Weinkenner aus Leidenschaft
Von Franziska Zaugg. Aktualisiert am 20.05.2010
Schmecken: Prüfen, ob der edle Tropfen dem Gaumen gefällt. (Bild: Markus Hubacher)
Riechen: Mit der Nase die Wahrheit über den Wein erfahren. (Bild: Markus Hubacher)
Kaum hat der Gast den Weinkeller im Grand Hotel Victoria-Jungfrau in Interlaken betreten, bietet Chef du Vin René Emmenegger an, ein Glas des Petite Arvine 2008 zu probieren. «Es ist ein trockener Weisswein mit einem mineralischen, salzigen Geschmack», wirbt er für den edlen Tropfen und fährt, während er einschenkt, fort: «Die Traube, eine sehr alte Sorte, wohl von den Römern ins Wallis gebracht, wächst an den sonnigen Hängen von Fully.»
Reise zu den Winzern
Der 43-Jährige ist ein Weinkenner aus Leidenschaft. Der nicht nur den Geschmack der rund 100 Weisswein- und 300 Rotweinsorten in den Kellern des Nobelhotels kennt, sondern auch ihre Geschichte. Kein Wunder, schliesslich wählt er hier seit 15 Jahren die Weine aus. Eine aufwendige Arbeit, die viel Sorgfalt erfordert. Wöchentlich werden zwei bis drei neue Flaschen degustiert, und mit dem Fünf-Sterne-Koch des Grand Hotels wird überlegt, welches Essen dazu schmeckt. «In unserem Haus werden Weine aus der Schweiz, Frankreich und Italien vorgezogen», betont René Emmenegger. Das entspreche seinem Gusto. Weine aus kleineren Familienbetrieben sind ihm lieber als jene der grossen Anbaugebiete wie etwa dem kalifornischen Napa Valley. Diese Pilgerstätte für Weinliebhaber hat René Emmenegger mehrmals in seinen Ferien besucht. Er fährt aber viel lieber zu den Weinbauern in der Schweiz. «Die Winzerfamilien hier haben einen engen Bezug zu ihren Reben. Sie pflegen und hegen sie wie die eigenen Kinder», beschreibt er. Zu sehen, wo der Wein herkomme, den er dem Gast in einem der drei Restaurants des Grand Hotels anbiete, das sei wichtig. «Nur so kann ich die bestmögliche Empfehlung abgeben.» Was René Emmenegger während solcher Besuche erfährt, hält er in einem Notizbuch fest, um sich zu Hause darin zu vertiefen.
Weine statt Romane
René Emmenegger ist in Feuerthalen, Schaffhausen, aufgewachsen und hat dort eine Lehre als Koch und Servicefachangestellter absolviert. Ein damaliger Chef, der sein Interesse für den Wein erkannte, animierte ihn, die Ausbildung zum Sommelier zu machen. Lange fehlte ihm die Zeit, die Ausbildung in Angriff zu nehmen. Nun wird er sie im nächsten Jahr mit einem eidgenössischen Diplom abschliessen und kann sich dann zu den 50 Sommeliers in der Schweiz zählen.
Er lebt alleine und ist in Interlaken daheim. «Ich mag die Berge, den See und fahre sehr gerne Wasserski.» In seiner Wohnung stehen auf dem Bücherregal keine Romane oder Krimis, sondern 120 leere Weinflaschen. Es sind alles Erinnerungsstücke. «Da steht zum Beispiel eine Flasche Opus one, Mondavi Rothschild von 1999. Dieser edle Tropfen hat mir ein Hotelgast zum 40.Geburtstag geschenkt», erzählt er. Für René Emmenegger ist Wein viel mehr als einfach ein Getränk. Wein beinhalte Kultur, Geschichte. Und: «Wein ermöglicht Geselligkeit.»
Keller voller Geschichten
Der Chef du Vin trägt einen schwarzen Anzug. In den Knopflöchern links und rechts am Kragen steckt je eine Traube aus Messing, das Kennzeichen der Sommeliers. René Emmenegger passt in den Weinkeller des Grand Hotel Victoria-Jungfrau mit all den auserlesenen Flaschen Wein. Der Raum ist fensterlos, erinnert an eine Kirche und lässt Ehrfurcht aufsteigen. Gleichzeitig ist es ein Ort für geselliges Zusammensein. Dazu steht in der Mitte ein Eichenfass. Es dient als Tisch. Hier wurde mit Weininteressierten schon manche Flasche entkorkt und manche Geschichte erzählt. Doch darüber schweigt er. In seinem Beruf gilt Diskretion. Über dem Fass hängt ein Eisenleuchter aus vergangenen Tagen. Lange weisse Kerzen brennen und spenden Licht. Kerzen stecken auch in leeren Champagner-Flaschen auf einem Regal an der Wand. Aus diesen Flaschen hat vor einigen Jahren ein französischer Diplomat getrunken. «Hier unten wird die Zeit vergessen. Hier gibt es keine Uhr», sagt René Emmenegger. An der Wand hängt einzig ein Thermometer. Es zeigt 18 Grad Celsius – die Idealtemperatur zum Lagern von Rotwein über kurze Zeit.
Eigenen Wein herstellen
Die Gäste und das Team im Grand Hotel sind René Emmeneggers Familie. Oft und gerne besucht er aber auch seine Eltern in Feuerthalen. Der Vater war Koch und steht noch heute in der Küche, wenn der Sohn zu Besuch kommt. «Ich bin ein Einzelkind und habe ein sehr enges Verhältnis zu meinen Eltern», betont er. Mit dem Vater hat er einen Weinkeller angelegt. 500 Weinflaschen sind es, die teuerste ist 600 Franken wert. Die teuerste Flasche Wein sei aber nicht zwingend auch die beste. Beim Weintrinken komme es vielmehr darauf an, wie man sich gerade fühle. «Ist jemand müde nach der Anreise oder einer langen Wanderung hier im Oberland, dann braucht er einen anderen Wein, als wenn die Sonne scheint und er ausgeruht ist», sagt der Weinprofi. Täglich steht der Chef du Vin auch in einem der Restaurants des Hotels, um den Gästen, viele davon Stammgäste, persönlich den passenden Tropfen zum Essen zu empfehlen. «Ist der Gast mit meiner Empfehlung zufrieden, dann freut mich das sehr.» René Emmenegger kennt die Vorlieben der Gäste und hat den passenden Wein parat. Einmal, erzählt er, habe er aus Versehen einer Dame Rotwein über das weisse Wollkleid geschüttet. «Sie nahm es zum Glück mit Humor und sagte, in Italien bringe das Glück.»
René Emmenegger hat einen Traum. In ein paar Jahren möchte er in Frankreich seinen eigenen Rebberg besitzen und Wein herstellen. Wo genau und wie, das lässt er sich nicht entlocken. Es ist auch schon spät, fast alle Kerzen im Eisenleuchter sind heruntergebrannt, es wird immer dunkler. Die Flasche Petite Arvine 2008 ist noch nicht leer, aber die Gäste im Hotelrestaurant warten. (Berner Zeitung)
Erstellt: 19.05.2010, 17:57 Uhr



