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«Wäre ich jünger, würde ich wohl Rap-Texte schreiben»

Von Christian Werder. Aktualisiert am 19.05.2010

Er ist einer, der gerne erzählt, diskutiert, Stellung bezieht. Und: Walter Reusser aus Zollikofen redet nicht bloss – er schreibt auf, was er zu sagen hat. In Leserbriefen, Gedichten und in einem Buch. Schreiben ist seine Passion.

<b>Moderne Technik in rustikaler Umgebung:</b> Walter Reusser verfassst seine Texte längst nicht mehr mit der Schreibmaschine – der Computer erleichtert dem 77-jährigen Vielschreiber die Arbeit.

Moderne Technik in rustikaler Umgebung: Walter Reusser verfassst seine Texte längst nicht mehr mit der Schreibmaschine – der Computer erleichtert dem 77-jährigen Vielschreiber die Arbeit.
Bild: Beat Mathys

«Herr Nef hat unverzeihliche Fehler gemacht, die auch er nie vergessen wird. Ich hoffe nur, dass Bundesrat Schmid seinen Rücktritt nicht vergisst, sonst müsste es ihm jemand sagen.» (Leserbrief in der BZ)

Walter Reusser (77), pensionierter Inspektor beim Schweizerischen Fleckviehverband in Zollikofen, wohnhaft daselbst seit den Siebzigerjahren, sitzt am Glastisch im Wintergarten seines Hauses und lächelt vergnügt vor sich hin. «Ich äussere mich halt gerne möglichst pointiert zu aktuellen Themen. Ich will nicht einfach still dasitzen und zuschauen.» Walter Reusser ist ein Bürgerlicher. War Adjutant in der Armee, wuchs auf als Bauernsohn in Heiligenschwendi, absolvierte erst eine landwirtschaftliche und danach eine kaufmännische Ausbildung. «Aber in einer Partei bin ich nicht. Ich bin ein Freigeist.» Er zupft an seinem weiss-blau karierten Hemd. Und schon wieder ist sein Lächeln da.

«E warme Summer het dörfe ga / die letschte Tier hei ds Tal verla / dr Alpchäs isch gwoge u vergä / d Chüejer müesse Abschied nä.» (Gedicht «Herbscht im Justistal»)

Ja, und dann ist da das Schreiben. Leserbriefe seit eh und je. Zu allen möglichen Themen. Politik, Umwelt, Gesellschaft. Zudem Gedichte. Und ebenfalls Nekrologe für Verstorbene in seinem Bekanntenkreis. Schliesslich gesellte sich dann noch ein Mundartbuch dazu: «Ds Schöneli-Huus – Gschichte us myre Buebezyt». Die tragikomische Story über Chrigu und Marei Schöni, die ab 1900 ein Haus in Heiligenschwendi bewohnten. Ein Haus, welches er seit frühester Kindheit kannte und das er 1970 schliesslich kaufte und zum Feriendomizil umbaute. «Mich fasziniert bis heute, wie sich das Leben dannzumal abspielte. Die Schicksale dieser Menschen berühren mich.» Eine Geschichte über zwei Menschen, die irgendwie nie richtig zusammenfanden – und trotzdem zusammenblieben. Gefangen in ihrer Zeit. Reusser verwob überlieferte und selber erlebte Anekdoten zu einem spannenden und durchaus unterhaltsamen Zeitdokument. Zwei Jahre arbeitete er daran, 2008 schliesslich erschien das Buch. Und es verkaufte sich bis heute weit über tausend Mal.

«Dä söus de iinisch besser ha. Nid müesse Chüe u Giissi mäuche. D Ching lehre läse u schrybe. E Gstudierte, wo nid nach Chuestau schmöcki.» (aus dem Buch «Ds Schöneli-Huus»)

Schreiben. «Momoll, daran habe ich wirklich Freude. Das hält meinen Geist wach. Mir kommen manchmal mitten in der Nacht Ideen zugesprungen. Darum habe ich immer irgendwas zum Aufschreiben bei mir. Kugelschreiber, Papier.» Walter Reusser trinkt einen Schluck Wasser. Und er erzählt, dass er wegen eines Leserbriefes sogar mal im Departement «der Zölch Lisi», der ehemaligen Regierungsrätin Elisabeth Zölch, habe antraben müssen. Es ging um die Schliessung der ehemaligen Landwirtschaftsschule Schwand in Münsingen. «Diese Schliessung finde ich noch heute total daneben. Und das habe ich halt geschrieben.»

«All jenen, die meinen, der Wolf habe in der Schweiz eine Daseinsberechtigung, möchte ich einmal zeigen können, wie der Riss eines Schafes vor sich geht.» (Leserbrief in der BZ)

Klartext. Walter Reusser nimmt auch mit 77 kein Blatt vor den Mund. Aber er teilt nicht einfach aus. «Mir ist es ein wichtiges Anliegen, dass man immer verschiedene Meinungen zulässt.» Und dann lacht er. «Wissen Sie, wenn ich noch jung wäre, würde ich wohl auch Rap-Texte schreiben. Das finde ich toll.» Der Freizeitautor, Bauernbub und sechsfache Grossvater strahlt verschmitzt. «Steff la Cheffe ist wirklich cool.»

Das Buch: «Ds Schöneli-Huus», 80 Seiten, bm Druck und Verlag AG. Erhältlich im Buchhandel oder direkt beim Autor: walter.reusser@gmx.ch, Tel.: 031 911 31 11. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.05.2010, 16:15 Uhr

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