Digital
Videokassetten ins digitale Zeitalter retten
Rette sie, wer kann: Die wertvollen Aufnahmen sollten digitalisiert werden, so lange noch ein Videogerät herumsteht.
Flexibel. Oder simpel
Der Terratec G3 (Fr. 139.–) ist ideal für Haushalte, in denen der Videorekorder noch nicht eingemottet wurde. Dabei ist das Kassettenformat egal. Alle gängigen Kabel sind im handlichen Paket enthalten. Die Stecker sind vergoldet. Technisch Versierte freuen sich über die zahlreichen Feineinstellungen. Wenig Geübte benötigen eine kurze Einarbeitungszeit.
Wer das Abspielgerät bereits einer Entsorgungsstelle übergeben hat, kann die alten VHS-Kassetten mit dem USB-Videoplayer ION VCR 2 PC (Fr. 259.–) auf den Computer überspielen. Das Gerät und die Software sind einfach gehalten: Damit kommt jedermann klar. Für ambitioniertere Nutzer bietet dieses Digitalisierungssystem aber klar zu wenige Optionen.
August 1984: Die Kinder von vier Grossfamilien haben für das ganze Quartier ein zweistündiges Zirkusprogramm auf die Beine gestellt – mit Clowns, Sketches, Tiernummern und Cabaret-Einlagen. Die Eltern filmen das Spektakel. Ein Vierteljahrhundert später: Einige der fröhlichen Menschen auf der ersten Aufnahme aus dem familiären Videoarchiv sind längst verstorben, viele Kinder inzwischen Eltern geworden. Es wäre ein Jammer, wenn die Aufnahmen verloren gingen. Es ist höchste Zeit, sie auf den Computer zu retten.
Teuer und bequem
Zwar werden sich Videokassetten auch in vielen Jahren noch abspielen lassen – sofern sie fachgerecht gelagert worden sind. Abspielgeräte für VHS- und Video8-Kassetten sind aber bald Mangelware. Und für exotischere Formate wie Betamax oder Video 2000 helfen fast nur noch spezialisierte Firmen. An diese kann man sich auch wenden, wenn man die Videos digitalisieren will, den manuellen Kopieraufwand aber scheut. Viele dieser Firmen kopieren auch Super8-Streifen oder Dias auf Datenträger. Für grosse Mengen werden aber gut und gerne mal über tausend Franken fällig. Wer selber Hand anlegt, kanns günstiger haben, suggeriert die Werbung: Videorekorder an den Computer stöpseln, Play drücken, Filmdatei auf dem PC speichern. In der Praxis erweisen sich aber alle Lösungen als Zeitfresser oder Experimentierfelder. Nach einigen Fehlstarts gelingt es aber doch, die Erinnerungen zu digitalisieren.
So digitalisiert man selbst
Seit längerem möglich ist der computerfreie Weg: Videogerät an den DVD- oder den Harddiskrekorder hängen, die Videos rudimentär in Kapitel unterteilen, abspielen und aufnehmen. Zum Archivieren eignet sich dieser Weg indes schlecht: DVDs halten noch weniger lange als Videobänder. Und die Daten der Festplattenrekorder sind aus Format- und Kopierschutzgründen kaum auf den PC zu kriegen. Also ab Band direkt auf den Computer mit den Erinnerungen!
Es gibt zahllose Geräte zum Überspielen von Videos auf dem Markt, die per USB an den Computer angeschlossen werden. Das günstigste fiel von vornherein durch: Der Q-Sonic Videograbber (rund 70 Franken) benötigt am PC einen separaten Audioeingang. Einen solchen hat kaum ein Notebook. Verbindungskabel muss man sich separat kaufen, die nur in englischer Sprache verfügbare Dokumentation ist mangelhaft. Viel komfortabler sind Terratecs G3 und der ION VCR 2 PC (siehe Kasten). Die beiden Produkte nehmen dem Kopierer viele Entscheidungen ab. Das ist äusserst praktisch, denn Videos zu digitalisieren ist eine Wissenschaft: Es wimmelt von verschiedenen Formaten, Steckern, Codecs und Auflösungen. Beide Produkte werden per USB an den Computer angeschlossen. Der Terratec Grabster bedingt ein eigenes Videogerät, bringt aber alle gängigen Kabel mit. Das ION-Podukt besteht aus einem einfachen Videoplayer mit USB-Ausgang. Viel einstellen kann man in der gewöhnungsbedürftigen Programmoberfläche nicht, was Laien freuen dürfte. Die Terratec-Software bietet bei Bedarf mehr Möglichkeiten fürs Feintuning. Das bedingt auch mehr Zeit und Testläufe. Beide mitgelieferten Programme erlauben das nachträgliche Schneiden, Optimieren und Bearbeiten der alten Filme.
Die Resultate sind nach einem intensiven Testtag durchzogen: Auf den ersten Blick sehen die digitalisierten Filme am Monitor ansprechend aus. Schaut man aber genauer hin, stellt man fest: Je nach Optionen sind die Filme unschön verpixelt, Bild und Ton sind teils asynchron, einige Aufnahmen leicht verzerrt, der Ton ist manchmal zu laut oder gar nicht vorhanden. Insgesamt schneidet der Terratec G3 besser ab. Verarbeitung und Zubehör sind erstklassig. Sobald man die richtigen Einstellungen gefunden hat, klappt alles.
Die Hürden sind zu hoch
Keines der Systeme vermochte restlos zu überzeugen. Die Bildqualität war bloss beim aufwändigen Verfahren via Festplattenrekorder und DVD tadellos. Wers dennoch via PC versuchen und nicht die teuren Profis bemühen will: Nötig ist Einarbeitungszeit in die komplexe Materie. Und beim Digitalisieren sollte man die höchstmögliche Qualität anwählen. Dies bedingt aber einen schnellen Rechner mit extragrosser Harddisk. Sind die Daten erst einmal in gängigen Formaten wie AVI, MP4, MPG oder WMV auf dem Rechner, gelten die üblichen Sicherheitsregeln: Mehrere Fassungen auf externen Festplatten und DVDs örtlich getrennt aufbewahren und alle paar Jahre kopieren. So bereitet der Quartierzirkus von 1984 auch den Urenkeln im Jahre 2084 noch Freude.
•www.liip.to/zirkus84 Die Testgeräte wurden vom Versandhändler Brack Electronics zur Verfügung gestellt. Infos unter www.brack.ch. (Berner Zeitung)
Erstellt: 19.01.2010, 13:36 Uhr




