ungeklärt ist, ob das Video echt oder nur ein übler Scherz ist.
Der Pranger steht
Einzelne Internetnutzer schrecken nicht davor zurück, in ihren Augen verdächtige Personen beim Namen zu nennen und deren Adresse und Telefonnummer öffentlich zu machen. So zählt die Deutsche Katja. P* zu den Hauptverdächtigen. Von ihr sind im Netz neben Telefonnummer und Adresse auch Alter und Schulort zu erfahren. Wer die Nummer wählt, erfährt vom Vater der Verdächtigen ab Telefonbeantworter, dass die Tochter unschuldig sei. Jemand wolle Katja schaden. «Es wurde bereits Anzeige erstattet, die Polizei ermittelt», so der Vater ab Band. Laut den Behörden hat die junge Frau Morddrohungen erhalten. Es müssen bei der Familie unzählige Anrufe eingegangen sein. Wie Welt-online berichtet, war die Nummer am Mittwoch ständig besetzt. Daneben kursieren im Internet weitere Namen, wie Nisam J., Anabelle A., oder Antonia M. Der Verdacht liegt nahe, dass hier auch Personen denunziert werden.
Nur vereinzelt sind im Internet Stimmen zu vernehmen, die davor warnen, Unschuldige öffentlich an den Internetpranger zu stellen. «Was, wenn ihr falsch liegt?», fragt ein User. Und er mahnt: «Lasst die Behörden die Detektivarbeit machen und zerstört bitte keine Existenzen von Unschuldigen.» Doch die Nutzer sind nicht mehr zu stoppen.
Einige «Internetermittler» wollen inzwischen herausgefunden haben, dass das Video in Bugojno in Bosnien-Herzegowina am Fluss Vrbas gedreht worden ist. Sie haben nach eigenen Angaben den Inhaber des Computers ausfindig gemacht, von wo das Video hochgeladen wurde.
Britin mit Tod bedroht
Wohin die Veröffentlichung eines Videos im Internet auch führen kann, zeigt der Fall einer Engländerin von letzter Woche. Die britische Bankangestellte hatte die Katze ihrer Nachbarin in einen Abfalleimer geworfen – und war dabei von deren Überwachungskamera gefilmt worden. Das Paar stellte das Dokument ins Internet. Die Katze hat laut britischen Medien 15 Stunden in der Plastiktonne überlebt. Die Übeltäterin wurde aufgespürt und mit Morddrohungen eingedeckt. Sie erhielt Polizeischutz und ist inzwischen krankgeschrieben.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 03.09.2010, 11:49 Uhr
























































































