«Googles Rückzug macht den Chinesen die Zensur viel bewusster»
Von Henrik Bork. Aktualisiert am 24.03.2010
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Rebecca MacKinnon
Die frühere Fernsehjournalistin gilt als eine der führenden Expertinnen für die Internetzensur in China. Sie forscht am Center for Information Technology Policy in Princeton (USA).
Google
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hat angekündigt, sich teilweise aus China zurückzuziehen. Können die Chinesen noch googlen?
Suchanfragen auf Chinesisch mit der Suchmaschine google.cn werden ab jetzt automatisch nach Hongkong umgeleitet, auf google.com.hk. In Hongkong selbst ist Google nicht zensiert. Wenn aber Chinesen vom Festland aus darauf zugreifen, filtert die chinesische Regierung politisch Sensibles heraus.
Also hat sich für die Chinesen in der Volkrepublik nicht viel verändert?
Doch, schon. Google zensiert sich in China nicht mehr selbst. Die «Grosse Firewall» der kommunistischen Führung in Peking muss diese Arbeit nun selbst erledigen. Und wenn Chinesen nach sensiblen Inhalten suchen, sehen sie ab jetzt Fehlermeldungen, und ihre Verbindung könnte abreissen.
Könnte China die Google-Seite in Hongkong komplett blockieren?
Auch das ist denkbar. Allerdings wäre es unklug für die chinesische Regierung, das zu tun. Je länger dieser Streit andauert, desto mehr Menschen in China werden sich der Zensur bewusst.
Das wissen die gar nicht?
Nein. Ich habe eine Zeitlang an der Uni in Hongkong unterrichtet, und da kamen diese Studenten vom chinesischen Festland und sagten «Wow! Ich wusste überhaupt nicht, was bei mir daheim alles zensiert war.»
Seit Googles Rückzugsdrohung im Januar wird die Zensur in China aber heiss diskutiert.
Das ist mit der grösste Effekt, den Google mit seinem Rückzug erzielt hat. Es macht den Chinesen die Zensur viel bewusster. Das hat Folgen. Diktaturen funktionieren unter anderem deshalb, weil die meisten Leute nicht merken, was ihnen vorenthalten wird.
Google argumentiert mit Hackerangriffen, Kritiker behaupten hingegen, die Firma sei in China nicht besonders erfolgreich gewesen.
Ich glaube, dass Google sich ernsthaft Gedanken gemacht hat. Sie werden ja auch in europäischen Ländern angegriffen, wo sie zu mehr Selbstzensur gezwungen werden sollen. Google unternimmt diesen Schritt in China auch, um sein Geschäftsmodell global zu verteidigen. Es hat sich diesmal so ergeben, dass seine Geschäftsinteressen mit der Wahrung der Menschenrechte Hand in Hand gehen. Was Google getan hat, ist trotzdem richtig. Wenn wir für jede Entscheidung reinste Motive erwarten wollten, dann helfe uns Gott.
Wird das Beispiel Schule machen?
Natürlich sehen viele Firmen China als die Zukunft des Internets. Schon jetzt gibt es mehr chinesische Internetsurfer als Amerikaner auf diesem Planeten. Und noch immer sind die Internetnutzer in China eine Minderheit. Aber es gibt auch eine Reihe von grossen Firmen, die sich bewusst aus China fernhalten, weil sie sich nicht auf die Zensur einlassen wollen, Facebook und Twitter zum Beispiel.
Hillary Clinton hat China in einer Rede für die Zensur kritisiert. Steigt in Amerika das Bewusstsein, dass die Freiheit des Internets global eine wichtige Frage ist?
Es gibt ein wachsendes politisches Momentum, gegen die Zensur des Internets vorzugehen. Leider verstehen manche Politiker nicht, dass man nicht gleichzeitig daheim mehr Selbstzensur fordern kann. Auch die chinesische Regierung stellt sich ja hin und sagt, sie fordere dies im Interesse der Kinder, im Interesse der nationalen Sicherheit.
Was sollten Gesetzgeber und Regierungen für die Freiheit des Internets tun?
Sie sollten klare Standards setzten, was zensiert werden darf und was nicht, wobei die Zensur möglichst minimal bleiben sollte. Auch sollten Firmen etwa aus den USA vor einem amerikanischen Gericht verklagt werden können, wenn ein Chinese wegen ihrer Komplizenschaft mit der Zensur ins Gefängnis muss.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.03.2010, 06:23 Uhr
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