Sie entspannt die Angespannten
«Es gibt viele Frauen, die denken: ‹Die sagen mir dann im Spital schon, was ich bei der Geburt machen muss.› Dabei ist jede Frau bei der Geburt auf sich gestellt: Da muss sie ganz allein durch», sagt Astrid Kropf. Deshalb sei es wichtig, sich darauf vorzubereiten. Als selbstständige Geburtsvorbereiterin hat sie das zu ihrem Beruf gemacht. «Die meisten, die kommen, haben insgeheim Angst vor der Geburt», erzählt die dreifache Mutter. «Aber es hilft viel, wenn man sich vorher bewusst damit auseinandersetzt, was passieren kann.» Sie arbeitet deshalb in den Vorbereitungen nicht nur körperlich, sondern macht auch mentales Training.
Die Männer als Coaches
In diesen Prozess bindet Astrid Kropf auch die Männer mit ein. Sie sage ihnen oft: «Ihr seid wie ein Coach, während eure Partnerin einen Marathon läuft.» Von diesem Marathon können die Männer den Frauen keinen Meter abnehmen. «Aber es bringt auch nichts, wenn der Mann der Frau sagt, was für eine Arme sie sei. Er soll mit ihr reden, ihr zu trinken geben, sie an das richtige Verhalten erinnern – wie ein Coach eben.» Es sei wichtig, sich während der Geburt zu bewegen, damit das Kind die richtige Position finde. «Auch deshalb spreche ich von einer ‹aktiven Gestaltung› der Geburt.» Das Bewusstsein, in letzter Konsequenz auf sich allein gestellt zu sein, sei vielleicht zunächst ein Schock. «Aber dann hilft es auf dem Weg zu einer selbstbestimmten Geburt.»
Geburt «konsumieren»?
Wegen der zahlreichen medizinischen Möglichkeiten beobachtet Astrid Kropf oft eine Art «Konsumhaltung» bei der Geburt. Die Verantwortung wird ans Spital delegiert – «schliesslich bezahle ich ja». Diese Haltung könne später zu Problemen führen. «Viele Frauen haben Versagensgefühle, fühlen sich nicht als richtige Frau, wenn sie nicht natürlich gebären konnten.» Doch auch die beste Vorbereitung sei keine Garantie für eine komplikationsfreie Geburt. Solche Themen schneidet sie deshalb in ihren Rückbildungskursen an. «Es ist keine einfache Zeit, wenn die Hormone noch nicht im Gleichgewicht sind und sich auch das Paar neu finden muss, wenn man plötzlich zu dritt ist. Da sollten nicht auch noch ungerechtfertigte Schuldgefühle hinzukommen.» Es könne manchmal Jahre dauern, bis eine Geburt verarbeitet sei. «Ich bin aber keine Psychologin. Ich habe auch schon Leute weiterverwiesen.»
Kropfs Vorbereitung findet vor allem in Form von Schwangerschaftsyoga, Atem- und Entspannungsübungen statt. Gespräche und mentales Training kommen ebenfalls hinzu, bei der Rückbildung Pilates. «Wir versuchen, die Achtsamkeit nach innen zu richten und eine Beziehung zum Ungeborenen zu entwickeln. So wird man sicherer und bekommt das Urvertrauen zurück.» Neben den Gesprächen bleibt aber die Bewegung das zentrale Element. Bewegung war in Astrid Kropfs Leben immer sehr wichtig, das zeigt sich auch am Firmennamen «Rundum Bewegung».
Von An- zur Entspannung
Dass Kropf heute von «Entspannung und Urvertrauen» spricht, ist nicht unbedingt selbstverständlich. Jahrelang war sie als Fitnessinstruktorin tätig und leitete zum Beispiel Kickpower- oder Spinning-Kurse (Radfahren an Ort) – sie war also mehr für die (Muskel-)Anspannung als die Entspannung zuständig. «Ich habe es geliebt!», sagt sie. «Aber es ist auch sehr schnelllebig, und irgendwann wurde es für mich unglaubwürdig – man wird halt auch älter.» So begann sich die heute 48-Jährige vor zehn Jahren Gedanken zu machen, wie es weitergehen könnte.
Zur Geburtshilfe brachten sie eigene Erfahrungen. Die erste Geburt war gut vorbereitet und sehr leicht. Bei der zweiten hatte sie das Gefühl, dass keine Vorbereitung mehr nötig sei. «Ich war etwas auf dem Fitnesstrip, war gut trainiert und glaubte, meinen Körper gut genug zu kennen.» Die zweite Geburt wurde aber sehr schwierig, «weil ich ihr zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatte – es war eher so nebenbei». Auf Grund dieser Erfahrung begann sie sich intensiver mit dem Thema zu beschäftigen und machte es bei der dritten Geburt wieder anders. Schliesslich begann sie die Ausbildung beim Schweizerischen Berufsverband für Geburtsvorbereiterinnen und machte sich selbstständig. Seit sechs Jahren arbeitet sie zu Hause in Kirchberg, seit zweieinhalb Jahren auch in einem Raum im Berner Breitenrain-Quartier.
Hunderte von Kindern
Mehrere hundert Mal hat sie schon eine Mutter auf dem Weg zur Geburt begleitet. «Besonders schön ist es, wenn manche für das zweite Kind wieder zurückkommen.» Schliesslich baue sie eine persönliche Beziehung auf. Diese könne allerdings weniger über Jahre gepflegt werden wie etwa jene zur Coiffeuse. «Das vermisse ich manchmal.» Aber wenn sie am Morgen aufwache und ihr per SMS für eine geglückte Geburt gedankt werde, denke sie: «Ich habe schon einen schönen Job!» (Berner Zeitung)
Erstellt: 30.03.2010, 08:51 Uhr
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