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In aller Offenheit

Aktualisiert am 22.12.2011

Die Bundesratssitzung neigt sich ihrem Ende zu, als Ueli Maurer eine Zeitung aus seiner Mappe zieht und sagt: «Wir kommen nicht darum herum, liebe Kolleginnen und Kollegen. Wir müssen noch über den offenen Brief von diesem Fritz Meier reden.»

Seufzend kramen die Rätinnen und Räte in ihren Unterlagen. Über ihre Kopie der Zeitungsseite gebeugt, murmelt Eveline Widmer-Schlumpf schliesslich: «Der Mann hat recht. So ein Kampfjet ist wirklich sauteuer.» Zehn Minuten später beschliesst die Landesregierung, doch keine Militärflieger zu kaufen.

Natürlich hat diese Sitzung nie stattgefunden. «Offene Briefe» werden dem Bundesrat jedoch Tag für Tag in zig Zeitungen und Magazinen geschrieben. Weitere Adressaten sind, um nur ein paar Beispiele zu nennen, Gemeindebehörden, Bankchefs, das Schweizer Fernsehen, der Papst und Beizer, die das Hahnenwasser nicht gratis abgeben.

Die Themenpalette erstreckt sich von A wie Abwassergebühren bis Z wie Zvieriangebot in der Kita. So unterschiedlich die Anliegen auch sind – in einem Punkt herrscht Einigkeit: Die Schreiberinnen und Schreiber sind fest überzeugt davon, dass ihr «offener Brief» den Empfänger dermassen beeindruckt, dass der angebliche oder tatsächliche Missstand umgehend behoben wird.

Auffällig ist: «Offene Briefe» werden selten zum Loben benutzt, sondern meist zum Dampfablassen. «Lieber Gemeinderat. Wir finden es toll, dass den Jungen jetzt ein Fussballplatz zur Verfügung steht»: Das schreibt kein Mensch. «Wieso muss ich die Hundesteuer doppelt bezahlen und mein Nachbar nicht? Weil er im selben Kegelverein ist wie der Gemeindeschreiber. Diese Vetterliwirtschaft muss ein Ende haben. Hochachtungsvoll, XY»: Das schreiben viele.

Diese Zeitung verzichtet auf die Publikation von «offenen Briefen». Erstens glauben wir, dass ein «normaler» Leserbrief mehr Menschen anspricht als ein Schreiben, in dem es oft um einen Konflikt geht, dessen Hintergründe niemand kennt. Zweitens gehen wir davon aus, dass sich Ärger am besten aus der Welt schaffen lässt, wenn die Beteiligten miteinander reden. Jemanden aus heiterem Himmel an den Pranger zu stellen: Das mag in diesen internetten Zeiten gang und gäbe geworden sein. Die feine Art ist es trotzdem nicht. Und wird es hoffentlich auch nie werden. johannes.hofstetter@ bernerzeitung.ch

Erstellt: 22.12.2011, 08:07 Uhr

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