«Nein, es war kein Bubentraum»
Von Christian Werder. Aktualisiert am 23.03.2010
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Seemannsleben
Klub und Museum
Daniel Trösch war zwölf Jahre lang Präsident der Sektion Bern des Seemanns-Clubs der Schweiz. Die Sektion in der Bundesstadt existiert seit 1968 und zählt heute 107 Mitglieder aus der Region. Wer Aktivmitglied werden will, muss nachweislich mindestens zwölf Monate auf hoher See verbracht haben. Mehr als 80 Mitglieder erfüllen diese Voraussetzung. Für Passivmitglieder gilt diese Regelung nicht. Im Klublokal an der Gerechtigkeitsgasse 15 in Bern werden verschiedenste Anlässe (Vorträge, Lesungen et cetera) durchgeführt. Jeden Freitag ab 19.30 Uhr öffnet das Lokal mit Bar, Holztischen und Seemannsdekoration seine Tür fürs breite Publikum.
Daniel Trösch ist aber nicht nur im Seemanns-Club aktiv. Gemeinsam mit seiner Frau Kathrin hat er im letzten Herbst am Löchligutweg 11 in Worblaufen ein kleines Schifffahrtsmuseum («Maritime Tower») eröffnet. Dort werden Originalutensilien rund um die Hochseeschifffahrt präsentiert – beispielsweise auch aus dem Fundus des gesunkenen Luxusdampfers Titanic. cwWeitere Informationen unter
www.swiss-ships.ch,
www.seemannsclub.ch,
www.maritime-tower.ch oder
079 6562094 (Daniel Trösch).
Hölzerne Steuerräder, Bullaugen, Rettungsringe, Gitarren, Matrosenmützen: Im Kellerlokal an der Gerechtigkeitsgasse 15 in der Berner Altstadt erinnert alles an die Schifffahrt auf hoher See. Zahlreiche Utensilien und Fotografien dokumentieren in dem gewölbten Raum das Seemannsleben – schliesslich befinden wir uns ja auch im Lokal der Sektion Bern des Seemanns-Clubs der Schweiz. Doch, doch, das gibts. Mittendrin steht Daniel Trösch (47). Stämmig, mit Schnurrbart, Jeans und warmem Pullover. So etwa kann man sich einen echten Seemann durchaus vorstellen. Und der Thuner Trösch ist auch einer. Oder besser gesagt: war einer. Von 1981 bis 1986 tuckerte er nämlich über die Weltmeere. Rund um den Globus. Doch dann lernte er seine zukünftige Frau kennen und kehrte zurück aufs Festland. «So ergeht es irgendwann den meisten Seeleuten», meint er schmunzelnd. Er schaut zu Boden und sinniert: «Aber das Meer lässt einen nie mehr los.»
Schmierer und Reiniger
Drehen wir das Schiffsrad nun etwas zurück. Wie kam Daniel Trösch denn eigentlich dazu, anzuheuern? Ein Bubentraum? «Nein, nein», winkt er ab, «das war es wirklich nicht. Ich hatte nie den Traum vom Seefahrerleben.» Trösch machte eine Lehre als Maschinenmechaniker. Bald war ihm klar, dass er später mal gern im Ausland arbeiten würde. Die Idee, auf ein Schiff zu gehen, kam schliesslich von seinem Vater. «Ein Cousin von ihm war in einer Basler Reederei angestellt. Und der schickte mir Unterlagen.» Es kam, wie es kam: Trösch unterschrieb («aus Gwunder»), und 1981 gings los.
Mit einem alten Stückgutfrachter – beladen mit Schuhen, Brillen, alten Autos, Bergbaulokomotiven und so weiter (Trösch: «Chrut und Chabis») – war die Crew vier Monate lang im Mittelmeer und in Westafrika unterwegs. Trösch arbeitete im Maschinenraum. Anfänglich als sogenannter «Schmierer und Reiniger». Die Arbeit und sein Arbeitsplatz auf hoher See gefielen ihm. «An Land hätte ich eine so interessante Stelle wohl nie gefunden. Und ich war ja schon immer eine Wasserratte», erzählt er.
Stürme setzten ihm zu
Er blieb dem Meer treu. Fracht-, Stückgut- und sogenannte Massengutschiffe lösten sich ab. Von Südamerika bis China – rund um die Welt ging es. «Ich fuhr überall gerne hin, freute mich auf ein paar Tage an Land», sagt der Weitgereiste. Kultur, Land und Leute interessierten ihn. «Geschichte, Geografie und Völkerkunde haben mich schon immer fasziniert.»
Fünf Jahre lang genoss er sein unstetes Leben auf und mit dem Meer. Und natürlich lernte er auch die Schattenseiten kennen. «Stürme konnten einem hin und wieder schon zusetzen. Aber auch ein Maschinenschaden kurz vor der Küste ist nicht wirklich lustig.» Und dann gabs auch immer wieder mal «Kollegen» auf dem Schiff, die man «nicht ausstehen» konnte. Gerade in solchen Momenten musste man dann schauen, dass die Situation nicht eskalierte: «Schliesslich arbeitet man tagtäglich zusammen. Und man kann nach Feierabend nicht einfach sagen: So, ich geh jetzt weit weg, du kannst mich mal.»
Eine Schule fürs Leben sei es gewesen, jenes auf den Schiffen. Und das Schönste für ihn nach einem zehnstündigen Arbeitstag auf dem Frachter? «Vorne am Bug sitzen, den Himmel und das Meer betrachten, ein Bier trinken und diese Art von Freiheit geniessen.» Doch im selben Atemzug relativiert er: «Kitschige Seefahrerromantik, wie sich das viele vorstellen, gibt es allerdings nicht. Die Arbeit auf einem Schiff ist hart. Und jeder muss selber schauen, wie er mit dem Alltag zurechtkommt.»
Daniel Trösch arbeitete sich auf den riesigen Kähnen in der Hierarchie immer weiter nach oben. Zuletzt wirkte er als Maschineningenieur im Rang eines Offiziers. Und dann war plötzlich Schluss.
Die Liebe siegte
Kathrin trat in sein Leben, seine heutige Frau. «Ich wusste: Sie ist die Richtige», sagt er bestimmt und nickt dabei. Die Liebe siegte. Trösch blieb in der Schweiz und arbeitet unterdessen seit vielen Jahren von seinem Wohn- und Arbeitsort Thun aus als selbstständiger Kundenberater für eine grosse Zürcher Brandschutz- und Sicherheitsfirma. Doch Daniel Trösch blieb nicht nur seiner Frau, sondern – indirekt – auch der Schifffahrt treu. Kaum zurück auf dem Festland, wurde er aktives Mitglied im Seemanns-Club Bern. Dem gehören zahlreiche ehemalige Hochseefahrer aus der Region an (siehe Box). Zwölf Jahre war er Präsident des Klubs, seit einem Jahr ist er aus zeitlichen Gründen noch Vizepräsident. Zudem recherchiert er Wissenswertes über die Seefahrt und sammelt Utensilien zum Thema. Letztes Jahr hat er überdies gemeinsam mit seiner Frau («zum Glück teilt sie meine Leidenschaft») ein kleines privates Schifffahrtsmuseum in Worblaufen bei Bern eröffnet. Daniel Trösch und das Meer. «Ich fahre noch immer täglich zur See», sagt er und schaut wieder zu Boden. «Zumindest im Geist.»
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.03.2010, 10:04 Uhr



