«Nicht alle Kunden sind willkommen»
Von Andreas Seiler. Aktualisiert am 04.07.2011
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In der Ecke ein Paravent mit Fotos von Showgrössen wie Marilyn Monroe oder Elvis Presley. In der Luft der Duft von frischem Kaffee. In der Mitte ein raumfüllender Schreibtisch, besetzt mit einer Telefonanlage und einem Computer. Von einem schwarzweissen Poster grüsst durch die offene Tür übergross Martin Luther King. «Das ist ein weiser Mensch», lobt Milena Zala den schwarzen amerikanischen Bürgerrechtler. «Eigentlich ist er mein geistiges Oberhaupt.» Sagts und hat flugs einen Espresso hingezaubert. «Wenn ich von meinem Job erzähle, meinen viele Leute, wir seien so Weiber, die einfach nur telefonieren», sagt die 49-Jährige verschmitzt. «Aber wir müssen mit dem Kunden denken, wissen, was seine Aufgaben sind, und entsprechend Überschneidungen vermeiden.»
«Lügen ist mein Beruf»
Die Frau mit dem frechen Kurzhaarschnitt bezeichnet sich als «lebendiger Beantworter». Sie und ihre Büropartnerin Susanna Kohler bieten im Büro Brennpunkt in Ostermundigen seit vier Jahren einen Telefonservice an.
Für zahlreiche Kundinnen und Kunden verschiedenster Genres und Couleurs aus der Deutschschweiz nehmen die beiden von Montag bis Freitag das Telefon ab, als ob sie in deren Vorzimmer sitzen würden.
«Das Display auf dem Telefonapparat verrät jeweils die Zielnummer.» Die beiden Frauen können sich somit auf einen Anruf für Kunde X auch entsprechend melden – und X spart sich so ein Sekretariat im eigenen Hause. «Man zieht sich für die Berufszweige der Kunden jeweils einen anderen Hut an. Einer für den Therapeuten, einer für den Juristen oder wieder einer für den Gärtner.» Eigentlich sitzt sie virtuell je nach Telefon und Berufsgattung in einem anderen Büro als im Büro Brennpunkt. Deshalb meint sie schalkhaft: «Lügen ist unser Beruf. Und wir werden nicht einmal rot dabei.» Das Wichtigste sei Zuverlässigkeit und Diskretion. Mit viel Herzblut
Die Einsatzzeiten müssen jeweils mit dem Auftraggeber abgesprochen und An- und Abwesenheiten bis ins Detail aufgeschrieben werden. Diese Notizen werden meist per Mail oder SMS übermittelt. Milena Zala: «Das ist ein bisschen schade, denn ich kenne zum Teil die Stimmen meiner Kunden gar nicht mehr. Das war früher, ohne die neuen Medien, weniger drastisch.» Sie ist jedoch überzeugt: «Unsere Kunden sind keine Nummern.» Die Telefonistinnen übrigens auch nicht: «Als meine Kollegin Susanna kürzlich krank war, hat sie viele Blumen von Klienten erhalten.»
Lehr- und Wanderjahre
Milena Zala ist im Berner Breitenrain aufgewachsen. Nach der Schulzeit hat sie eine Kosmetiklehre angefangen, aber bald gemerkt, dass ihr dies nicht entspricht. Der anschliessende Servicejob im Fischerstübli bei Alice Bützer sowie ihr Engagement als Vorstandsmitglied und DJane im ISC (Studentenclub) prägten sie weit über die 80er-Jahre hinaus. Mit dem Wirtepatent – in der Alten Post und im Büner «abverdient» – investierte sie später viel Herzblut in die Organisation von Konzerten. Privat steht bei ihr heute, neben ihrer Tochter (21) und ihrem Freund, nach wie vor die Musik im Zentrum. Ihr bevorzugter Stil: «von Johnny Cash bis Tom Waits».
Ein zweites Standbein
Milena Zala untermalt diese Erklärung mit einer Geste, zeigt auf ihre grosse Musiksammlung, bestehend aus legendären Aufnahmen, LP-Versionen und sonstigen Raritäten von ihren Favoriten.
Mit dieser grossen Affinität zur Musik erklärt sich wohl auch ihre Vertrautheit mit Endo Anaconda. Milena Zala erledigt seit achtzehn Jahren alle Schreibarbeiten für den Lauteren von Stiller Has. «Ich staune immer wieder, wo der Endo seinen Fundus und seine Wortgewandtheit herhat.» Er habe ihr übrigens zugeflüstert, sie dürfe ihn an dieser Stelle gern erwähnen, wenn sie nicht das Gefühl habe, dies würde ihr schaden Lebendiger Telefonbeantworter, selbstständige Sekretärin, verständige Mutter, fundierte Musikexpertin, Wirtin a.D., langjährige Ostermundigerin – und was noch? «Ich bin sehr umweltbewusst eingestellt. Aus dieser Überzeugung heraus habe ich bereits Kunden aus ökologisch bedenklichen Tätigkeitsfeldern abgelehnt.»
Büro Brennpunkt (Telefon- und Schreibsekretariat, Massenversände): Kontakt: 031 938 18 88. Infos: www.buerobrennpunkt.ch. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.07.2011, 15:55 Uhr



