Thomas Wälti: Keine Haie im Lungerersee oder der sympathische Kapitän im «Besen-Boot»
Ich musste mich ganz allein durch den Lungerersee pflügen. Denn nach 400 Metern war auch die letzte orange Badekappe aus meinem Blickfeld gekrault. Unerbittlich glitt das «Besen-Boot »hinter mir her. Stress pur. «Vorwärts immer, rückwärts nimmer!», denke ich.
Kann nicht schaden, das hatte schon Erich Honecker, der ehemalige Staats- und Parteichef der DDR, gesagt. Die Boje nach einem Kilometer – ein scheuer Blick zurück. Das Boot ist… da! Brutal hinter mir. Ich stelle mir einen bärbeissigen Kapitän vor, der ständig auf die Stoppuhr schaut und bereit ist, wie ein Weisser Hai zuzuschlagen, sollte der Kontrollschluss nicht eingehalten werden. Tick-tack, tick-tack, tick-tack. „Geh doch langsamer, geh doch langsamer“, flehe ich. Doch die Uhr tut es nicht, sie geht mit der Präzision, die ihr vorgeschrieben ist. Ich ziehe und ziehe, so wie ich es vor einem Monat im Hallenbad gelernt habe. Gleitphase, ausatmen, auftauchen, Gleitphase. Tick-tack, tick-tack. Ahoi! Nach zwei Kilometern sehe ich etwas Oranges vor mir schwimmen. Eine Boje? Nein, ein Mensch! Ich ziehe und ziehe, als würde ich um mein Leben kämpfen. Die Badekappe kommt näher. Mach' sie nass, Thomas!, schreie ich euphorisch. Der Brustkorb brennt. Kilometer 2: Noch vier Züge und wir sind gleichauf. Drei, zwei, eins – yeah!
Ich ziehe weiter und frohlocke: Das nervige Problem mit dem «Besen-Boot» ist gelöst, der Schwarze Peter hat bei einem anderen angedockt. Noch 800 Meter bis ins Ziel. Nein!!! Das «Besen-Boot» ist wieder da! Die Frau hinter mir hat das Rennen aufgegeben. Ich bin wieder Letzter. Noch 400 Meter. Das Boot überholt mich. Mir kommt es vor, als schnappe es mit seinen gigantischen Zähnen zu. Meine Zeit ist abgelaufen, denke ich. Eine kleine Welt bricht zusammen. Schade, ich hätte es sooo gerne geschafft und war sooo nah’ dran. «Du schaffst es – komm’ schon, nur noch ein paar Züge!», ruft mir der Kapitän zu. Er ist gar nicht bärbeissig. Und er hat auch keine Haifischzähne. Ich schnappe nach Luft. Wer bist du? „Ich heisse Geri Bieri. Und du?“ Ich heisse Thomas. Noch 100 Meter. Plötzlich reisst Geri sein T-Shirt vom Körper und springt vom Boot. Platsch! «Komm’ Thomas, wir schwimmen gemeinsam ins Ziel.» Mir schiessen Tränen der Rührung in die Augen. Zum Glück sieht sie Geri nicht, er glaubt sowieso, dass meine Augen vom Tauchen nass sind.
Noch 20 Meter, 15, 10, 5, 4, 3, 2, 1. Nach 1:23:49 Stunden bin ich gestrandet - sechs Minuten und 11 Sekunden vor Kontrollschluss. Ein paar Badegäste stehen auf und klatschen Beifall. Einer ist immer der Letzte. Ich mache eine Welle für Geri Bieri, Ressortleiter Schwimmen bei Swiss Olympic. Der 57-jährige Thuner sorgte auf dem Lungerersee für die Sicherheit der Gigathleten – und auch dafür, dass sie durchkamen. Danke, lieber Geri, dass ich im Lungerersee auch mit einem eigenen Supporter unterwegs sein durfte!
Erstellt: 13.07.2010, 14:40 Uhr
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