Just Married (1)
Evelyn Gfeller (zvg)
Visionen nennen sie es bei der Bank, Träume unter Freunden, und Eltern sprechen von Zukunft. Nun ja, Neuanfang hin oder her; mindestens 100 Augenpaare schenkten mir ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, als sich die Türe langsam öffnete, und ungeduldige Blicke musterten jeden Zentimeter meines Körpers. Da stand er, wunderschön und bereit. Da standen wir nun beide, um für- einander da zu sein. In guten wie in schlechten Zeiten.
Von Romantik ist nur noch wenig zu spüren, als wir einige Wochen später in einem kahlen Grossraumbüro sitzen und uns der Banker voller Stolz den massgeschneiderten Vorsorgeplan präsentiert. Und immer häufiger suche ich nach dem Erwachen voller Sehnsucht nach den tiefbraunen Augen und erinnere mich an unser Versprechen und den wunderschönen Tag im Juli, der im Zeichen unserer gemeinsamen Zukunft stand.
Müde lasse ich meinen Blick über die unzähligen Fotos schweifen: Erinnerungen und Augenblicke voller Hoffnung, Freude und Zuversicht. Auf der letzten Seite des Albums angekommen und von Müdigkeit überwältigt, fällt es mir schwer, die verschwommenen Zeilen unter dem Hochzeitsfoto zu lesen: «Just married. Der Tag, der unser Leben veränderte.»
Wehmütig versinke ich in meine Traumwelt, bis ich vom Geräusch des Fernsehers mit einem Ruck aus meinen Gedanken gerissen werde. «Stop dreaming, start living», trällerte jemand im Werbeslogan, und ich frage mich, ob dieser Satz nicht besser zum Foto auf der letzten Seite gepasst hätte.
Erstellt: 24.08.2010, 15:40 Uhr





