Zwischen Traumtanz und Tagwerk
Von Ruth Rusterholz. Aktualisiert am 14.06.2010
«Ich male, weil ich male, so einfach ist das: Farben, Formen, Zeichen, Buchstaben, Schrift, Wörter, Sätze . . . Ich pinsle, schreibe, schneide, klebe, schabe, wasche sie ab», so beschreibt Elsbeth Boss selbst, was sie seit ihrer Pensionierung 2007 intensiv, jeden Tag,macht.Malen ist Handwerk und Kreativität, Planung und Intuition. Sie geht mit Absicht ans Werk und ist doch dankbar, dass ihr so vieles zufällt «einfach so». Früher, als Lehrerin, Journalistin, Ehefrau, Mutter hatte die Malerei keinen Platz – obwohl: Gezeichnet habe sie immer, Fragmente, nur schwarz-weiss undmanchmal nur imKopf. Erst jetzt, befreit aus diesem engen Zeitkorsett, kommt die Malerei zum Zug. «Und seit ich male, träume ich auch farbig; manchmal träume ich ganze Bilder.» Wie Elsbeth Boss heute malt, hat sicher mit ihren beiden früheren Berufen zu tun: Primarlehrerin und Journalistin. So mag sie, «natürlich» Sprache: Wörter, Sätze, Ausdrücke, die doppelbödig sind, doppeldeutig: «Frau ist imBild ist Frau» heisst es auf einem ihrer Bilder. Scheinbar Harmloses entpuppt sich bei genauerem Hinhören und -schauen als bedeutungsvoll: «Das Leichte ist das Schwerste»; «Nichts ist so, wie es scheint; nichts scheint so,wie es ist»; «Nichts & alles hat einen Sinn».
Wort undMalerei
In der Kultur-Mühle in Lyss hat Elsbeth Boss nun ihre erste Einzelausstellung. Es ist der Tag vor der Vernissage. «Ein bisschen aufgeregt bin ich schon», meint die Malerin, «ich weiss ja nicht, wie die Leute auf meine Bilder reagieren werden.» Sie gebe ja schliesslich auch etwas von sich preis, mit diesen Botschaften rund ums Leben, welche die Künstlerin selbst schreibt oder sammelt, von denen sie sich inspirieren lässt und die sie in ihre Bilder integriert. Wort und Malerei imWechselspiel. Ihre Bilder sind vielschichtig – so, wie das Leben selbst. Die Bilder entstehen auf quadratischen MDF-Tafeln. Oft besteht die erste Schicht aus Zeitungspapier – ganzen Seiten, Schnipseln. Wenn sich die Betrachterin auf die Bilder einlässt, entdeckt sie vielleicht plötzlich in er Tiefe, unter Farben und Buchstaben «versteckt», ein Gesicht. Oder sie entziffert Botschaften, die in ihr eine Resonanz auslösen oder auch nicht: «Was zu Ende geht, ist zeitlos begrenzt»; «Immer ist jetzt»; «Töne und Zwischentöne»; «Je mehr der Mensch plant, umso härter trifft ihn der Zufall (F.Dürrenmatt); «Denken verändert die Welt».
Vorhöfe zumParadies
«Musizieren ist Lustwandeln in den Vorhöfen zum Paradies» – ein Sinnspruch, der eine andere Seite von Elsbeth Boss zum Vorschein bringt: Sie singt leidenschaftlich gern. ZumBeispiel im Konzertchor von Rapperswil. «Singen ist wie Malen etwas Wunderbares, etwas, das den ganzen Menschen erfasst, das Leben reichmacht.» BeimMalen sei sie stets allein. So sei es schön, imChor gemeinsam mit andern etwas zu schaffen. Elisabeth Boss malt auch «Musik-Bilder» – mit Noten und Notenlinien.Doch dieNoten lassen sich nicht spielen, ergeben keine Melodie, wirken eher wie grafische Elemente. Doch nicht nur Töne klingen, auch Schriften: Schriftklang. Sie hat von ihrem Vater viele alte Schreibfedern geerbt. Über zehn Jahre lagen sie unbenutzt in einer Schachtel. Heute verwendet sie Elsbeth Boss, um Noten oder kalligrafische Zeichen auf ihre Bilder zu zaubern. Gibt es Vor-Bilder? «Schauen Sie meine Bilder an, Sie werden fündig. Alles, was im Bereich Malerei ‹geschieht›, beeinflusst », meint die Malerin. «Trotzdem suche und gehe ich eigenständigeWege.»
Lebensplätze
Elsbeth Boss ist nicht nur «abgehoben », sie liebt das Bodenständige und das Greifbare: Traumtanz und Tagwerk. So näht sie viele ihrer Kleider selbst, zeigt einen selbst gemachten Ledergurt, eine selbst gemachte Handtasche – Unikate wie ihre Bilder. «Und so,wie beimNähen aus alten Hemden meines Mannes neue Blusen für mich entstehen, sind meine Bilder: zusammengesetzte ‹Plätze›. Auch das Leben ist ‹zusammengeplätzt›, nicht wahr?» Seit 1992 arbeitet sie als Redaktorin der «Landfrau», der Verbandszeitschrift der Berner Landfrauen. Sie gestaltet mit – etwa das Titelblatt – schreibt auch selbst: Porträts von Frauen, «weilMenschen und ihre Geschichten mich interessieren». Frauen sollen sich gegenseitig ermutigen, sich den Rücken stärken.Wichtig sei, dass Frauen sichwertschätzen, auch die eigene Arbeit, sei es als Bäuerin, Korbflechterin, Schuhmacherin, Geigenbauerin.
Stein-reich
An das Gute glauben und imandern das Gute vermuten sowie das Positive wollen, das sei ihre Lebenshaltung. Und das Älterwerden? «Was an Äusserlichem wegfällt, gewinnt man an innerem Reichtum» – davon ist Elsbeth Boss überzeugt. «Ich bin «Nichts ist so, wie es scheint; nichts scheint so, wie es ist.» «Was zu Ende geht, ist zeitlos begrenzt.» Stein-reich», meint sie mit einem Schmunzeln. «Ich liebe Steine, Steine, die Gesichter haben, lächelnde, grimmige, spöttische.» So sammelt die Malerin auch Steine, zu Hause, auf Reisen. Ein besonderes Exemplar hat sie auf einer China-Reise entdeckt: klein, zweifarbig, oval, wie poliert. «Vielleicht ein Talisman, den jemand verloren hat?» Als Malerin, Gestalterin schaut Elsbeth Boss immer genau hin. «Sehen Sie diese Figur? Sieht sie nicht aus wie ein Ritter, ein Samurai? Zwei kleine Schneckenhäuser liegen auf dem Tisch – ebenfalls aufgesammelt.Wie sie eben auch Wörter und Sätze aufhebt. So vieles sei ihr im Leben zugefallen und falle ihr immer noch zu. Dafür sei sie dankbar, das gebe ihr Vertrauen in die Zukunft. «Mit ‹Zufall› hat das aber nichts zu tun! Man muss auch sehen wollen. Im Augenblick leben und die Augen offen halten. » Und: «Das, was man nicht kaufen kann, ist das Wertvollste.» Zum Schluss meint Elsbeth Boss: «Wenn ich ein Tier wählen müsste, dann wäre es eine Schnecke, die fliegt, samt Häuschen. Erdverbunden schweben, dasmuss wunderbar sein. . . »
Infos: Die Ausstellung in der Kultur-Mühle Lyss ist gestern zu Ende gegangen. Nächste Ausstellungen: Okt./Nov. 2010: Galerie Südhang, Kirchlindach; Dez. 2010–Febr. 2011: Kultur-Mühle Kallnach. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.06.2010, 09:11 Uhr



