Ein Tiernarr und Zeitungsverträger
Serie
Die guten Zeitungsgeister.
Jeden Tag sind sie in den frühen Morgenstunden unterwegs und sorgen dafür, dass die BZ-Leserinnen und -Leser mit Lektüre eingedeckt werden: die Zeitungsverträgerinnen und Zeitungsverträger. 2000 dieser guten Geister drehen im Kanton Bern ihre Touren – bei Wind und Wetter, Sonne und Regen, Eis und Schnee. Unermüdlich sorgen sie dafür, dass die Lieblingslektüre der Abonnentinnen und Abonnenten bis um halb sieben im Briefkasten steckt. Und wird es ausnahmsweise mal später, ist dies sicher auf unvorhersehbare Umstände zurückzuführen. Das BZ-Forum möchte Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, die Menschen, die hinter dieser Arbeit stehen, näherbringen. In loser Folge stellen wir Ihnen deshalb verschiedene Zeitungsverträgerinnen und -verträger vor.cw
Peter Ruch schätzt es, «dass er im Alter noch gebraucht wird.» Darum verträgt der 74-Jährige sieben Tage die Woche Zeitungen in Wangen an der Aare. «Einfach noch so lange, wie es gesundheitlich geht», sagt er. Frühmorgens aufstehen, wenn es auch im Sommer noch stockdunkel ist, macht dem pensionierten Landwirt nichts aus. Als er den Hof auf dem Balmberg bewirtschaftete, arbeitete er nachts zusätzlich als Securitaswächter. Nur manchmal, wenn ihn der Wecker aus dem Schlaf klingelt, denkt er: «Wie schön wäre es, im Bett liegen bleiben zu können.» Doch das Geld braucht er für den Kauf von Tierfutter. Peter Ruch ist ein Tiernarr. Er hat Ziegen und züchtet Holländerkaninchen (Japanfarben) und Deutsche Zwerglachshühner. Kommen ihm seine Tiere in den Sinn, dann ist er schnell aufgestanden und macht sich auf seine Verträger-Tour im Gebiet Stöckenstrasse und Stedtli.
Peter Ruch, wie sieht Ihr Tag als Zeitungsverträger aus? Peter Ruch: Meine Arbeit beginnt um fünf Uhr. Wenn ich aushelfe und zwei Touren mache, dann bin ich ab drei Uhr unterwegs. Nach Hause komme ich dann um sieben Uhr.
Danach geniessen Sie Ihre freie Zeit? Ja und Nein. Erst lege ich mich wieder ins Bett und schlafe ein bis zwei Stunden. Danach füttere ich meine Tiere. Da ich noch als Zeitungs-Nachlieferer angestellt bin, komme ich zum Einsatz, wenn in einem anderen Gebiet eine Zustellung nicht erfolgt ist. Ist dies der Fall, erhalte ich im Verlaufe des Tages einen Anruf und muss los. Mich freut es, dass ich gefragt wurde, ob ich diese Arbeit auch noch erledigen möchte.
Wie sind Sie unterwegs? Mit dem Auto, damit ich den Zeitplan einhalten kann.
Ist Zeitungsvertragen stressig? Man muss zügig arbeiten. Wenn jemand reklamiert, versuche ich freundlich zu sein. Ich bin der Meinung, dass man einfach mit den Leuten reden muss. Auch wenn mich etwas stört, teile ich das mit. Da wurde beispielsweise bei einem Haus nie Schnee geräumt. Da habe ich einen Zettel hingelegt, darauf stand: «Bitte Schnee räumen, wegen Unfallgefahr».
Wie war die Reaktion? Seither ist im Winter der Schnee geräumt. Gerade in dieser Jahreszeit muss man vorsichtig sein. Das sage ich aus Erfahrung, denn ich rutschte einmal beim Zeitungsvertragen auf einer eisigen Treppe aus und stürzte. Dabei zertrümmerte ich mir die Schulter, so dass ich ein halbes Jahr lang nicht arbeiten konnte.
Welche Reklamationen haben Sie schon erhalten? Die Tour führt auch entlang einer Sackgasse. Anfangs habe ich jeweils am Ende der Strasse das Auto gewendet. Ein Rentner beschwerte sich darüber: Er hat mir verboten, auf seinem Platz zu wenden, da er dadurch aufgeweckt werde. Nun fahre ich rückwärts die Strasse wieder zurück. Das ist zwar etwas kompliziert.
Warum vertragen Sie Zeitungen? Seit 2007 verdiene ich mir so einen Zustupf für mein Hobby, die Tiere. Ich mache die Arbeit auch nicht ungerne, schliesslich habe ich ursprünglich Pöstler gelernt.
Was lesen Sie am liebsten in der Zeitung? Meist lese ich die Schlagzeilen im Sportteil. Gerne löse ich auch Kreuzworträtsel. Ich beginne – und meine Frau benatwortet jene Fragen, welche ich nicht weiss.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.05.2011, 17:57 Uhr
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