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Hahnenkämme und Zwänzgerstückli

Aktualisiert am 01.12.2011

Das Berner Inselspital kauft das Brot bald im Kanton Zürich ein. Lokale Lieferanten werden nicht mehr berücksichtigt. Fred Voegeli erzählt, wie das war, als seine Eltern und deren Nachfolger für die Insel buken.

Meine Eltern betrieben von 1931 bis 1965 eine Bäckerei an der Bühlstrasse im Berner Länggassquartier. Unsere Bäckerei hatte einen Ruf, der sogar etwas über das Quartier hinausging. Mein Vater – er hatte seine Bäckerlehre in Langnau absolviert – übernahm die Bäckerei vom früh verstorbenen Bäckermeister Friedli. Damit mein Vater die Liegenschaft kaufen konnte, in der die Bäckerei untergebracht war, gewährte ihm Müllermeister Vögeli aus Biglen ein Darlehen von 50000 Franken, verbunden mit der Verpflichtung, bei ihm das Mehl zu beziehen. Mein Vater hatte das Glück, von Bäckermeister Friedli die tägliche Lieferung von tausend Berner Weggli (die mit dem Hahnenkamm) an das Inselspital übernehmen zu können. Morgens um 6 Uhr fuhr der Ausläufer – um 1950 ein junger Bursche aus dem Welschland, der die deutsche Sprache erlernen wollte – mit einer ersten Hutte voller Weggli los. Da in der Hutte nur fünfhundert Weggli Platz fanden, musste der Ausläufer den Weg ins Inselspital zweimal unter die Veloräder nehmen, am Samstag, weil unser Geschäft am Sonntag geschlossen war, sogar viermal. Neben den Weggli konnten meine Eltern noch andere Backwaren liefern, zum Beispiel Zwänzgerstückli. Geht man davon aus, dass die Weggli für das Inselspital zu dieser Zeit 10 Rappen kosteten, ergab das einen monatlichen Umsatz von 3000 Franken, was recht beachtlich war. Dafür hatten wir an heissen Sommertagen am Abend manchmal nur gegen 200 Franken in der Ladenkasse. Da wir um 1950 herum noch über kein Postcheckkonto verfügten, erfolgte die monatliche Bezahlung der Waren in bar, und zwar in einem Vorraum zur Küche des Inselspitals. Überreicht wurde uns das Geld jeweils durch eine als Hausbeamtin amtierende uniformierte Diakonisse, die den stolzen Titel «Oberschwester» trug. 1965 übernahm Bäckermeister Staub die Bäckerei meiner Eltern und damit auch die Inselspital-Lieferung. Leider hat sein Sohn, Georges Staub, diese Lieferung nun an die Grossbäckereien Hiestand und Glatz verloren. Er war nicht in der Lage, die vom Inselspital gestellten Bedingungen zu erfüllen. Offenbar konnte Georges Staub dem Spital deutlich mehr Backwaren liefern als mein Vater; gegenüber TeleBärn sprach er jedenfalls davon, am Jahresende zwei Bäcker entlassen zu müssen, weil er den Insel-Auftrag verliert. Übrigens: Um 1950 herum war Bäckermeister Fritz Glatz noch ein Quartierbäcker wie alle andern in der Länggasse auch. Erst Thomas Glatz hat das elterliche Geschäft zum Grossbäcker mit eigenem Fabrikationsgebäude gemacht. Das Gebäude, in dem die Bäckerei damals untergebracht war, ragte als einziges in die Mittelstrasse hinein, sodass sich die Strasse vor der Bäckerei Glatz auf eine Spur verengte – ein Unikum! Manchmal ging meiner Mutter kurz vor Ladenschluss um 19 Uhr das Brot aus. Einen Kühlschrank, um die noch nicht gebackenen Teiglaibe aufzubewahren, hatten wir noch nicht. Deshalb schickte mich meine Mutter jeweils zu Beck Glatz. Etwas verschämt fragte ich dann im Laden, ob er uns fünf oder zehn Kilogramm Brot ausleihen könne. . .

Erstellt: 01.12.2011, 10:33 Uhr

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