Die Frau mit der verrückten Zunge
Von Franziska Zaugg. Aktualisiert am 03.06.2010
Alexandra El Khoury vertont bekannte Filme und TV-Beiträge. Sie macht das aus Spass, spontan und zur Unterhaltung ihrer Freunde. Das geht so: Die gross gewachsene Frau mit kurzem grau-schwarzem Haar macht es sich auf einem Stuhl vor einem möglichst grossen Bildschirm bequem. Ab DVD läuft bekanntes wie Baywatch, Rosamunde Pilcher, Dallas, oder die Nachrichtensendung 10vor10. Der Ton ist aus. Alexandra El Khoury, die nebst Deutsch fliessend Französisch und Englisch sowie gut Arabisch spricht, beobachtet genau, was abgeht, gibt den Schauspielern eine Stimme und erfindet die Handlung neu. Sie verarbeitet tagesaktuelles und Klischees. So dreht sich in einem romantischen Klassiker von Rosamunde Pilcher plötzlich alles um das Enthaaren von Frauenbeinen, englische Gärten werden zu Hanfplantagen und Nebel zu Vulkanasche. Die Akteure sprechen Hochdeutsch mit französischem Akzent, Arabisch oder improvisiertes Indisch – und das alles in unterschiedlichen Stimmlagen. Die Dialoge sind mal witzig, mal absurd. Die Sprachakrobatin springt von einer Rolle zur anderen, lässt Mimik und Gestik einfliessen. Keinen der Beiträge hat die 40-Jährige vorher gesehen, so entstehen aus dem Moment heraus skurrile Geschichten. «Zum Teil sind sie total abgefahren», sagt Alexandra El Khoury und schmunzelt.
Verhinderte Rückkehr
Mit 11 Jahren kam Alexandra El Khoury aus dem Libanon in die Schweiz. Eigentlich nur, um die Verwandten in der Heimat ihrer Mutter zu besuchen. Die politische Lage im Libanon verschlechterte sich zunehmend, und die Rückreise musste immer wieder verschoben werden. Schliesslich wurden Alexandra und ihr älterer Bruder in Bern eingeschult. Von diesem Tag an wurde im Hause El Khoury nur noch Schweizerdeutsch gesprochen – eine Sprache, die den Kindern bisher praktisch fremd war.
Der Vater kehrte nach rund zwei Monaten aus beruflichen Gründen nach Beirut zurück. Die Familie sollte folgen, blieb aber wegen der Kinder, die mitten in der Ausbildung steckten, in der Schweiz. Die ungewollte Trennung vom Vater und der geliebten Heimat war sehr belastend. Alexandra El Khoury: «Wir wussten nie genau, wie es dem Vater geht. Manchmal konnten wir ihn tagelang wegen der zerstörten Infrastruktur nicht erreichen, da die Telefonlinie unterbrochen waren.»
Diese Zeit habe ihr die Angst vor Unvorhergesehenem genommen und sie gelehrt auf total unterschiedliche Situationen sofort zu reagieren. Damit spielt sie nun in ihrer Sprachshow. «Ich bin aber trotzdem vor den Auftritten sehr nervös», sagt sie. Aus Angst, sprachlos vor dem Publikum zu stehen, beginnt sie die Show, wenn möglich, mit einer Art Ritual, einer kleinen einstudierten Ansprache, als einzige Fixpunkt in der Improvisation. Dabei sprudelt es nur so aus ihr heraus, wenn sie erzählt, egal von was. Ihre Sprache ist lebendig und fantasievoll.
Fangemeinde wächst
Meist tritt Alexandra El Khoury mit ihrer Kollegin Claudia Lozano auf, zusammen sind sie Sister’s Funky Tongue – Schwestern mit verrückten Zungen. Die Einsätze werden per Handzeichen oder Blickkontakt vereinbart. Was vor vier Jahren an einem Fernsehabend unter Freunden begann, entwickelt sich nach und nach zu einer Unterhaltungsshow. Das Stammpublikum vergrössert sich, Freunde von Freunden kommen dazu.
Sister’s Funky Tongue hatte bereits sieben Auftritte im Frauenraum der Berner Reitschule und zwei während der Veranstaltung PixMix in der Dampfzentrale Bern. Alexandra El Khoury winkt ab: «Ich bin keine Künstlerin und mache das einfach zum Plausch.» Es sei für Freunde der Nonsensunterhaltung, auf politische Korrektheit bei der Sprache und der Geschichte werde bewusst verzichtet.
Freiheit und Zwänge
Alexandra El Khoury lebt gerne im Moment, schätzt die Freiheit und Möglichkeiten in der Schweiz. Im Libanon müsse man sich gesellschaftlichen Zwängen unterordnen. Sie könnte nicht wie hier, mit einer Lebenspartnerin zusammen sein. Auf Wunsch der Familie hat sie Rechtswissenschaften studiert und ihr Staatsexamen als Fürsprecherin abgelegt. Sich aber dann, nach fast zehn Jahren Berufsarbeit, gegen eine Karriere als Juristin entschieden. Heute arbeitet sie bei der Invalidenversicherung. Besucht Menschen zu Hause und klärt deren Anträge für Rentengesuche ab.
Die Vertonung von Filmen lässt Alexandra El Khoury in andere Rollen schlüpfen, alles mit anderen Augen sehen. Teile davon nimmt sie mit in den Alltag. So hat sie ihrer Hündin Emma eine Stimme gegeben. Beim Spazieren an der Aare kann es vorkommen, dass man den beiden begegnet und dabei Hündin Emmas Gedanken hört.
Mehr Infos auf: www.facebook.com/Alexandra.elKhoury (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.06.2010, 17:19 Uhr



