«Wir wollen gehört werden»
Von Ruth Rusterholz. Aktualisiert am 05.05.2010
Wir treffen uns vor dem Bundeshaus. Es ist ein schöner, warmer Frühlingstag, das Wasserspiel auf dem Bundesplatz lockt bereits Kinder und Jugendliche an. Die Atmosphäre ist entspannt, Marigona Isufi, seit der Wintersession 2009 als Kinderlobbyistin tätig, hat noch Ferien und daher etwas mehr Zeit als üblich.
Die 17-Jährige findet es toll, dass ein so wichtiges Haus wie das Bundeshaus nicht abgeriegelt wird, sondern sich Parlament und Regierung fast auf Tuchfühlung mit der Bevölkerung befinden, sich Kinder vor dem Gebäude lautstark vergnügen können. Das sei in andern Ländern völlig anders. Sie selbst mag den Ort und verbringt manchmal im Sommer ihre Mittagspause auf dem Bundesplatz.
Die Wurzeln
Ja, und wo wollen wir beginnen? «Am Anfang», meint sie lachend. Am Anfang? Bei den Wurzeln. Die liegen in Kosovo. Die Eltern sind Albaner. Der Vater ist vor 25 Jahren, die Mutter vor 19 Jahren in die Schweiz gekommen. Marigona Isufi ist also in der Schweiz geboren. Als sie einjährig war, sind die Eltern aus Freiburg nach Bern gezogen. Sie sprächen zwar zu Hause Albanisch, doch noch besser könne sie Deutsch. Sie sei, wie viele in der Schweiz, zweisprachig aufgewachsen. Sie habe allerdings in Gesprächen mit Albanisch sprechenden Verwandten feststellen müssen, dass ihr viele Wörter und Begriffe fehlten. Dann würden sie sich eben mit deutschen Ausdrücken behelfen. Wenn sie manchmal Briefe an ihre Cousins schreibe, mache sie dies ohnehin am liebsten auf Englisch. Marigona Isufi liebt Sprachen. Zwar besucht sie die Wirtschaftsmittelschule in Bern, da stehen die Fremdsprachen nicht unbedingt im Vordergrund. Aber das Angebot ist trotzdem gross. Nächstes Jahr werde sie (als Freifach) noch Spanisch belegen, Italienisch steht bereits auf dem Stundenplan
Sie sei mit 8 Jahren zum ersten Mal in Kosovo gewesen. Für ihre Eltern sei Zurückgehen kein Thema. Sie hätten sich an den andern Lebensstil hier in der Schweiz gewöhnt, und Marigona Isufi kennt nichts anderes, oder nur aus den Ferien.
Mitreden, mitgestalten
Wie ist Marigona Isufi Kinderlobbyistin geworden? Angefangen habe es mit dem Kinderparlament (Kipa) der Stadt Bern. In der Schule sei sie darauf aufmerksam gemacht worden. Kinder zwischen 8 und 13 Jahren, die in der Stadt Bern leben, können in einer (von vier) Arbeitsgruppen mitmachen.
«Es hat einfach Spass gemacht», meint Marigona Isufi. Sie liebt es zu diskutieren. 2004 ist sie in die Arbeitsgruppe «Ratsbüro» gewählt worden; später wurde sie dessen Präsidentin. Für die Sitzungen habe sie jeweils einen halben Tag schulfrei bekommen. Das Ratsbüro organisiert zusammen mit dem Kinderbüro Bern drei Kipa-Sessionen pro Jahr. Als Präsidentin habe sie das Kipa nach aussen vertreten. Dieses habe aber nur Postulatsrecht an den Berner Gemeinderat.
Trotzdem: Es sei eine tolle Zeit gewesen. Mit 14 sei dann aber Schluss. Danach folge (bis zur Volljährigkeit) die grosse politische Leere; die Jugendmotion sei der einzige Lichtblick. Die städtische «part-Stelle für Jugendmitwirkung» hat daher mit Jugendlichen nach einer Anschlusslösung gesucht und den Jugendrat aufgebaut. Mit dabei ist – «selbstverständlich», ist man versucht zu sagen – die strebsame, ernsthafte Marigona Isufi. ImOktober 2009 wurde sie in dieses Gremium gewählt. Jugendrat und Kinderlobby sind aber zwei Paar Schuhe. Als Fürsprecherin der Kinderlobby Schweiz setzt sie sich vorab für die Anliegen von Kindern ein.
Nach der Motivation für ihre politische Arbeit gefragt, muss sie nicht lange nachdenken: «Ich finde es wichtig, dass junge Menschen bei Dingen mitreden können, die sie, früher oder später, tangieren, und auch Gehör finden.» Sie wolle mitgestalten und nicht nur «ausbaden», was andere ihr unter Umständen «eingebrockt» hätten.
Geld und Engagement
Ob denn die Jugendsessionen nicht genügten? «Das ist halt so eine Sache», meint sie: «Es wird zwar viel debattiert, die Jugendlichen sind sehr bei der Sache, engagieren sich, Beschlüsse werden gefasst – und dann geschieht: nichts.»
Die Kinderlobby Schweiz orientiert sich bei ihrer Arbeit an der UN-Kinderrechtskonvention, welche die Schweiz ebenfalls unterzeichnet hat und die deshalb verbindlich ist. Darin sei auch eine Mitsprachegarantie festgehalten. Und damit das mit der Mitsprache auch funktioniere, brauche es eben Geld und Engagement. Der Kuchen, welcher der Bund verteilen könne, sei zwar grösser, doch auch jene, die unterstützt sein wollen, seien zahlreicher geworden.
Langer Atem
Die Arbeit als Kinderlobbyistin mache Freude, sei aber auch aufwendig. Die Termine mit Parlamentariern müssen organisiert, die Treffen gut vorbereitet sein. Doch die junge Politlobbyistin hat das, was speziell für ihre Arbeit, aber auch allgemein in der Politik unerlässlich ist: Beharrlichkeit und einen langen Atem. Sie lässt sich so schnell nicht entmutigen: «Wenn etwas im ersten Anlauf nicht klappt, versuche ich es eben noch ein zweites, wenn nötig auch ein drittes oder viertes Mal.»
Ein Hauptanliegen sei für sie im Moment das Kinder- und Jugendförderungsgesetz aus dem Jahr 1989, das 2010 totalrevidiert werde. Es befindet sich in der Vernehmlassung. Und dafür lobbyiert Marigona Isufi bei den Parlamentariern: dass nicht nur Vereine, etwa die Pfadi, Geld bekämen, sondern auch Gemeinden und Kantone, um damit Kinderbeauftragte, -büros und -parlamente zu unterstützen.
Wenig Freizeit
Ob sie einen Berufswunsch habe? Ja, sie habe schon einmal daran gedacht, Juristin zu werden. Das Thema sei noch nicht vollständig vom Tisch, stehe aber im Moment nicht im Vordergrund. In zwei Jahren mache sie die Berufsmatur, dann folge ein Jahr Berufspraktikum. Was dann komme, sei noch völlig offen. «Ich bin übrigens froh, dass ich ein Jahr im Welschland war – nicht als Au-pair, sondern in der Schule.» Sie hat das 9.Schuljahr in der Romandie absolviert. «Das hilft mir heute, auch welsche Politiker zu verstehen.» Mit dem «üblichen» Wortschatz ginge das nicht.
Wo sie denn politisch stehe? Da habe sie sich (noch) nicht festgelegt. Das wäre im Moment für ihre Arbeit als Kinderlobbyistin auch nur hinderlich, denn sie müsse Kontakt zu Leuten aus unterschiedlichen Parteien haben. Doch weil es für sie wichtig sei, sich einzumischen, könne sie sich durchaus vorstellen, später zu politisieren.
Ob sie überhaupt noch freie Zeit habe? Reicht es noch für etwas anderes als Schule und politische Arbeit? Nun – sie lese gerne, nebst Zeitung etwa Krimis, aber auch anderes, was ihr halt so «in die Hände gerate». Früher habe sie auch gern albanische Tänze getanzt, heute etwas weniger, aus Zeitgründen Und sie gehe auch mal mit Kollegen aus.
Rampenlicht mit Schatten
Marigona Isufi hat als Kinderlobbyistin bereits ihre ersten Erfahrungen mit den Medien und der Öffentlichkeit gemacht. Plötzlich habe sie aufgrund der zahlreichen Anfragen auf ihrer Facebook-Adresse realisiert, dass man sie in der Öffentlichkeit kenne. Es habe sogar von deutschen Neonazis eine Reaktion gegeben, mit Bemerkungen zu ihrem Migrationshintergrund. Da habe sie entschieden, dass es wohl besser sei, Facebook privat zu halten
Zum Schluss erzählt sie begeistert, dass sie am Vortag mit einer Kollegin im Europapark gewesen sei, von ihren zwei Lieblingsbahnen. Uff: Da ist sie also doch noch «aufgetaucht», die unbeschwerte Jugendliche, die sich einfach einmal ein wenig amüsieren wollte
Adressen: Kinderbüro Bern, Predigergasse 6, Postfach, 3000 Bern 7. Kinderlobby Schweiz, Länggassstrasse 8, 3012 Bern; www.kinderlobby.ch oder www.bern.ch/kinderbern. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.05.2010, 08:22 Uhr



