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«Müssen die Kinder in Südafrika arbeiten?»

Von Martina Kammermann. Aktualisiert am 17.12.2010

Für ihren Vortrag über Südafrika suchten zwei Drittklässler aus Bern nach Antworten auf ihre ganz speziellen Fragen. Fündig wurden sie bei einem Treffen mit der Südafrikanerin Lizanne Richle, die in Uettligen wohnt.

Interessiert: Sivan Träfle (links, 8) und Gregory Kühni (9) beim Interview mit Lizanne Richle über die Lebensart von südafrikanischen Kindern.

Interessiert: Sivan Träfle (links, 8) und Gregory Kühni (9) beim Interview mit Lizanne Richle über die Lebensart von südafrikanischen Kindern.
Bild: Walter Pfäffli

Sivan Träfle und Gregory Kühni halten nächste Woche in der Schule einen Vortrag über Südafrika. Doch was erzählt man über ein Land, das man noch gar nie gesehen hat? Die beiden Drittklässler haben einen originellen Weg gefunden, sich die richtigen Informationen einzuholen: Über ein SMS im BZ-Forum hat Sivans Mutter eine Person aus Südafrika gesucht, die den Jungs ihre Fragen über das ferne Land beantwortet. Gemeldet hat sich Lizanne Richle. Die 39-Jährige ist in Durban aufgewachsen und wohnt heute mit ihrer Familie in Uettligen. Eine echte Südafrikanerin also, doch damit nicht genug. Bevor sie in die Schweiz zog, hat die dreifache Mutter jahrelang als Angestellte von Nelson Mandela gearbeitet und ein Stück der Auflösung der Apartheid hautnah miterlebt.

Vor dem Treffen nervös

Es ist jedoch nicht in erster Linie Nelson Mandela, der die Buben interessiert. «Haben die Kinder dort einen langen Schulweg?» möchte Sivan wissen. «Ja, viele Kinder laufen bis zu eineinhalb Stunden zu Fuss zur Schule», meint Lizanne Richle. Ganz allgemein seien die Distanzen in Südafrika viel grösser, und zwischen den Städten seien riesige, fast unbewohnte Landstriche. Andererseits gebe es auch Kinder, die jeden Tag von einem privaten Chauffeur in die Schule gefahren würden.

Als plötzlich das Telefon klingelt, antwortet Richle auf Englisch. Es ist per Zufall ihr Bruder, der aus Durban anruft. «Englisch müssen in Südafrika alle lernen», weiss Gregory. Die beiden Schüler des Berner Pestalozzi-Schulhauses haben sich gut vorbereitet. «Vor dem Treffen mit der fremden Frau waren sie ganz schön nervös», verrät Mutter Oresta Träfle. Doch nun stellen sie auf Hochdeutsch ruhig ihre Fragen und notieren in grosser Bleistiftschrift die Antworten.

Zwei Welten nebeneinander

«Der Unterschied von Arm und Reich ist in Südafrika riesig», nimmt Lizanne Richle den Faden wieder auf. Abgesehen von wenigen Ausnahmen seien die Weissen reich und die Schwarzen arm. Es seien zwei Welten nebeneinander. So gibt es auch auf Sivans Frage, wie die Kinder in Südafrika schlafen, zwei Antworten: «Die reichen Kinder schlafen so wie wir hier. Der Grossteil der Kinder aber schläft auf dem Boden.» Diese Vorstellung sorgt beim achtjährigen Gregory für grosse Augen. Laut Lizanne Richle ist es aber üblich, dass sich eine Familie einen grossen Raum für alles teilt, also auch fürs Essen und Schlafen. Und fürs Spielen.

Leben ohne Playmobil

Was Gleichaltrige in Südafrika so spielen, interessiert die beiden Jungs besonders. «Es ist unterschiedlich», erzählt Richle von ihrer Heimat. Die Kinder in den Townships seien sehr kreativ. «Da sie kein Playmobil haben, basteln sie sich aus Draht, Bierdeckeln und alten Dosen ihre Spielautos selbst. Und sie spielen sehr viel Fussball.» Also doch eine Gemeinsamkeit – YB-Fan Sivan hat am Abend noch Training. «Die WM war auch ein Grund, warum wir das Land Südafrika gewählt haben», meint dieser grinsend. Neben dem Fussball gibt es aber noch andere Dinge, die überall auf der Welt gleich sind: Gregory etwa hat sich gefragt, ob in Südafrika alle Menschen gut rechnen können. Wohl eher nicht.

Auf den Punkt gebracht

Lizanne Richle hat viel Spannendes erlebt und erzählt den Buben von den schönen wie von den traurigen Seiten Südafrikas. Sie zeigt Fotos von ihr und Mandela, einmal hat sie bei einem Empfang sogar Michael Jackson getroffen. Doch nun müssen Sivan und Gregory noch ihre letzte Frage stellen: «Müssen die Kinder in Südafrika arbeiten?» «Das ist jetzt schwierig, es ist äh», überlegt Richle. «Unterschiedlich?», fragt Sivan wach. «Ja genau, es ist sehr unterschiedlich», sagt sie lachend. Der kleine Mann hat verstanden, wie es in Südafrika läuft.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 17.12.2010, 16:57 Uhr

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