«Meine Gäste sind mir ans Herz gewachsen»
Es regnet an diesem Montagnachmittag, die grünen Hügel des Gürbetals sind nebelverhangen. Auf einer Anhöhe bei Burgistein tauchen hinter einem Bauernhaus Wohnwagen und farbige Zelte auf. «Wir sind der einzige Campingplatz in der Region», sagt Olga Wyss stolz. Vor zehn Jahren kam ihr Mann Beat auf die Idee, einen Campingplatz auf seinem Land aufzumachen. Das «Bäuerlen» habe nicht mehr viel eingebracht, und als Storenmonteur sei er viel auf Campingplätzen unterwegs gewesen. Olga Wyss hatte gerade drei Kinder aus dem Gröbsten raus: «Ich habe immer gedacht, wenn die Kinder einmal aus dem Haus sind, wird es ruhiger. Dem war dann nicht so». Sie fürchtete sich vor allem davor, angebunden zu sein und keine Freiheiten mehr zu haben. «Ich habe mich immer nach etwas gerichtet, nach dem Stundenplan der Kinder, den Ferien des Mannes – und dann eben nach den Öffnungszeiten der Campingbeiz.»
Italienisches Blut
Die Tochter einer italienischen Gastarbeiterin und eines Berner Oberländers liebt die Sanftheit und den Weitblick des Gürbetals. Zurück ins Oberland wollte sie nie. Olga Wyss hat ursprünglich das KV gemacht, heute erledigt sie das Büro des Campingplatzes und betreut das Beizli. Ihre gastfreundliche Art wirkt echt, das liegt wohl an ihrem italienischen Blut. Auf dem Campingplatz haben die Gäste viele Freiheiten, gerade was die Gestaltung ihres kleinen Reiches angeht. Zu jedem Platz hat Olga Wyss eine kleine Geschichte zu erzählen, man spürt, dass sie zu jedem Gast eine persönliche Beziehung hat. Man sieht kleine Blumenparadiese, ein Indianerfan hat sich ein Tipi und einen Totempfahl ins Gärtchen gestellt, andere schmücken ihr Plätzchen mit Statuen oder selbst gemachter Deko. «Nur wenn es sehr unordentlich ist oder viel ‹Gjätt› wächst, muss ich reklamieren», sagt Olga Wyss.
Viele Stammgäste
Die meisten sind Stammgäste oder wohnen sogar hier: «Viele wollten etwas ändern in ihrem Leben, vielleicht ins Ausland auswandern, und sind dann hier hängen geblieben», erklärt Olga Wyss. Auffällig viele geschiedene Männer haben sich ihr Zuhause hier eingerichtet. «Meine Scheidung kostete mich viel Geld, und hier konnte ich mir trotzdem etwas Eigenes einrichten», sagt beispielsweise ein grau melierter Gast. Für Menschen wie ihn ist Olga eine wichtige Bezugsperson. «Meine Gäste sind mir alle ans Herz gewachsen.» Manchmal prallten die unterschiedlichen Charaktere jedoch aufeinander, und dann könne es auch mal laut werden: «Wie in einer richtigen Familie eben», sagt die energiegeladene Frau.
Schwere Zeiten
Als ihr Mann letztes Jahr nach einem Herzinfarkt auch noch eine Infektion bekam, die sein Hirn angriff, stiess Olga Wyss an ihre Grenzen: «Als Beat zeitweise nicht mehr wusste, wer er war, habe ich den Campingplatz verwünscht», erzählt sie freimütig. Bei der täglichen Arbeit haben sie die Gäste unterstützt, doch psychisch habe sie die Situation stark belastet. Ihr geliebtes Hobby Klöppeln hat ihr durch die schweren Zeiten geholfen. «Dabei kann ich mich entspannen und alles um mich herum vergessen.» Da sie eine Kursleiterinnen-Ausbildung hat, gibt sie jede Woche Klöppelkurse für Frauen aus der Region. «Diese Nachmittage mit den Frauen sind ein wichtiger Ausgleich zur Arbeit auf dem Campingplatz.» Gelernt hat sie das alte Handwerk als junge Frau von ihrer Grossmutter. Heute geht es Beat Wyss, der auch Gemeindepräsident von Burgistein ist, wieder gut. Den Campingplatz wollen sie mindestens bis zur Pensionierung weiterführen. Wie es mit ihrem Geschäft jedoch langfristig weitergeht, wissen die beiden noch nicht. Im Moment hat keines der drei Kinder Interesse daran. «Doch in fünf bis sieben Jahren sieht das vielleicht anders aus», sagt Olga. (Berner Zeitung)
Erstellt: 17.08.2010, 08:11 Uhr



