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Lob, Kritik und Amokiade

Aktualisiert am 16.01.2012

Das «Forum» ist für viele Leserinnen und Leser die direkteste Anlaufstelle in die Redaktion dieser Zeitung. Per Brief, Mail oder über die Hotline kann man sich zu verschiedensten Themen äussern, zu Artikeln Stellung beziehen, kommentieren und so weiter. Das «Forum» bietet seit zwei Jahren eine Plattform, die rege benutzt wird.

«Forum»-Redaktor Christian Werderüber nette Post und primitive Hassmails (Bild: zvg)

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Da gibt es beispielsweise jene Leute, die einfach loben wollen. «Besten Dank für den Superbericht vom letzten Samstag», heisst es in einem der zahlreichen Schreiben wörtlich. Dann gibt es die kritischen Schreiber, die in direktem, aber anständigem Tonfall ein Anliegen formulieren («Ich bitte Sie, sich beim Thema Wahlen etwas zurückzuhalten und über wesentlichere Dinge zu schreiben»). Und dann natürlich die Originellen, die einfach aufs Geratewohl an die «sehr geehrte Redaktion» schreiben und aus lauter Freude am Tennissport einen selbst komponierten «King Roger»-Marsch inklusive Noten schicken.

Dieser Zuschriftenmix bereichert die Arbeit der «Forum»-Redaktion ungemein. Man fühlt den Puls der Leserschaft. Und es erwachsen daraus oft spannende journalistische Beiträge.

Doch gibt es leider auch die Kehrseite der Medaille. Hassmails. Briefe, die vor verbalem Schmutz nur so triefen. Zu Papier gebrachte Amokläufe. «Ab mit dem Gesindel, in die Gaskammern. Mit Heizöl und Düngemitteln lassen sich herrliche Höllenmaschinen bauen. Die Autonomen, das Islamgesindel und die grünen Politiker können noch was erleben.» Ein O-Ton aus einem anonym verfassten Schreiben. Das Gebrüll endet mit den Worten «Noch nie war ein Hitler so dringend nötig wie heute!».

Oder: «Jeder und jede Strafanstaltsverantwortliche (auch die verantwortlichen Regierungsräte des Kantons) sollen im Anschluss an einen Spaziergang vom jeweiligen Verwahrten getötet werden.» Auf diese Weise äussert sich ein Mailschreiber zum Thema «Verwahrte im Ausgang».

Und: «Solche dummen Schlampen, wie Du eine bist, sollten verboten werden. Ich empfehle Dir den Sprung in die Aare, samt Köter. Bleibt beide auf Nimmerwiedersehen unten. So Lumpenpack wollen wir in Bern nicht sehen.» Dies die anonyme Entgegnung auf den von einer Frau verfassten Leserbrief zum Thema «Leinenzwang für Hunde». Es gäbe noch weitere Beispiele – und alle ähneln sie sich in der Tonalität: unterste aggressive Schublade.

Was aber treibt Menschen an, solche Schlachtrufe zu verfassen? Sind das alles Psychopathen? Profilierungsneurotiker? Frustrierte Verlierer? Oder einfach Zeitgenossen, die sich nie auf eine normale Art Gehör verschaffen können? Dr.med. Gregor Hasler (43) ist Professor für Psychiatrie an der Universität Bern. Für ihn steht ausser Frage: «Frustration und geringes Selbstwertgefühl spielen bei solch aggressivem Verhalten eine wichtige Rolle.» Und wohl auch Geltungssucht. Hasler: «Gerade bei aggressiven Reaktionen auf Zeitungsartikel dürfte dies zum Zug kommen, da es um die öffentliche Wahrnehmung geht.» Seine Begründung: «Wer darunter leidet, dass seine Eigenart oder seine Leistungen nicht genügend wahrgenommen werden, kann auf das öffentliche Interesse, das anderen zuteil wird, übermässig reagieren.» Gregor Hasler ortet dieses Verhalten übrigens nicht bloss in einer bestimmten Gesellschaftsschicht. «Personen, die sich so aufführen, stammen aus allen Schichten. Auch intelligente und gebildete Menschen können sich auf primitive Weise aggressiv verhalten», erklärt er.

Wie auch immer: Menschenverachtende Hassschriften landen in der Regel direkt im Papierkorb. Den Verfassern wird in der Zeitung niemals Platz für ihre Tiraden eingeräumt. Für alle anderen gilt: Das «Forum» bleibt für die Leserinnen und Leser auch in Zukunft eine Plattform, in der alle Meinungen einen Platz finden sollen. Und die Themen dürfen durchaus angriffig angegangen werden. Aber eben: Unterste Schublade geht nicht! christian.werder@ bernerzeitung.ch

Erstellt: 16.01.2012, 09:09 Uhr

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