Eine Bernerin auf internationalem Parkett
Zur «Lift»-Konferenz
Am Freitag ist die siebte Genfer «Lift» zu Ende gegangen. Rund 1000 Personen haben an der diesjährigen Konferenz teilgenommen. Erstmals trug die Bernerin Sylvie Reinhard als Geschäftsführerin die Gesamtverantwortung. Das fünfköpfige Organisationsteam, das sich drei Vollzeitstellen teilt, organisiert zusätzlich zur Genfer Konferenz im April bereits die vierte Veranstaltung in Korea und im Sommer eine weitere in Marseille. Hinzu kommen kleinere Veranstaltungen wie Workshops.
In Zusammenarbeit mit der Stadt Genf hat die «Lift» zudem eine Installation erarbeitet, die derzeit vor dem Bahnhof in Genf zu sehen ist. Auf einigen Stellwänden wird anhand von Mobilfunkdaten gezeigt, wie sich die Menschen durch Genf bewegen. Die Installation ist bis anfangs März zu sehen.
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Doch, der Zeitpunkt passe gut, sagt Sylvie Reinhard. Sie setzt sich auf eines der Sofas, das hinter dem Roboter-Spielfeld und den «Ritigampfi» steht. Jetzt, da die Referate stattfinden, habe sie gut Zeit für ein Gespräch. Tatsächlich ist es in der Eingangshalle des internationalen Konferenzzentrums in Genf ruhiger geworden. Die meisten Besucher sitzen nun im grossen Saal. Und Sylvie Reinhard kann sich kurz zurück lehnen. «Bis jetzt läuft alles rund», sagt die Bernerin, die als neue Geschäftsleiterin die Verantwortung für alle «Lift»-Konferenzen trägt.
Die «Lift» ist die hierzulande wohl wichtigste Innovationskonferenz im Schnittbereich zwischen Technologie, Gesellschaft und Kultur. Und sie ist erfrischend anders: Das Publikum ist bunt gemischt – Wissenschaftler nehmen ebenso teil wie Informatiker, Designer und Netzaktivisten, Studenten ebenso wie Geschäftsführer und Aussteiger. Die Besucher sollen nicht bloss den selben Referaten lauschen. «Sie sollen vor allem miteinander ins Gespräch kommen», sagt Sylvie Reinhard. «Innovation entsteht, wenn ganz unterschiedliche Leute gemeinsam Lösungen für ein Problem suchen.» Bei den Workshops wie auch beim Ausprobieren der Roboter oder beim Betrachten der Kunstinstallationen während den extra lang gewählten Pausen sollen die Konferenzteilnehmer einander kennenlernen. Auf den «Ritigampfi» und während der Abendanlässe wie dem gemeinsamen Fondue sollen sie zusammen abhängen.
Von Bern via Berlin nach Genf
Dies erzählt Sylvie Reinhard in breitem Berndeutsch. Aufgewachsen ist die heute 31-Jährige in Ins, das Gymnasium hat sie in Bern besucht. Dort hat sie nahe der Aare die erste eigene Wohnung gemietet. Sie schwärmt noch immer von der hohen Lebensqualität in Bern – und den im Vergleich zu Genf tiefen Mietzinsen. Das Studium hat sie damals nach wenigen Wochen abgebrochen. Stattdessen baute sie die Internet-Sicherheitsfirma Dreamlab mit auf. Parallel zu ihrer Arbeit machte sie schliesslich eine Management-Ausbildung. Nach fünf intensiven Berufs- und Ausbildungsjahren nahm sie eine Auszeit: Sie besuchte New York, liess sich ein Jahr in Berlin nieder und lebte von freien Beratungs- und Kommunikationsaufträgen. Ihr Verwaltungsratsmandat bei Dreamlab gab sie im Sommer des vergangenen Jahres ab. Seit 2007 arbeitet sie für die «Lift», zuerst als freiwillige Helferin, später als Projektleiterin, nun als Geschäftsführerin.
Wird eine Deutschschweizerin als Chefin vom eher frankophonen Team akzeptiert? Sylvie Reinhard schmunzelt. «Ich werde hier tatsächlich noch immer als Deutschschweizerin wahrgenommen, obwohl ich eigentlich ‹billingue› aufgewachsen bin», sagt sie. Vielleicht tue eine gewisse Pedanterie, wie sie den Deutschschweizern nachgesagt werde, bei der Organisation einer Konferenz auch gut. «Zum Improvisieren kommt man noch genug.» Besonders herausfordernd sei diesbezüglich die Konferenz in Marseille. «Dort gehört Improvisation viel stärker zur Arbeitskultur.»
Eis brechen in Korea
In Korea hingegen seien die Herausforderungen andere, sagt Reinhard, die rund um die Konferenzen jeweils zwei Monate dort verbringt: «Die Leute tun sich schwer damit, aufeinander zuzugehen.» Der Grund liege in Verhaltensregeln der konfuzianischen Kultur: Personen, deren gesellschaftliche Stellung man nicht kennt, kann man kaum ansprechen. «Wir versuchen deshalb Eisbrecher-Strategien zu entwickeln, um diese Zurückhaltung umgehen zu können.»
Egal ob in Korea, Frankreich oder Genf: Die Besucher seien sich eine immer höhere Referatsqualität gewohnt, sagt Reinhard. «Wer die Zuhörer nicht in den ersten zwei Minuten zu fesseln vermag, hat sie für den gesamten Vortrag verloren.» Deshalb berate das «Lift»-Team die Referenten intensiv: Das Thema wird genau abgesprochen, die Folien gemeinsam durchgeackert und der Auftritt wird meist vor Ort geprobt. «Der Aufwand lohnt sich. Selbst geübte Redner schätzen die Mithilfe.»
Sylvie Reinhard erzählt mit Begeisterung von «ihrer» Konferenz. Doch dann teilt ihr eine Mitarbeiterin mit, dass es bei einem Redner ein Problem gebe. Sofort springt sie vom Sofa auf – und zeigt, dass auch eine Deutschschweizerin spontan umorganisieren kann. (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.02.2012, 13:04 Uhr
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