Er hebt oft ab – im Keller
Mit voller Konzentration hält Alfred von Niederhäusern das Steuerungsgerät in der Hand, schaut gebannt auf die Leinwand vor ihm und gibt Vollgas. Bald liegen die Startpiste des Flughafens Bern-Belp hinter und die Freiburger Alpen vor ihm. In vermeintlich luftiger Höhe überfliegt er die Berge, hält Richtung Genf und peilt dann den Jura an. Die Landschaft ist ihm vertraut, er kann beinahe jeden Ort benennen, den er auf der Leinwand überfliegt.
Den Pilotentraum begraben
Dass er bei seinen Touren fest auf dem Kellerboden seines Hauses bleibt, stört ihn nicht. Obwohl: Als Kind hielt von Niederhäusern nach dem Einnachten Ausschau nach den Blinklichtern am Himmel und träumte davon, einmal fliegen zu dürfen. Es war das Fernweh, die Sehnsucht, einmal «weiter weg als nach Guggisberg» zu gehen, wie er sagt. Später ist sein Traum Wirklichkeit geworden. Der Mann aus Schwarzenburg nahm Flugstunden, pilotierte Helikopter und Schulungsflugzeuge. Doch die Flugstunden belasteten das Portemonnaie, und von Niederhäusern beschloss, dass seine Familie in Sachen Geld und Zeit den Vorrang hatte. Er begrub seinen Pilotentraum.
Dass im Leben nicht alles nach Plan läuft, hat der 59-Jährige auch sonst erfahren. Der gelernte Landwirt verliess den Bauernhof und liess sich zum Fachmann für medizinische Radiologie ausbilden. Später leitete er eine entsprechende Schule am Inselspital. Eine schwere Krankheit zwang ihn jedoch dazu, diese Stelle aufzugeben. «Es war die Chance für einen Neuanfang», sagt von Niederhäusern. Er besuchte die Schweizerische Schule für Touristik in Zürich und wurde Mitarbeiter im Reisebüro seiner Frau. «Eigentlich ging mit dem erneuten Berufswechsel ein Traum in Erfüllung», erklärt der Familienvater. Und die unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen, die er gemacht habe, hätten sein Leben bereichert. Heute verkaufe er Sehnsüchte, Träume und Geheimnisse. Denn jeder, der auf Reisen gehe, wolle etwas entdecken, seine Sehnsucht nach der Ferne stillen.
Die Zeit, selber auf Reisen zu gehen, hat von Niederhäusern aber nur selten. Sie könnten das Reisebüro in Schwarzenburg nicht einfach schliessen, erklärt er. So bleibt ihm der Gang in den Keller. Hier hat er sich sein Reisereich aufgebaut. Ein Flugsimulator ermöglicht es ihm, virtuell die Welt zu erkunden, abzuheben und dem Motorengeräusch zu lauschen. Gebaut hat er «sein Flugzeug» selber. «Für eine Anlage in dieser Währung hätte ich gegen 100000 Franken bezahlen müssen, und die hatte ich nicht», sagt von Niederhäusern.
Ein Unikat
So habe er sich mit seinen Kollegen beraten, Sachen ausprobiert und sich im Internet kundig gemacht. «Ich realisierte schnell, dass es im Internet eine recht grosse Flugsimulatorgemeinde gibt», sagt der Kellerpilot. Ein befreundeter Elektroingenieur hat von Niederhäusern das Schaltschema erstellt, andere Kollegen halfen ihm bei der Abstimmung der Software. Den «Pilotensitz» hat der Reisefachmann einem Schrotthändler abgekauft. «Eine solche Anlage, wie sie hier steht, gibt es kein zweites Mal», sagt er nicht ohne Stolz. Hier, im Untergeschoss seines Hauses, fliegt er über den Atlantik, erforscht die Südsee und kehrt dann zum Nachtessen in die Wohnung zurück. (Berner Zeitung)
Erstellt: 11.03.2011, 17:29 Uhr
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