Liebe auf den zweiten Blick
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Das Dressurturnier beim Aeberhard-Reitstall in Kirchlindach (Bern) findet vom 23. bis am 25.Juli statt. Am Schweizer Amateurdressurturnier starten rund fünfhundert Reiter mit ihren Pferden in verschiedenen Prüfungskategorien. Der Anlass wird seit 14 Jahren vom Vorstand des 1981 gegründeten Reitclubs Heimenhaus organisiert.
Infos unter: www.rc-heimenhaus. ch.
Nein, es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Dabei ist er ein wirklich hübscher Kerl, ein grosser, kräftiger Typ mit breiten Schultern und grossen dunklen Augen. Aber er hat es ihr nicht leicht gemacht. Er war misstrauisch: «Sicher wurde er früher schlecht behandelt», vermutet die 22-jährige Besitzerin, die als Tochter einer Schweizerin und eines Pakistaners in der Schweiz geboren wurde und in Zollikofen aufgewachsen ist. Die Kollegen vom Reitclub Heimenhaus und der Reitschule Beat Aeberhard, von dem sie vor zwei Jahren Good Boy endgültig übernehmen konnte, sind gespannt auf den Auftritt des hübschen Paares am Dressurturnier in Kirchlindach von kommendem Freitag. Die beiden starten im GA, der «Einsteigerklasse» des Dressurreitens, für das man das Reiterbrevet und ein Pferd mit Pass haben muss.
Gutes Selbstbewusstsein
Sumira ist froh, dass Good Boy gute Nerven hat und diese auch auf fremden Turnierplätzen nicht verliert: «Er zeigt sich gerne», findet sie. Und er habe ein gutes Selbstbewusstsein – und damit liegt er nicht weit entfernt von seiner Halterin, denn sonst könnte sie sich gegen seine 700 Kilo, gut verteilt auf 1,61 Meter Rückenhöhe, gar nicht durchsetzen. Das hat sie früh gelernt: Sumira reitet seit ihrem 6.Lebensjahr. Schon mit 12 hat sie ihr Reiterbrevet gemacht, die Grundausbildung und Halterlizenz im Schweizer Pferdesport.
Reiten ist kein billiges Hobby: Dort hinein geht ihr gesamtes Geld, eine Stallbox koste rund 1000 Franken im Monat inklusive Futter, zusätzlich zu Hufschmied, Tierarzt und Anschaffungen wie Zaumzeug, Sattelzeug, Medikamenten. «Das geht nur, weil ich mich noch zu Hause durchfuttern darf», grinst sie. Und sie hofft, dass es eines Tages beruflich so weit aufwärtsgeht, dass sie sich ihren Good Boy auch weiter leisten kann – ohne Hotel Mama. Auch wenn es dort noch gemütlich ist.
Verwandte in Pakistan
Sumira ist zusammen mit ihrer fünf Jahre jüngeren Schwester Amina als Muslimin aufgewachsen und spricht daheim Urdu, die pakistanische Sprache. Regelmässig besucht ihre Familie die Verwandtschaft in Pakistan, vor allem in Karachi und auf dem Land. Diese Besuche, sie war mittlerweile rund zehnmal für mehrere Wochen dort, liebt Sumira: «Da bin ich dann richtig Mädchen – mit tollen bunten Kleidern und mit Schminken und allem», schwärmt sie. In Karachi oder Islamabad sei Ausgehen für Frauen kein Problem – ohne Burka: zum Beispiel zum Essen oder in einen Vergnügungspark. Aber es begleite sie immer ein männlicher Verwandter. Auf dem Dorf dagegen sässen die Frauen abends lieber privat zusammen daheim und redeten. In der Schweiz steht Sumira Khan mit beiden Beinen auf dem Boden: Sie bekam nach ihrem Handelsmittelschule-Abschluss während eines Praktikums bei einer Berner Promotionsagentur einen Job in der Buchhaltung angeboten. Mittlerweile arbeitet sie dort 80 Prozent und macht berufsbegleitend die Berufsmatur. Ihr Berufstraum? «Am liebsten wäre ich Historikerin – um in alten Archiven zu wühlen», lacht sie. Oder Revisorin. Auch ihr Traum vom Reisen ist nicht ausgeträumt. Bevor Good Boy in ihr Leben kam, wollte sie nach der Schule herumreisen oder nach Ägypten gehen und dort Islamwissenschaften studieren. Heute träumt sie immer noch von einer Reise durch ganz Pakistan, «über die Seidenstrasse». Und eine Pilgerreise nach Mekka wolle sie machen – als eine der fünf Säulen des Korans.
Freundschaft unter Pferden
Doch Sumira kann sich nicht vorstellen, ihr Pferd für eine lange Reise zu verlassen. Good Boy mag nicht, wenn sie nicht da ist – «da kann er einen Gring machen». Auch unter Pferden gäbe es Freundschaften und Abneigungen. Ein weiterer Grund für sie, neben den eigenen gewachsenen Freundschaften im Reitclub Heimenhaus, Good Boy in seiner Box beim Reitstall Aeberhard zu lassen und nicht woanders auf die Weide zu stellen: «Hier hat er seine Ruhe und seine Freunde, und das ist mir wichtig.» – Das muss doch Liebe sein, mindestens auf den zweiten Blick. Und ist die nicht auch viel haltbarer? (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.07.2010, 18:01 Uhr



