Memento mori: Messen, wie die Zeit verrinnt...
In Martin Königs Wohnung in Kirchberg steht unter anderem ein imposanter alter Apothekerschrank. Er beherbergt um die dreihundert Sanduhren: Dreihundertmal wäre es möglich – hier sogar zeitgleich – den Sand von einem Glas ins andere rinnen zu lassen. Von Beginn bis Ende auszuharren und zuzuschauen, wie die Zeit – im Wortsinn – zerrinnt. Je nach Dauer der zig verschiedenen Stundengläser: Mal drei Minuten lang, mal vier Stunden. Und wenn er so rinnt und rinnt – der Sand –, dann ist es fast so, als schaue der Betrachter auf ein Leben, das irgendwo beginnt oder irgendwo gerade zerrinnt «Memento mori – Gedenke des Todes, kann eine der Bedeutungen sein», sagt König. «Oder: Der Mensch zerfällt zu Sand und Staub. Oder aber: Wenn die Zeit abgelaufen ist, geht’s weiter. Sobald die Uhr gedreht wird – was eine aktive Handlung voraussetzt.»
Schönheit des Augenblicks
Solche oder ähnliche Gedanken, Gefühle und Assoziationen seien es gewesen, die in Martin König, Geschäftsführer des Fitnessparks «Time-Out» in Ostermundigen, vor gut fünf Jahren die Leidenschaft für Sanduhren weckten. «Natürlich sind es, neben Symbolik und Metaphorik auch Geschichte, Physikalisches und Wissenschaftliches, die Herstellung der Sanduhren, das Sammeln an sich und der Austausch mit anderen Sammlern, die mich interessieren und antreiben», sagt der ausgebildete Lehrer. Urausgelöst wurde seine Passion allerdings durch einen Krimi. Die Fernsehausstattung habe eine Sanduhr als Teil des Bühnenbilds respektive der Handlung benutzt, sagt der Stundenglas-Spezialist. «Da ich mich zu diesem Zeitpunkt etwa in der Lebensmitte befand und der Krimi zudem zur Jahreswende ausgestrahlt wurde, nahm ich dies zum Anlass, mit dem Sammeln von Sanduhren zu beginnen Dabei seien ihm Form, Aussehen, Herkunft, Materialien, Alter und Zweck wichtig. «Die Vielfalt, nicht die Menge, ist ausschlaggebend.» Und wirklich: Königs Sammlung – von winzig bis imposant – ist beeindrucken! Edles findet sich neben Simplem, Wertvolles neben ideell Schönem.
Mass der Vergänglichkeit
So manches Stundenglas ist gotisch angehaucht, versinnbildlicht Geburt und Tod, andere verkörpern elegant die einfache Kompliziertheit des Seins: «Sanduhren lassen sich nicht in die Chronologie der Uhrenerfindung einordnen», erklärt König. «Die ersten tauchten zwischen 1330 und 1340 auf. – Erst nachdem die Turmuhren unserer Kirchen mit ihrer aufwendigen Mechanik bereits erfunden waren!» Und wofür wurden sie eingesetzt? «Sanduhren laufen genau. Man mass damit die Korrektheit respektive Unkorrektheit der Turmuhren.» König schmunzelt: «Nicht umsonst war das alte Sprichwort in Gebrauch: Pfarrern und Turmuhren kann man nicht immer glauben» Sanduhren seien dafür da, die Zeit zu messen. So habe man früher damit die Redezeiten in Ratsstuben und Gerichten gemessen und beschränkt. Pfarrer, Priester, Ratsherren, Richter und Redner aller Art durften so lange reden, wie die Sanduhr – daher der Name Stundenglas – lief.
Die Uhr (auf-)stellen
«Wenn die Uhr nicht lief, lag sie», weiss König. Daher stammt auch der Ausdruck:«Die Uhr stellen». Selbst der Ausdruck: «Ich nehme noch ein Glas», soll aus alten Zeiten stammen und nichts mit Getränken zu tun haben. «Klosterbrüder trafen sich zu Gebet und Meditation auf ein Glas – also so lange, wie der Sand durchs Stundenglas rann.»
Königs älteste Sanduhr – sie wurde auf See gebraucht – stammt aus dem Jahre 1790. Ihre Laufzeit beträgt eine halbe Stunde. «In der Schifffahrt wurden die Stundengläser zur Wachablösung eingesetzt», sagt der Sammler. Seine kleinsten Sanduhren sind Ohrstecker. Eine der grössten hat er selbst gemacht.
Der Zeitmesser und -bauer
Wohl weil König den Dingen des Lebens auf den Grund gehen will, begann er damit, Sanduhren auch selbst zu bauen. «Meistens verwende ich Ulmenholz.» Bis 1750 sei es nicht möglich gewesen, Gläser «am Stück» zu fertigen. Für seine Zeitmesser verwendet er schon mal alte Webereispulen. «Als Sanduhrsand eignet sich der Sahara-Sand am besten», sagt der Kenner. Heute werde auch Quarzsand verwendet, früher gar Eierschalen. Apropos Eier: Wer kennt sie nicht, die kleinen Sanduhren, die dazu dienen, Eier nicht länger als drei Minuten abzukochen. «Je nachdem, wofür eine Sanduhr eingesetzt werden soll, wird beim Bauen auch der Sand abgemessen. Zähneputzen = drei Minuten, Wachablösung auf See = 30 Minuten, Kirchturmglockenprüfung = 15 Minuten, Pfarrer in der Kirche = 60 Minuten.» Selbst auf unseren modernen Computern zeige uns eine kleine, sich drehende Sanduhr an, dass das Gerät noch arbeite. «Keine Sanduhr der Welt jedoch läuft lange genug, ein Leben zu messen», sagt Martin König. «Diese Symbolik gefällt mir sehr gut: Die Gläser einer Sanduhr gleichen der Zahl Acht. Und diese ist endlos.»
Informationen für Gleichgesinnte und Interessierte: koenig.martin@gmx.ch 079 240 12 48
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 01.09.2010, 09:45 Uhr



