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Der Milliardenvernichter

Von Reto Knobel. Aktualisiert am 01.07.2010

Steve Ballmers Zwischenbilanz als Microsoft-Chef: Hardware-Flops und riesige Verluste im Internet. Wohl der einzige Grund, warum er noch im Amt ist: Es ist kein Nachfolger auszumachen.

1/14 Baustelle Nummer 1
Am 11. Oktober werden die ersten Handys mit dem neuen Betriebssystem Windows Phone 7 gezeigt. Als Partner konnte das Softwareunternehmen die Hardwarehersteller HTC, LG und Samsung gewinnen.
Das Problem: Microsoft hat mit dem Vorgänger Windows Mobile 6.5 viel Kredit verspielt. Der Vorsprung der härtesten Konkurrenten iOS (Apple) und Android (Google) scheint uneinholbar. Der Marktanteil der Handys mit Windows-Software Phone-Software beträgt nur 4,7 Prozent – Tendenz fallend.
Bild: Reuters

   

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Produkteflops und Milliardenverluste im Web: Muss Microsoft-Chef Steve Ballmer das Unternehmen verlassen?

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Es war die perfekte Schönmalerei: Ende April gab Microsoft (MSFT 29.06 -0.03%) bekannt, «vorerst keinen eigenen Tablet-Computer gegen den erfolgreichen Touch-Computer iPad ins Rennen zu schicken», die Erkenntnisse aus dem erst im Januar vorgestellten Projekt würden aber «in andere Produktentwicklungen einfliessen». Wenn das Unternehmen Klartext reden würde, müsste es heissen: Wir kapitulieren vor dem iPad des Hauptkonkurrenten Apple.

Gestern gab das Unternehmen das Ende einer weiteren Microsoft-Hardware bekannt. Nach nicht einmal zwei Monaten wird die Produktion des Smartphones Kin eingestellt, der zunächst angekündigte Europa-Start ist abgeblasen.

Klumpenrisiko Windows

Damit zeichnet sich ab, dass 2010 für den immer noch grössten Softwarehersteller der Welt ein Debakel wird. Während Ballmer-Antipode Steve Jobs mit dem iPad und dem iPhone 4 einen Rekord nach dem anderen aufstellt, hält sich Microsoft verzweifelt am Klumpenrisiko Windows 7 fest. Laut einem Microsoft-Blogeintrag von Mitte Juni hat das Unternehmen seit dem Marktstart von Windows 7 150 Millionen Lizenzen verkauft.

Im Bereich Hardware fehlt ein solches Zugpferd zur Gänze: Sowohl Apple als auch Google glänzen auf dem Handymarkt mit unglaublichen Wachstumsraten (Google allerdings nur indirekt mit dem auf vielen Smartphones laufenden Betriebssystem Android). Nur drei Jahre nach der Lancierung des ersten iPhones ist Apple bereits das Unternehmen, welches am meisten mit der Handysparte verdient. In Westeuropa verkauft nur Nokia mehr Handys als der Smartphone-Frischling aus Cupertino.

Anleger sind verärgert

US-Medien haben den Schuldigen der Microsoft-Misere schnell gefunden: Steve Ballmer. Bereits 2009 wurde im Heimmarkt USA heftig über das Ende des Bill-Gates-Nachfolgers spekuliert. «Abgelenkt vom Desaster mit Windows Vista hat Ballmer alle grossen Trends der letzten 10 Jahre verschlafen», kritisierte etwa «Newsweek». Das Unternehmen hinke nicht nur anderen Tech-Unternehmen, sondern auch dem Durchschnitt des Dow Jones hinterher.

Google habe das Rennen im Suchmaschinenmarkt und in der Keyword-Werbung gewonnen, Apple dasjenige um den Musikplayermarkt und die Musikverkäufe – vom Smartphone-Markt ganz zu schweigen. «Microsofts Zune ist ein Blindgänger und Microsofts Suchmaschine Bing wird Google nie das Wasser reichen», analysierte «Newsweek». Grosse Mühe hat das Unternehmen auch mit der Websparte. Wie die «Wirtschaftswoche» schreibt, wurden seit dem Amtsantritt von Steve Ballmer mit Internet-Medien sieben Milliarden Dollar verbrannt.

Nur im Austeilen stark

Doch Ballmer, der CEO mit Schweizer Wurzeln, geht Selbstkritik völlig ab. Dafür beherrscht der 54-Jährige die Kunst der Sticheleien. Apples iPad sei auch «nur ein PC mit einem anderen Formfaktor», sagte er unlängst (zur Erinnerung: Alle drei Sekunden geht ein iPad über den Ladentisch) und iPhone-Apps sind für den Manager nur «Modemätzchen». Google kritisierte Ballmer mit den Worten, dass Microsoft Geld mit dem Verkauf von Software mache, «nicht mit Benutzerdaten, die man zu Geld macht». Mountain View, so Ballmer abschätzig, sei nur ein «Kartenhaus».

Peinlich die Kritik an Googles Software Chrome und Android: Er verstehe nicht, warum Google gleichzeitig zwei verschiedene Betriebssysteme für mobile Geräte entwickle. Er liess jedoch unerwähnt, dass Microsoft sechs Software-Plattformen vermarktet – laut einer Analyse des Techblogs Gigaom sind es sogar 18 verschiedene Windows-Varianten.

«Ballmers verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung»

Natürlich: Das Geschäft mit Software läuft immer noch gut. Neben Windows 7 hofft der IT-Konzern auf eine Fortsetzung des Booms mit dem Microsoft-Bürosoftwarepaket Office. Aber nach den Megaflops Courier (Tablet) und Kin (Smartphone, siehe Bildstrecke) scheinen jene Kritiker recht zu bekommen, die überzeugt sind, Ballmer könne sich nur noch im Sattel halten, weil er ein alter Freund und Uni-Gefährte von Software-Guru Bill Gates ist.

«Ballmers verzerrte Wirklichkeitswahrnehmung wird immer schlimmer», schreibt der bekannte Investor Jean Louis Gassée in einem Blogeintrag. Kein Blatt vor den Mund nimmt auch «Fast Company». Das Wirtschaftsmagazin fordert: «Holt Bill Gates zurück!» Kann Ballmer Medienkritik im Prinzip unter den Tisch wischen, muss er sich um die Anlegermeinungen ernsthaft Sorgen machen. Denn die Börse hat Microsoft brutal abgestraft: Seit dem Amtsantritt von Ballmer vor zehn Jahren hat sich der Börsenwert Microsofts gedrittelt.

Wie lange also kann sich Microsoft Ballmer noch leisten? Vielleicht länger als das Unternehmen eigentlich möchte. Denn ein geeigneter Nachfolger ist nicht in Sicht.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.07.2010, 11:44 Uhr

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