«Oft male ich die ganze Nacht»
Von Andreas Seiler. Aktualisiert am 02.06.2010
Video-Interview mit Christian Spahni über seine Technik und seine Bilder. (Video: Andreas Seiler)
Hoch über Biel, auf einem idyllischen Fleckchen Erde hinter einem mit malerischen Türmen gekrönten Herrenhaus, steht ein Häuschen mit vorgezogener Terrasse. Ein wilder Garten mit alten, hohen Bäumen schirmt das Gelände gegen neugierige Blicke ab. Es ist das Wohnatelier von Christian Spahni. Der 52-Jährige steht am Fenster und erwartet den Besucher. Die Komplimente zum schmucken Ort scheint er gewohnt zu sein: «Ich finde es aussergewöhnlich, hier zu wohnen und zu arbeiten. Die Wände sind jedoch schlecht isoliert. Das Holz für den Winter habe ich bereits verheizt», meint der Bewohner zu der recht kühlen Innentemperatur Mitte Mai. Die Spuren seiner aktuellen künstlerischen Tätigkeit hängen gut sichtbar an den Wänden. Die Bilder, teils gegenständlicher, teils abstrakter Natur, sind vorwiegend schwarz-weiss gemalt.
Der Ausnahmekönner
Christian Spahni wurde 1958 in Zürich geboren, zügelte aber während der Schulzeit nach Ostermundigen bei Bern. «Ich habe gute Eltern gehabt», meint er, auf seine Kindheit angesprochen. «Ich war mit meinen drei Geschwistern oft im nahen Wald anzutreffen.» Seine Schulzeit hat er allerdings als Katastrophe in Erinnerung. Er habe viel «Seich» gemacht. «Einzig zeichnen kann er», habe es seitens der Pädagogen geheissen. So hätten ihn die Lehrer im Gestalten gar nicht bewertet mit der Begründung, dass sie selber das Fach nicht so gut beherrschen würden wie Christian.
Der fleissige Steinhauer
Nach dem Vorkurs (1975) begann er an der damaligen Kunstgewerbeschule (heute Schule für Gestaltung) in Bern die Lehre als Schriftenmaler. Nach dem Abschluss fand er dank seiner künstlerischen Fähigkeiten zahlreiche Aufgaben als Illustrator. Das Computerzeitalter in den Achtzigerjahren veränderte seinen gelernten Beruf grundlegend. Alles wurde digitalisiert und vereinfacht. Dies behagte ihm nicht. Christian Spahni wollte Handwerker bleiben. In einer zweijährigen Lehre bildete er sich zum Steinhauer aus. Als Polier bei einer Baufirma war er fortan Herr über Figuren und Ornamente. «Das ist ein schöner Beruf. Die Art und Weise wie man alte Gebäude renoviert, muss immer wieder neu interpretiert werden. Wie in der klassischen Musik. Man weiss ja bis heute nicht, wie Mozart seine Stücke wirklich gespielt hat», begründet er seine Aussage.
Die bittere Diagnose
Zwanzig Jahre hat er diese Arbeit in Zusammenarbeit mit dem Berner Denkmalschutz ausgeführt, hat die Fassaden der Alten Hauptpost, der Nationalbank und des Ostflügels des Bundeshauses renoviert: «Hierbei mussten manchmal bis zu zwei Tonnen schwere Steine eingefügt werden. Einzelne Köpfe der Steinfiguren waren schon mal bis 800 Kilogramm schwer.» Schwerstarbeit also.
Eines Tages, nach einem Ausflug mit seiner Frau, seinen vier (heute erwachsenen) Kindern, spürte er beim Velofahren Schmerzen im linken Arm, wie bei einer Zerrung. Am nächsten Morgen konnte er während der Arbeit das Spitzeisen noch halten, hatte jedoch kein Gefühl mehr im Arm. Der Arzt diagnostizierte fünf Diskushernien und sogenannte Osteophyten an der Halswirbelsäule. Christian Spahni wurde für vier Monate krank geschrieben. Vier Jahre, bis 2003, konnte er danach noch arbeiten. Dann «meldete» sich der rechte Arm mit den gleichen Symptomen: «Der Arzt verbot mir per sofort, als Steinhauer zu arbeiten. Von einem Tag zum anderen war ich invalid.» In diese Zeit fiel auch die Trennung von seiner Frau.
Die leidigen Schmerzen
Die Ursache seines körperlichen Leidens ist kaum auszumachen. Mit seinen Schmerzen hat er jedoch heute einen positiven Umgang: «Ich würde mich nicht als gesund bezeichnen, kann aber mit meinen ‹doofen› Halswirbeln recht gut umgehen. Wenn es schlimm wird, schlucke ich Schmerzmittel und weiss auch, welche Therapie hilft. Dieser ‹Schaden› ist ein ständiger Begleiter, der mir nur noch selten auf die Nerven geht.»
Der neue Beruf
Nach dem harten Verdikt, den Steinhauerberuf aufgeben zu müssen, entschloss sich Christian Spahni, die Pädagogische Hochschule zu absolvieren. «Ich war zu jung für eine Rente, aber der Dinosaurier unter den Studierenden», beschreibt er seinen neuesten Ausbildungsweg. Er ist nun seit letzten Februar Lehrer. Während verschiedener Stellvertretungen hat er sein neues Handwerk verfeinert und daran richtig Freude gefunden. Einige Bewerbungen sind am Laufen. Zeichenunterricht möchte er aber nicht geben. «Ich bin nicht scharf darauf. Meist fehlt den Jugendlichen die nötige Leidenschaft dazu.»
Der gesellige Maler
Sein Bieler Zuhause sei schon mit seiner Familie stets ein offenes und lebendiges Haus mit vielen Freunden, spielenden Kindern und angeregten Gesprächen gewesen. «Es ist für mich etwas vom Sozialsten, zusammen zu essen», meint Christian Spahni. Er kocht auch in seinem Wohnatelier gerne und spontan, und lässt sich durch anschliessende, interessante Diskussionen in die Nacht treiben.
Zurück im Atelier hoch über Biel: Christian Spahni zeigt seine neusten Bilder. Grossformatige Papiere, mit dicken Tuschepinseln bemalt. «Oft male ich die ganz Nacht. Unnötige Dinge verbanne ich aus dem Raum, um mehr Platz für die Malerei zu schaffen.» Er könnte sich dies ohne weiteres auch für seine Zukunft vorstellen: Mehr Raum zu schaffen, um mehr malen zu können. Ob die Zeit dazu reicht, wird sich zeigen. In ein paar Monaten wird er erstmals Grossvater. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 02.06.2010, 18:30 Uhr



