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Schwarzes Schaf und Paradiesvogel

Im Emmental aufgewachsen, wurde Margrit Pfister in Bern zur freischaffenden Dolmetscherin und zog allein erziehend eine Tochter gross. Nach einem Buch und einem preisgekrönten Film nimmt sie nun an einem Songcontest teil.

Sie zeichnet, malt, fotografiert – und singt: An den nächsten drei Sonntagen nimmt die Bernerin Margrit Pfister an einem Gesangswettbewerb für über 40-Jährige teil.

Stefan Anderegg

Eine Bleistiftzeichnung: Mit solchen Porträts verdiente Margrit Pfister als 14-Jährige Geld.

Eine Bleistiftzeichnung: Mit solchen Porträts verdiente Margrit Pfister als 14-Jährige Geld. (Bild: Stefan Anderegg)

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Mit fünf Geschwistern wuchs Margrit Pfister in bescheidenen Verhältnissen auf. «Die Zicklein laufen dir nach wie Hündchen», pflegte ihre Mutter zu sagen, weil sie am liebsten auf dem Feld arbeitete und Ziegen hütete. Die kleinbäuerliche Herkunft konnte und wollte sie nie verleugnen – auch wenn sie gegen den Willen der Eltern und Lehrer durchsetzte, dass sie als erstes Bauernmädchen des Dorfes das Gymnasium besuchen konnte. «Weil mein Vater nie Ingenieur werden konnte, wurde er belächelt, obwohl er eine geniale technische Begabung hatte. Das hat mich masslos geärgert», nennt Pfister einen der Gründe. Im Gymnasium in Burgdorf übersprang sie eine Klasse und schloss mit der besten Matur ihres Jahrgangs ab. Und das, obwohl sie daneben noch im Wald arbeitete und putzte, um die Mittelschule mitzufinanzieren. Der Griechischlehrer staunte nicht schlecht, als seine beste Schülerin zehn Minuten nach Unterrichtsende plötzlich mit dem Besen in der Hand wieder im Zimmer stand.
In Bern begann Margrit Pfister ein Studium der Ethnologie, Psychologie und Soziologie und fühlte sich manchmal «wie auf einem anderen Kontinent». Weder mit den Hippies noch den «pseudorevolutionären Bourgeoisie-Kids» konnte sie sich voll identifizieren. «Beide waren mir zu einseitig, zu undifferenziert und vor allem zu inkonsequent», sagt sie.

In der Schweiz zu eng
Weil es ihr in der Schweiz zu eng wurde, trampte sie durch Nord- und Südamerika, verliebte sich und wurde Mutter. Als sie mit knapp 30 den Vater ihrer Tochter aus Guatemala in die Schweiz holte, durfte er trotz Arbeitsbewilligung und Stelle nicht bleiben. Weil es keine anspruchsvollen Teilzeitstellen mit flexiblen Arbeitszeiten gab, beschloss sie, sich als Übersetzerin und Dolmetscherin selbstständig zu machen, «mit nichts als einer Schreibmaschine und meinem Kopf». Wie viele Hürden es dabei immer wieder zu überwinden gab, beschreibt sie in ihrem Buch «Steine im Weg – aus dem abenteuerlichen Alltag einer Alleinerziehenden», das 1993 erschienen ist.

Karriere als Sängerin
Aber das ist noch lange, lange nicht alles. Margrit Pfister zeichnet, malt, fotografiert – und singt. Unter dem Pseudonym Vera Gabriel hat sie zehn Jahre lang Konzerte in den Kleintheatern und Clubs der Region Bern und Biel gegeben. Mit ihrer rauchigen Stimme interpretiert sie Chansons von Sängerinnen wie Edith Piaf oder Mercedes Sosa. Auf Pfisters Homepage «mundointerpret.ch» sind einige Liedausschnitte aufgeschaltet. Nachdem das Singen in den letzten fünf Jahren etwas weniger im Zentrum stand, will es die 58-Jährige nun beim «Golden Age Song-Contest» – einem Gesangswettbewerb für über 40-Jährige (siehe Kasten) – noch einmal wissen.

Die harte Schale
Margrit Pfister wirkt selbstbewusst, bestimmt. Das liegt zum einen an ihrer volltönenden Stimme, aber auch an ihrer Emmentaler Direktheit. «Ich konnte und wollte mich dem bildungsbürgerlichen Code nie anpassen», sagt sie. Säuseln liegt ihr nicht. Das zeigt sich zum Beispiel, wenn sie in Leserbriefen dem «politischen Establishment, das Wasser predigt und Wein trinkt», die Leviten liest. «Wachstumsgläubige Rot-Grüne, die millionenschwere Prestigeprojekte und unsinnige Kultur subventionieren oder alljährlich zum Tauchen nach Sharm el-Sheikh fliegen, sind unglaubwürdig», sagt sie, die weder Auto fährt noch fliegt. Es stört sie, wenn hier Geld «verpulvert» wird, während in der dritten Welt Hunger herrscht. «Ich bin eine Dissidentin. Ich gehöre in keine Schublade, ich denke selber. Das stösst einige vor den Kopf.» Im Verlauf des Gesprächs wird die «harte Schale», wie sie sie selber nennt, aber rissig: Sie lässt zu, dass darunter auch Unsicherheit, Weichheit und Sensibilität spürbar werden. «Die harte Schale brauchte ich für den Überlebenskampf.» An destruktiver, undifferenzierter Kritik nage sie tagelang.

Preisgekrönter Film
Zum Singen, Schreiben, Gestalten kommt ein weiteres Ausdrucksmittel hinzu: Mit dem Dokumentarfilm «Spagat – Mütter und Töchter in der Migration» hat sie 2008 am Filmfestival Thunersee den Goldenen Drachen gewonnen. «Spagat» ist ein Wort, das Pfister auch für sich häufig benützt: zwischen «schwarzem Schaf und Paradiesvogel», dem religiösen Erbe der Täuferkindheit und der Hippie-kultur, dem Ausland und der Schweiz. «Oft verstehe ich mich mit Leuten aus anderen Kulturen besser als mit Einheimischen», sagt sie, die seit zehn Jahren mit einem Sudanesen verheiratet ist. In der Schweiz stört sie die «Fixiertheit auf Diplome», dass alle Fähigkeiten verbrieft sein müssten, gerade auch in der Kunst. Dabei hat sie sich das allermeiste autodidaktisch beigebracht und vertraut «lieber der instinktiven als der kognitiven Intelligenz». Wenn sie deswegen als Dilettantin hingestellt wird und keine Subventionen für ihre Projekte bekommt, ärgert sie das sehr. Umso mehr freut sie, dass sie nun in die Jury des Filmfestivals berufen wurde.
«Ich war immer eine Pionierin und wollte alles zwanzig Jahre zu früh», sagt Pfister über sich. Sie habe schon für Mittagstische und Blockzeiten gekämpft, als noch niemand etwas davon wissen wollte. Mit Genugtuung nimmt sie zur Kenntnis, dass heute der Anspruch, berufliche Selbstverwirklichung und Muttersein zu verbinden, anerkannt ist. Aber: «Nichts ist so beglückend, wie ein Kind mit Liebe ins Leben zu begleiten.» Einen Tag pro Woche hütet sie ihren Enkel. «Das ist momentan meine Lieblingsbeschäftigung.»

Song-Contest
Ungewöhnliche Talentshow
12 Kandidaten, unter ihnen auch die Bernerin Margrit Pfister, treten an den nächsten drei Sonntagen beim «Golden Age Song-Contest» in der Zuger Chollerhalle auf. Dem Sieger winkt eine sechsmonatige Intensivausbildung am bekannten Musikseminar Husar in Luzern. Moderiert wird die Talentshow von Maja Brunner. In der Jury sitzt unter anderen Toni Vescoli. rha (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 12.03.2010, 17:18 Uhr

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