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Wenn ein Orchester auf Reisen geht

Aktualisiert am 08.07.2010

Sie organisierte alles allein: Vor drei Tagen fuhr Lilien Damjanovic mit ihrer Tochter Adriana, 140 Mitgliedern des Jugendsinfonieorchesters Köniz und dem Chor des Kirchenfeld-Gymnasiums Bern nach Serbien.

Lilien Damjanovic (rechts hinten), Organisatorin und Kulturvermittlerin, bei einer der Proben mit dem Jugendsinfonieorchester Köniz im Kirchenfeldgymnasium. 
Rechts im Vordergrund Tochter Adriana, Geigerin.

Andreas Blatter

«Serbien ist wunderschön!», sagt Ljilja Damjanovic , in der Schweiz Lilien genannt, und zeigt Reiseprospekte von Serbien im Allgemeinen und Belgrad im Speziellen: uralte Schlösser, belebte Strassen, Sonnenschirme und Eisbecher in Fussgängerzonen, Gebäck, das beinahe aus dem Katalog herausduftet, Hallenstadien, Strassenkünstler, Pferdekutschen und junge Frauen in Miniröcken. Und auf dem Land: alte Bauernhäuser auf saftigen Wiesen, Rebberge, Mädchen in Tracht und Jungs auf schnellen Pferden, Springbrunnen, lange Flüsse, tiefblaue Seen, alte Gebäude, viel Geschichte und ein grosses Kulturerbe Das ist Serbien! Wer hierzulande hätte dies gedacht? Bunt, mit sanft-milder Landschaft und verlockenden Städten. Lilien Damjanovics Prospekte stellen eine wohltuende Abwechslung in den gängigen Reiseunterlagen dar. «Mein Wunsch ist, dass die Schweizer Serbien kennen lernen! Wer einmal in Serbien war, wird die Serben in der Schweiz individuell beurteilen, so, wie die eigenen Landsleute auch.»

«Carmina Burana»...

Gerade die zukünftige Schweizer Elite wird weltoffen sein, davon ist die Sprach- und Kulturvermittlerin überzeugt. Das sei mit ein Grund, weshalb sie die Schüler der Berner Gymnasien für Serbien interessieren möchte. Weil die eine ihrer Töchter, Adriana, im Jugendsinfonieorchester Köniz Geige spiele, habe es zudem nahegelegen, auch das Orchester für diese Idee zu begeistern. Wenn diese Zeitung im Kasten der Leser liegt, befinden sich Lilien Damjanovic, Adriana und 140 Mitglieder des Jugendorchesters Köniz und des Chors des Kirchenfeld-Gymnasiums, Bern, bereits im serbischen Subotica. Dies, nachdem sie stundenlang in zwei doppelstöckigen Bussen mit Anhängern über Deutschland, Österreich und Ungarn in Richtung Serbien gefahren sind. Von dort aus reisen die Jugendlichen, die von Chordirigent Peter Honegger und Orchesterdirigent Orestis Chrysomalis sowie einem professionellen Kameramann begleitet werden, elf Tage lang quer durch das Land. Zusammen mit einer einheimischen Sängerin und Musikern werden sie die szenische Kantate von Carl Orff, «Carmina Burana», zum Besten geben.

... und traditionelle Lieder

Ausser «Carmina Burana» würden auch serbische Volkslieder gespielt und gesungen, wie zum Beispiel «Auf die Freude» des bekannten serbischen Komponisten Mokranjac. Stolz ist Damjanovic vor allem darauf, dass die betroffenen Gemeinden beider Länder, zusammen mit den Botschaften und dem serbischen Kulturministerium, die Kosten übernehmen.

«Auftreten werden die Jugendlichen in den Farben der Flaggen beider Länder.» Das Abschlusskonzert erfolge in Belgrad. Bereits am 10.Juli spielt die gemischte Formation im Theater National in Bern. «Mein langfristiges Ziel ist es, serbischen Jugendlichen eine Reise in die Schweiz zu ermöglichen.»

Frau der Tat

Sie selbst habe während der Organisation viel Neues gelernt und gesehen, sagt die seit acht Jahren allein erziehende Mutter der Töchter Adriana und Emilia. Sie habe die ganze Reiseorganisation «nebenbei» erledigt. Seit 18 Jahren lebt die engagierte, in Trstenik geborenen Serbin in der Schweiz und ist mittlerweile im Besitz beider Pässe. Sie arbeitet 70 Prozent bei der Migros im Bahnhof Bern. Eine Arbeit, die ihr sehr gefällt. Um sich körperlich und geistig ausgelastet zu fühlen, arbeitet die gelernte Optikerin zusätzlich für die Stadt Bern beim Gericht als Übersetzerin.

«Darauf, dass ich alles bis jetzt so gut gepackt habe, bin ich schon etwas stolz», sagt sie und sieht dabei kein bisschen müde aus. Weil sie andere gern motiviert und ihre Talente nützen will, liess sich die 40-Jährige schliesslich zwei Jahre lang in Luzern zur Sprach- und Kulturvermittlerin ausbilden.

«Ich bin in verschiedenen Vereinen und schon seit langem im Migrationsdienst engagiert. Mein Ziel ist es, andere zu motivieren.» Ausserdem sei es ihr wichtig, ihr Leben selbst bestreiten zu können «Ich lebe ganz nach dem serbischen Sprichwort: Ein Gramm Aktion wiegt schwerer als eine Tonne Rede».

Erstellt: 08.07.2010, 08:42 Uhr

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