Kein Winterschlaf für Campingwart
Von Andreas Seiler. Aktualisiert am 28.02.2010
Gefahr des Einfrierens: Weil die Campinganlage Eichholz nicht frostsicher ist, hat Beat Müller in der kalten Saison viel Arbeit. (Bild: Urs Baumann)
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Weiss und karg liegt die Wiese da. Die Gebäude sind mit Schnee bedeckt. Wo sich sonst Hunderte von Menschen tummeln, farbige Zelte in allen Grössen aufgestellt sind und sich Wohnwagen an Wohnmobil reiht, herrscht Totenstille: Berns stadteigener Campingplatz im Eichholz hat Winterpause. Doch ein Mann in blauem Übergewand trotzt der Kälte. Es ist Beat Müller, seit 21 Jahren Anlagechef des Eichholzareals. Der 51-Jährige ist zuständig für den Campingbetrieb und die Instandhaltung der grossen Wiese am Ufer der Aare gegenüber dem Tierpark Dählhölzli. Beat Müller schätzt die ruhigere Zeit im Winter. Jedes Jahr Anfang Oktober – dem Ende der Campingsaison – «fliegen» seine Saisonmitarbeiter aus und widmen sich anderen Tätigkeiten. Er hingegen bleibt, als Angestellter des Sportamtes der Stadt Bern, auch in der kalten Saison dem Camping treu. Anfang Oktober versuche er allerdings jedes Jahr, erst einmal zwei, drei Wochen Ferien zu machen, bevor er sich erneut der Campinganlage zuwende, um sie in den «Winterschlaf» zu versetzen. Und das bedeutet viel Arbeit.
Der Handwerker
Das ganze Areal, inklusive der Eichholzwiese, muss vom Herbstlaub befreit werden. Dank der Unterstützung von zwei Gleichgesinnten (Angestellten des Marzilis) schafft er diese Reinigung bis Weihnachten. Zudem wird die ganze Anlage ausser Betrieb gesetzt. Das heisst, Wasser und Strom werden abgestellt. Die Boiler müssen entwässert und alle Wasserhähne abmontiert sowie kleinere Reparaturen getätigt werden (siehe Video). Im neuen Jahr braucht er weitere acht Wochen für die Revision des Mobiliars und die Vorbereitung auf die neue Saison. So bedeutet die Wintertätigkeit ein Minimum an Kommunikation und Interaktion, während die Sommermonate nebst den konkreten Unterhaltsarbeiten vor allem auch durch die ständige Betreuung, den Empfang usw. der Campinggäste geprägt sind. Entsprechend meint Beat Müller: «Ich möchte nicht das ganze Jahr so arbeiten wie im Winter, aber es gibt mir die nötige Abwechslung.»
Der Soziale
Sagt es und erzählt eine Episode aus seiner Zeit im Eichholz: Sieben Jahre lang habe ein Mann im Sommer wie im Winter in der Baracke bei der Eichholzwiese übernachtet. Er habe dies sofort der Polizei gemeldet: «Wenn ich schon etwas weiss, melde ich dies lieber der Behörde. Ich wollte nicht schuld sein, wenn dieser Mann in der grossen Kälte erfriert.» Die Polizei habe jedoch nach seinem Anruf den Mann, der niemandem etwas zu Leide getan habe, an diesem Ort geduldet. Zuweilen habe er beim Randständigen vorbeigeschaut und ihn gefragt, wie es ihm gehe, ihm über die Jahre immer mal wieder einen auf dem Campingplatz vergessenen Schlafsack zum Sich-Wärmen mitgebracht. Heute habe dieser sein Vagabundenleben aufgegeben. Manchmal komme er sogar im Eichholz vorbei und wünsche ihm einen schönen Tag.
Der Familienmensch
Der Winter ist die Saison, in der der Campingplatzwart Zeit für die Familie hat und mit ihr Ferien machen kann. Die innerfamiliären Aktivitäten haben sich deshalb, bereits als seine Kinder noch klein waren, stets auf die kalte Jahreszeit konzentriert. So entwickelten sich alle Mitglieder der Familie zu begeisterten Ski- und Skitourenfahrern. Seit kurzem sind die beiden Kinder ausgezogen. Beat Müller ist stolzer Grossvater, denn die 25-jährige Tochter hat mittlerweile selber zwei Kinder. Der 23-jährige Sohn ist in sportlicher Hinsicht in die Fussstapfen des Vaters getreten: «Er hat, wie ich, dem Eishockey gefrönt und spielt jetzt beim TV Wabern Unihockey. Ich amte seit 20 Jahren im Winter als Eishockeytrainer, 10 Jahre davon beim HC Wisle Worb.» Allerdings nie in der gleichen Mannschaft wie sein Sohn: «Ich wollte bewusst nie Trainer meines Sohnes sein.» Beat Müller ist in Ittigen aufgewachsen und hat als Jugendlicher Landschaftsgärtner gelernt. Dabei hat er sich gerne körperlich und handwerklich betätigt, Besonders gut ist ihm seine Zeit als Holzer im Berner Oberland in Erinnerung, als er jeweils über zehn Stunden pro Tag, an sechs Tagen die Woche, im Einsatz war. Als er 1984 im Berner Weyermannshaus eine Stelle als Bademeister antrat, war das für ihn eine grosse Umstellung: «Es war für mich ein Kulturschock. Mir schlief das Gesicht ein. Ich hatte den Eindruck, nichts zu tun zu haben. Es war langweilig.»
Der Routinier
Seit 1987 arbeitet Beat Müller nun im Eichholz. Anfänglich war er im Winter jeweils noch als Eismeister im Eisstadion Allmend (heutige Postfinance Arena) angestellt. Vor 21 Jahren hat er die Leitung des Campingplatzes übernommen und ist gleichzeitig in die Dienstwohnung beim Areal in Wabern gezogen. In all den Jahren hat er viel Turbulentes erlebt und entsprechend zu organisieren gelernt. So habe er beispielsweise beim Basilea-Kongress 1990 innerhalb von zehn Tagen 4000 Übernachtungen verbuchen können. Oder im Juni 1994 seien bei der Welthundeausstellung während zweier Wochen täglich bis zu 300 Personen und 500 Hunde auf dem Areal gewesen. Das zu einer Zeit, in der man die Robidog-Säcke noch nicht kannte ! Das Eidgenössische Turnfest 1996 und die Euro 08 waren weitere Grossanlässe, an denen der Campingleiter und seine Crew aufs Äusserste gefordert waren, weil das Areal bis ans Limit genutzt wurde. Doch heute bringt ihn das nicht mehr aus der Ruhe. Das jährlich wiederkehrende Gurtenfestival ist zur Routine geworden.
Der Avantgardist
Er kennt sich aus, der 51-jährige Campingplatzwart. Die Camping-Homepage hat er – dem Puls der Zeit voraus, wie er sagt – selber erstellt, noch bevor eine Verwaltungsseite der Stadt aufgeschaltet gewesen sei. Und er betreut sie bis heute selber. Neu hat er auch Skype (Internet-Telefonie) aufgeschaltet. Beat Müller hinkt der Zeit nicht hinterher. Schon früh habe er zwei Funktelefone gehabt. Damit ermöglichte er die telefonische Erreichbarkeit für Reservationen rund um die Uhr und konnte sich gleichzeitig anderen Aufgaben auf dem Areal widmen. Die zwei grossen Knochen, wie er sie nennt, seien vom damaligen Vorgesetzten jedoch nicht geschätzt worden. Draussen telefonieren galt damals als unanständig. Das mache man im Büro, habe sein Chef gemeint. Aber Beat Müller liess sich nicht beirren und schleppte die schweren Funkteile im Areal herum, erleichterte sich dabei die Arbeit und sparte Angestellte.
Der Computerspezialist
Früher hätten sie auch «körbliwis» Post gehabt. Das sei teuer gewesen. Deshalb hat er kurz darauf den ersten Computer angeschafft, grösser als ein Schreibtisch mit einem Laufwerk wie ein Toaster. «Man muss halt immer schauen, dass man mithalten kann, auch im Technischen», so der Campingwart. Heute hat er ein topmodern eingerichtetes Büro mit einer eigenen Camping-Buchungs-Software. «Der Campingbetrieb ist technisch wie administrativ im Topzustand.» Auch bezüglich der Auslastung: Er habe doppelt so viele Übernachtungen wie in den 90er-Jahren zu verzeichnen. Dank der technischen und administrativen Erneuerungen bewältigt er dies mit halb so viel Personal wie damals. Und auch die kommende Saison läuft gut an: Mitte Februar sind bereits die ersten Buchungen, unter anderem auch über Skype, für die Saisoneröffnung am 16. April eingegangen und die zehn neu gebauten Zimmer sind belegt. Bevor er die stressige Sommersaison in Angriff nimmt, will Beat Müller noch hoch hinaus. Mit einem Flug nach Colorado, den ihm seine Frau zum 50.Geburtstag geschenkt hat. Er reist am 15.März für zehn Tage zum Skilaufen in die Rocky Mountains, um sich winterlich auszutoben, bevor der wohl schönste Stadtcamping auf Erden seine Anwesenheit und Aufmerksamkeit wieder voll und ganz in Anspruch nimmt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 28.02.2010, 16:43 Uhr



