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Die eierlegende Wollmilchsau – nun in Gross

Von Peter Hogenkamp. Aktualisiert am 01.02.2010 10 Kommentare

Peter Hogenkamp von Neuerdings.com, Gadget- und Usability-Experte, meint zur Frage, wie viele Leute den neuen iPad von Apple eigentlich wirklich «brauchen»: Der Appetit kommt beim Essen.

1/19 Vielleicht währt die Freude nur kurz – auch der iPad ist kein Wunderding.
Bild: Reuters

«Ein magisches und revolutionäres Produkt» Das Warten hat ein Ende 500 Dollar für einen Spiegel?« Eher nicht»

   
Peter Hogenkamp ist Gründer mehrerer Startups, zuletzt und aktuell von Blogwerk, einem Onlineverlag für Weblogs (unter anderem Neuerdings.com und Netzwertig.com).

Peter Hogenkamp ist Gründer mehrerer Startups, zuletzt und aktuell von Blogwerk, einem Onlineverlag für Weblogs (unter anderem Neuerdings.com und Netzwertig.com). (Bild: Pirmin Rösli)

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Steve Jobs stellt das neuste Apple-Produkt vor

Mein Freund Hardy berichtete vor Kurzem von einer Zugfahrt, dass «praktisch alle Laptop-User im Zug nur Spiele darauf machen». Sein Fazit: «Ausser Leuten wie dir, die unterwegs damit arbeiten, braucht niemand wirklich einen Laptop-Computer!» Eine sympathisch verschrobene, aber natürlich falsche These. Denn alle Leute, die sich einen Laptop leisten, «brauchen» ihn auch, sonst würden sie ihn weder kaufen noch mit sich rumschleppen. Sie finden, sie müssten auch im Zug einen Computer dabei haben, um zu arbeiten, zu surfen, Videos zu schauen oder was auch immer. Niemand könnte beurteilen, ob das nun objektiv «stimmt» oder nicht.

Nun kommt also Apple (AAPL 562.29 -0.54%) mit dem iPad - der zunächst einmal aussieht wie ein iPhone XXL, sogar der Mechanismus «Slide to Unlock» ist identisch - und neben der blinden Begeisterung der grossen Mac-Jüngerschar stellen wir «Normalen» uns die Frage: Brauche ich das? Jeder «braucht» ein Handy, fast jeder «braucht» einen PC - aber wie viele von uns brauchen noch zusätzlich etwas dazwischen?

Die geistigen Vorläufer

Beim Versuch einer Antwort auf die Frage haben wir heute den Vorteil, dass wir zwei wichtige geistige Vorläufer des iPad schon kennen: das iPhone und den Kindle von Amazon.

Falls sich noch jemand erinnert: Das iPhone ging im Sommer 2007 an den Start (damals noch nicht in der Schweiz) ohne App Store, nur mit den rund 20 Apps, die von Haus aus mitkamen: von SMS über E-Mail bis Wetter - eine Ausstattung, die einem heute absolut spartanisch vorkommt.

Oder eben an den Kindle von heute erinnert, der noch in dieser Phase steckt und erst vor einigen Tagen seine Öffnung für externe Apps ankündigte. Der Kindle macht heute nur eine Sache, nämlich Bücher anzeigen, und die macht er ziemlich gut (genau genommen zeigt er auch noch Zeitungen an, aber nicht so gut und recht teuer). Der heutige Tag ist somit eine schlechte Nachricht für Amazon: Der iPad macht sehr, sehr viele Sachen, und vermutlich macht er viele von denen ziemlich gut.

Wer kauft da noch einen Kindle?

Zunächst ist es ein (fast) vollwertiges iPhone in gross, das fast alles kann, was das iPhone auch kann - bis auf Telefonieren (halte ich für unwichtig, niemand würde das grosse Teil ernsthaft als Handy-Ersatz nehmen wollen) und die etwas überraschend fehlende Kamera. Und mit dem dritten Online-Shop, dem Buchladen iBooks, ist neben iTunes und dem App Store zweifellos eine weitere «Killerfunktion» dazu gekommen. Wer kauft da noch einen Kindle, der nur Bücher anzeigen kann (und bisher mit 279 Dollar nicht so viel billiger war als das Einsteiger-iPad mit 499 Dollar).

Ob man zwischen dem iPhone und dem Laptop/Desktop ein weiteres Gerät braucht, mit dem man im Prinzip dasselbe machen kann wie mit den anderen beiden, nur in einer anderen Grösse, darüber kann man sicher streiten. Es wird Fans der neuen Grösse geben, die demnächst nur noch mit dem iPad rumlaufen werden (ich erwarte ein wahres Wettrennen, wer in den SBB-Businessabteilen als erster auf einem iPad tippt und die verstohlenen Blicke der Mitfahrer geniesst), und es wird andere geben, die nach wie vor das Haus nicht ohne Laptop verlassen.

Viel mehr über den «Langfrist-Nutzen» lässt sich heute seriös nicht sagen, und viel mehr werden auch die Journalisten nicht sagen können, die das iPad zur Stunde in San Francisco anfassen dürfen. Denn die Gadgets von heute sind nichts mehr ohne meine Inhalte. Ein iPhone ausprobieren im Swisscom-Shop? Totlangweilig, man klickt ein bisschen rum, startet ein YouTube-Video und legt es wieder weg. Ohne meine Mails, meinen Kalender, meine Musik und natürlich meine vielen Apps ist es nicht mein iPhone. Das wird auch beim iPad nicht anders sein.

Zwei Gruppen von Applikationen

Wichtig ist, dass man den iPad nicht unterschätzen sollte, indem man «nur» den heutigen Funktionsumfang beurteilt (der ja schon beeindruckend genug ist). Wer heute die Apps auf seinem iPhone vorbeizischen lässt, kann sie in zwei Gruppen einteilen:

  • 1. Solche Apps, auf die man auch schon 2007 mit etwas Überlegen gekommen wäre: SBB-Fahrplan. Tagesanzeiger/Newsnetz-App. RSS-Reader.
  • 2. Apps, deren Erfinder uns mit einer pfiffigen Grundidee, Kreativität in der Umsetzung oder sehr reichhaltigen Offline-Inhalten überraschen: Foursquare. Ein Schlafphasenwecker. Eine Erste-Hilfe-App mit detaillierten Offline-Anleitungen für alle Notfälle (dank derer angeblich jemand in Haiti tagelang eingeschlossen überlebt hat).

Dieser Innovationspush steht uns auf dem iPad natürlich erst noch bevor, denn ausser ausgewählten Apple-Freunden konnte noch niemand Apps entwickeln - und der Push wird erheblich schneller ablaufen, denn Zehntausende von App-Programmierern sitzen in den Startlöchern und sind scharf auf 125 Millionen registrierte App(le)-Store-Kunden.

Und wenn die Freundin meckert?

Der iPad ist zweifellos von allem, was wir bisher gesehen haben, am nächsten an der eierlegenden Wollmilchsau, fehlende Kamera hin oder her. Und daher kann es Apple egal sein, ob einer es kauft, weil er nur spielen will, nur Bücher lesen, nur Videos gucken, oder tatsächlich seine Excel-, pardon, Numbers-Zahlen abends auf dem Sofa aktualisieren will. Und natürlich erst recht, ob jemand es nun «braucht» oder nur aus Spass an der Freude nutzt.

Grösster Nachteil, den ich auf Anhieb sehe: Wenn die Freundin einem den Blick «Nun leg endlich mal das doofe Ding weg!» zuwirft, kann man es nicht mehr so schlank in der Hosentasche verschwinden lassen, um es fünf Minuten später diskret wieder rauszuziehen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.02.2010, 08:11 Uhr

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10 Kommentare

Alejandro Gessner

28.01.2010, 07:59 Uhr
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Guter Artikel, der sowohl die Plus- als auch die Minuspunkte der neusten Kreation aus Cupertino beleuchtet. Und richtig erkannt: Produkte von Apple verkaufen sich nicht über technische Details, sondern über Usability und das Erlebnis beim Bedienen des Geräts. Auch wenn jetzt gleich Stimmen laut werden, die fehlende Funktionalitäten des iPad bemängeln - schlussendlich will es jeder haben. Ich auch! Antworten


Christian Mathis

28.01.2010, 01:16 Uhr
Melden

Hallo Ich finde man darf den Vergleich mit dem Kindl erst ziehen, wenn man den iPad bezüglich Lesbarkeit getestet hat. Es handelt sich beim iPad immernoch um einen Backlite LED was dem lesen ab einem herkömmlichen Screen wohl sehr nahe kommt. E-Reader wie die von Sony und Amazon verwenden elektronische Tinte. Der Screen hat kein Backlite und Buchstaben aus einem Buch. Hier liegen meine ??? Antworten



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