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«Börsengänge sind für Banken eine prestigeträchtige Angelegenheit»

Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 31.01.2012

Facebooks Börsengang steht bevor. Wie man auf 100 Milliarden Dollar Firmenwert kommt, wie viel Banken daran verdienen und wer sich beteiligen kann, sagt der IPO-Experte der ZKB im Interview.

1/3 Nicht nur Facebook drängt an die Börse: Ein Unternehmer freut sich über den erfolgreichen Börsengang an der Wallstreet. (15. Dezember 2011)
Bild: Reuters

   

«Die Aufnahme des Handels ist sicher der spannendste Moment eines Börsengangs»: IPO-Experte der ZKB, Andreas Neumann.

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Börsengang soll laut «WSJ» bevorstehen

Der seit langem erwartete Börsengang von Facebook rückt nach Angaben des «Wall Street Journal» näher. Der Betreiber des sozialen Netzwerks wolle die Unterlagen dafür möglicherweise bereits am Mittwoch bei der Börsenaufsicht einreichen, berichtete die Zeitung am Freitag. Der Börsengang selbst würde dann in drei bis vier Monaten folgen. Facebook-Sprecher Larry Wu kommentierte den Bericht des «Wall Street Journals» nicht. Die Zeitung berief sich auf eine eingeweihte Person. Begleiten wird den Börsengang laut dem Blatt vermutlich die Investmentbank Morgan Stanley, was ein Rückschlag für deren Rivalen von Goldman Sachs wäre. (dapd)

Artikel zum Thema

ETH-Forscher reden von nur 15 Milliarden Dollar Börsenwert

Zwei Zürcher Forscher von der ETH hatten sich im letzten Herbst in die Debatte um den Wert von Facebook eingeschaltet (siehe Artikel zum Thema). Es handelt sich um Didier Sornette und Peter Cauwels. Ersterer ist Geophysiker und Professor für unternehmerische Risiken. Sornette machte sich in den letzten Jahren einen Namen als Experte für Blasenbildungen an Börsen und Märkten. «Facebook massiv überbewertet?», lautete der Titel eines Artikels in der ETH-Publikation «ETHLife», der eine Studie der beiden zusammenfasste. Die beiden Forscher haben drei Szenarien berechnet, wie sich Facebook künftig entwickeln soll: Ein Basisszenario, ein Szenario «hohes Wachstum» und ein Szenario «extremes Wachstum». Demzufolge kamen sie aufgrund der abschätzbaren Einnahmen auf einen Börsenwert von zwischen 15,3 Milliarden Dollar und 32,9 Milliarden Dollar. Viel weniger also, wie derzeit in Finanzmedien herumgereicht wird.

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Herr Neumann, Facebook ( 31.91 -3.39%) soll offenbar bald über einen Börsengang informieren. Was bedeutet das für die Börsenwelt?
Noch kennen wir die genauen Zahlen nicht. Aufgrund der mutmasslichen Grössenordnung lässt sich aber jetzt schon sagen, dass es ein sehr grosser Börsengang wird. Entsprechend gross ist die Beachtung bei Investoren, Medien und Öffentlichkeit.

Von einem geschätzten Gesamtwert von 100 Milliarden Dollar sollen aber nur rund 10 Milliarden im Anlegerpublikum platziert werden. Warum so wenig?
10 Milliarden Dollar sind viel, wenn man dies mit anderen Börsengängen vergleicht. Dieses Volumen entspricht jenem von Glencore, dem weltgrössten IPO (Initial Public Offering) des letzten Jahres. Es ist jedoch richtig, dass 10 Prozent aus schweizerischer Sicht wenig sind. Bei uns liegt der Pflichtanteil, der bei einem Börsengang im Publikum platziert werden muss, höher. Die SIX Swiss Exchange verlangt je nach Standard 20 oder 25 Prozent.

Der Anteil der frei gehandelten Aktien wird aber später erhöht?
Es ist nicht unüblich, dass Platzierungen gestaffelt erfolgen. Denkbar ist, dass beispielsweise nach 6 bis 12 Monaten weitere Aktien veräussert werden.

Sie sagten, 10 Milliarden Dollar sind für einen Börsengang viel. Zum Vergleich: Die UBS erhöhte ihr Kapital 2008 um 16 Milliarden Franken.
Das war eine der grössten Kapitalbeschaffungen in der Schweiz. Vergleichbar damit war am ehesten der Swisscom-Börsengang von Ende der 90er Jahre im einstelligen Milliardenbereich. Im Unterschied zu einem IPO wurden bei der UBS bisherige Investoren in die angesprochene Kapitalbeschaffung eingebunden. Der Sinn eines Börsenganges aber ist es eben gerade, die Investorenbasis zu vergrössern.

Was passiert mit den bisherigen Anteilseignern?
Bei einem Börsengang ist es sicher sinnvoll, dass die bisherigen Investoren nicht sämtliche Aktien verkaufen. Das wäre möglicherweise ein negatives Zeichen. Oft versucht man das mit einer Verkaufssperre zu verhindern, einer sogenannten Lock-up-Frist.

Was bedeutet der absehbare Börsengang von Facebook für den Schweizer Markt?
Er wird auch hier Beachtung finden. Und man kann davon ausgehen, dass sich auch Schweizer Investoren an dem Social-Media-Unternehmen beteiligen werden.

Woraus schliessen Sie das?
Das war schon beim vergleichbaren Börsengang von Google im Jahr 2004 so.

Sind das institutionelle oder private Investoren?
Natürlich ist das im Einzelfall nicht bekannt. Ich gehe davon aus, dass es aus Schweizer Sicht eher für private Investoren ein Thema sein dürfte.

Kann sich jeder am Zeichnungsprozess beteiligen, oder gibt es Schranken?
In der Regel gibt es für Schweizer Investoren keine Schranken. Grundsätzlich aber muss man auf den IPO-Prospekt von Facebook warten, der auf der Homepage der entsprechenden amerikanischen Behörde publiziert wird. Dort werden die Bedingungen inklusive allfälliger Verkaufsrestriktionen bekannt gegeben.

Es wird von einem Gesamtbörsenwert von 100 Milliarden Dollar gesprochen. Wie kommt man darauf?
Zwei klassische Verfahren kennen wir hier: Bei Industrie-Unternehmen arbeiten wir mit der sogenannten Peer-Group-Analyse. Das heisst, wir vergleichen ähnliche Unternehmen und deren Börsenwerte. Im zweiten Verfahren versuchen wir durch den prognostizierten freien Cashflow der nächsten Jahre abzuschätzen, wie viel das Unternehmen wert ist.

Bei einem Social-Media-Unternehmen wie Facebook sind wohl beide Verfahren untauglich.
Sagen wir schwierig. In solchen Fällen wird man zum Beispiel auf Grund der Anzahl Nutzer und der Bewertung vergleichbarer Unternehmen – jüngst hatten wir die Börsengänge von LinkedIn und Zynga – versuchen, auf vernünftige Werte zu kommen. Letztlich wird der Platzierungspreis heutzutage in Abhängigkeit von der Nachfrage innerhalb einer vorgegebenen Preisspanne am Schluss der Zeichnungsfrist fixiert.

Wie wichtig ist es, welche Bank den Börsengang durchführt?
Börsengänge sind für Banken eine prestigeträchtige und lukrative Angelegenheit. Jeder mögliche Player versucht, eine Rolle zu spielen. Gerade in den letzten Jahren ist das Geschäft jedoch anspruchsvoller geworden, weil es weniger Börsengänge gab.

Ist es denkbar, dass sich die UBS oder die CS via ihre amerikanischen Investmentbanken am Facebook-Börsengang beteiligen?
Grundsätzlich spricht nichts dagegen. Jüngsten Meldungen zufolge soll es sich bei der führenden Bank aber um ein amerikanisches Institut handeln. Meistens sind es mehrere Banken, die sich für einen Börsengang zu einem Syndikat zusammenschliessen. Bei Google waren das rund 30 Institute.

In den USA werden Börsengänge mit Glockengeläut und Geklatsche gefeiert. Wie wichtig sind die ersten Minuten und Stunden nach Handelsstart?
Die Aufnahme des Handels ist sicher der spannendste Moment eines Börsengangs. Die Kursentwicklung ist insbesondere zu Beginn ein Gradmesser für den Erfolg des Börsengangs. Ein Kurs unter dem Ausgabepreis ist sicherlich eine Enttäuschung für alle Beteiligten. Werden Preise von rund 5 bis 15 Prozent über dem Ausgabepreis erzielt, lag man im Preisbildungsverfahren grundsätzlich richtig.

Wie viel springt bei einem Börsengang für die Banken ab?
Die Frage hängt von der jeweiligen Marktsituation und dem Transaktionsvolumen ab und ist letztlich natürlich auch Verhandlungssache. Die Grössenordnung liegt häufig in einer Bandbreite zwischen 3 bis 5 Prozent. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.01.2012, 16:51 Uhr

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