Die funkelnden Augen des Jägers
Von Roger Zedi. Aktualisiert am 25.08.2011 2 Kommentare
Das Rücktrittsschreiben im Wortlaut
Steve Jobs ist von seiner Funktion als Chef des Computerkonzerns Apple zurückgetreten. Seinen Schritt gab er am Mittwoch in einem Schreiben bekannt. Die Nachrichtenagentur DAPD dokumentiert im Folgenden den Wortlaut des Schreibens in einer inoffiziellen Übersetzung.
«An das Apple-Direktorium und die Apple-Gemeinde: Ich habe immer gesagt, wenn jemals ein Tag kommen würde, an dem ich meine Pflichten und Erwartungen als CEO von Apple nicht länger erfüllen können würde, wäre ich der Erste, der Sie das wissen liesse. Leider ist dieser Tag gekommen.
Ich trete hiermit als CEO von Apple zurück. Ich möchte gerne, wenn der Aufsichtsrat dies für richtig hält, als Aufsichtsratsvorsitzender, Direktor und Apple-Angestellter dienen.
Was meinen Nachfolger betrifft, empfehle ich nachdrücklich, dass wir unseren Nachfolgeplan umsetzen und Tim Cook zum CEO von Apple ernennen.
Ich glaube, dass die strahlendsten und innovativsten Tage von Apple noch vor ihm (dem Unternehmen) liegen. Und ich freue mich darauf, seinem Erfolg in einer neuen Rolle zuzusehen und dazu beizutragen.
Ich habe einige der besten Freunde meines Lebens bei Apple getroffen, und ich danke Ihnen allen für die vielen Jahre, die ich an Ihrer Seite arbeiten konnte.»
Hat Steve Jobs mehrmals getroffen: «Digital»-Redaktor Roger Zedi.
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«Hast du ihn mal live getroffen?», werde ich ab und zu gefragt. Und manchmal staune ich selbst über mich, wenn ich etwa antworte: «Zum ersten Mal habe ich ihn 2002 live gesehen.» Solche Sätze gibt man über Rockstars von sich, nicht über CEOs. Doch Steve Jobs ist eben ein bisschen beides: Unternehmensgründer und Pop-Phänomen.
Es war 2002, im ersten Sommer nach 9/11 in New York. Jobs hielt damals noch brav die Eröffnungsrede zur zweimal jährlich stattfindenden Macworld-Messe. Solange Apple (AAPL 562.29 -0.54%) sich die Termine für Neuankündigungen aber von aussen vorschreiben liess, konnte Jobs sein «Je ne sais quoi» nicht voll entfalten. Er machte gute Mine zum eher lahmen Spiel und präsentierte eine Software zum Abgleich zwischen Mac und Handy. Er wirkte etwas gereizt. Und weit weg auf der grossen Bühne.
Am selben Abend kreuzten sich unsere Wege nochmals zufällig. Es war der Vorabend der Eröffnung des ersten Apple Stores im Big Apple, in einem umgebauten Postgebäude in Soho. Gemeinsam mit ein paar Berufskollegen war ich unterwegs, den Laden schon mal von aussen anzuschauen und zu sehen, ob tatsächlich schon viele Schaulustige da waren. Sie waren.
Die Zuversicht des Jägers
Und da kreuzte uns ein Mann im schwarzen Rollkragenpullover, mit einem schelmischen Lächeln auf den Lippen und leicht zusammengekniffenen Augen, die uns seitwärts anblickten. Darin funkelte eine kindliche Freude. «Moment mal, das war er doch», entfuhr es mir. Und tatsächlich, uns blieb gerade noch Zeit, uns umzudrehen und uns zu versichern, dass wir soeben, mitten auf dem Trottoir, einfach so, Steve Jobs begegnet sind. Da war er dann aber auch schon wieder weg. Es war, als ob sich der König unters Volk gemischt hätte.
Im Nachhinein war die Freude in seinen Augen wohl auch die Zuversicht des Jägers, der zuschaut, wie ihm die Beute in die Falle geht – Apple Stores machen heute mehr Umsatz pro Quadratmeter Ladenfläche als jede andere Ladenkette der Welt. Es scheint, als ob er das bereits damals geahnt hätte, als wir uns alle noch darüber wunderten, dass ein Computer-Hersteller eigene Läden eröffnet.
Die Presse als notwendiges Übel
Ein paar Jahre später habe ich ihn nochmals aus der Nähe erlebt, bei einem Gruppen-Interview in Paris. Die versammelte Journalistenschar aus ganz Europa sass in einem kleinen Konferenzraum, vor ihnen, locker auf Barhockern aufgereiht und mit einem iPod Nano umgehängt, vier Apple-Topmanager, darunter auch «His Steveness».
Wie er denn so sei live, fragen einen die Leute danach. Ein schneller Denker, der genau überlegt, was er antwortet, der ebenso charmant wie bestimmt sein kann. Einer, der gerne betont, nicht alles selber zu machen, dass er Teil eines Teams sei – und diesem doch permanent die Show stiehlt. Und einer, das Gefühl wird man nie ganz los, der die Presse als notwendiges Übel sieht. Noch weniger, das sagt er mehr oder minder deutlich, mag er nur noch Analysten. «Ich versuche, es zu vermeiden, mit denen zu reden», sagt er uns unter anderem. Und schon sind ihm alle im Raum wieder ein Stückchen dankbarer, dass er mit uns redet.
Die Begeisterung eines Rockkonzerts
Den am besten gelaunten Jobs, den ich je selbst erlebt habe, den die Welt vielleicht je erlebt hat, gab es im Januar 2007 in San Francisco zu sehen. Bei der mittlerweile schon fast legendären Präsentation des allerersten iPhones hatte die Spannung und Begeisterung im Saal tatsächlich die eines Rockkonzerts erreicht. Ich erinnere mich noch gut, wie ein Schweizer Kollege sich während Jobs Demonstration zu mir umdrehte und lakonisch meinte: «Nokia kann ihre Göppel gleich wegschmeissen.» Jobs Begeisterung für sein Smartphone war sofort auf uns übergesprungen.
Später musste ich mir auf der Redaktion anhören, ich hätte «nun doch etwas zu positiv berichtet», weil ich unter anderem folgenden Satz nach Zürich übermittelt hatte: «Die Konkurrenz muss sich warm anziehen.» Die letzten vier Jahre haben jedoch sowohl meinem Kollegen als auch mir recht gegeben – doch das verdanken wir wahrscheinlich weniger unserer Weitsicht als jener von Steve Jobs. Zugegeben, als Mac-User der ersten Stunde über Apples Erfolge zu berichten, ist ein wenig, als ob ein Sportreporter über den Sieg seines Lieblingsteams schreibt – die Emotionen lassen sich nicht völlig ausblenden.
Der Biss von 2007 war weg
Vielleicht zum letzen Mal hab ich Jobs diesen Juli erlebt, als er in San Francisco die iCloud-Strategie präsentiert hat. Am bewegendsten war dabei nicht die Standing Ovation der angereisten Entwickler. Jobs übergab mehrmals das Wort anderen Apple-Managern und zog sich jeweils an den Rand der Bühne zurück. Von meinem Platz vorne links im Saal aus konnte ich ihn dabei beobachten. Wie in Zeitlupe setzte er einen Fuss vor den anderen, um den Barhocker zu erreichen, der für ihn bereitstand. Gezeichnet von seiner Krankheit und abgemagert sass er da.
Der Biss von 2007 war weg, Jobs schien milde geworden zu sein. Doch seine Augen wirkten stets wach und während er seinen Kollegen dabei zusah, wie sie Apples Neuheiten präsentierten, blitzte immer noch etwas des alten Schalks auf. Jobs wirkte wie einer, der sein Lebenswerk in guten Händen weiss. Einer, der loslassen kann.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 25.08.2011, 10:32 Uhr
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2 Kommentare
ch hab vor etlichen Jahren auf einem Technikforum die Anekdote gelesen, dass sich seine Mitarbeiter fürchteten alleine mit ihm Lift zu fahren, weil man nie sicher war, ob man beim Aussteigen seinen Job noch haben würde. Eine Seite, eine Andere: er hat spät nachts, (2 AM), manchmal noch höchstpersöhnlich auf Mac Foren mit Endusern kommuniziert. Antworten
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