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«Ich will von früher erzählen»

Von Franziska Zaugg. Aktualisiert am 18.02.2010

Senta Hofer schreibt Geschichten und Gedichte. Sie erzählt darin aus ihrem bewegten Leben. Gerne wäre die 83-Jährige Schriftstellerin geworden und wünscht sich, dass ihre berndeutschen Texte veröffentlicht werden.

Senta Hofer und ihre kreativen Werke: Die nimmermüde 83-Jährige schreibt Geschichten und Gedichte und ist eine begeisterte Malerin. In ihrer Wohnstube steht ein von ihr mit Bauernmalerei gestalteter Schrank.

Senta Hofer und ihre kreativen Werke: Die nimmermüde 83-Jährige schreibt Geschichten und Gedichte und ist eine begeisterte Malerin. In ihrer Wohnstube steht ein von ihr mit Bauernmalerei gestalteter Schrank.

Info-Box

Lebensabschnitte

Mit zwänzgi bisch vou Chraft u Saft,
wetsch tanze, singe, Tag u Nacht,
gniess di Zit, so lang de chasch,
gar schnäu geits, wo de nümm so masch

mit vierzgi bisch no vou im Saft,
we gsung läbsch, blibsch no lang bi Chraft,
di erschte Fäutli i dim Gsicht
gä am Auter gar keis Gwicht

mit sächzgi düe dir scho chli Glider we
u oni Brüue chasch nüm guet gse,
gli einisch geisch id Pangsion
u überchunsch derfür a schöne Lohn

mit achzgi steisch am Morge nümm früe uf,
derfür machsch am Mittag a chline Pfuus,
chunt dir bim Spaziere a schöni Frou verbi,
hesch Fröid u dänksch,
aso bi ig o einisch gsi.

Senta Hofer, Februar 2010
Die Schriftstellerin hat dieses Gedicht passend zu ihrem Porträt
in der Berner Zeitung verfasst.

«Es ist, als öffne sich in meinem Kopf ein Schublädli, darin steckt eine Episode aus meinem Leben, die ich aufschreiben muss.» Wenn es so weit ist, setzt sich Senta Hofer an ihren Computer und schreibt. Stoff hat die lebenserfahrene Frau genug. So stapeln sich auf dem runden Holztisch in ihrer Stube in Münchenbuchsee Hefte und Notizbücher, gefüllt mit Geschichten und Gedichten (siehe Kasten). Zuoberst liegt ein Notenblatt, signiert von Ivan Rebroff. Die Episode dazu: Vor rund 20 Jahren war der Sänger im «Tell» in Münchenbuchsee zu Gast. Nach dem Auftritt wurde in der Gaststube gefeiert. Senta Hofer, damals Mitglied im Frauenchor der Gemeinde, sang mit dem Künstler im Duett: «Eine weisse Birke steht vor meinem Haus». Ihre Augen strahlen, wenn sie von diesem «unvergesslichen Erlebnis» erzählt. Gerne hätte die lebensfrohe Frau als Kind ein Instrument gespielt. Doch die Stiefmutter schloss das Klavier daheim immer ab. Die bitterböse Frau vergönnte dem Mädchen jede Freude. «Ich will nicht jammern, wenn ich schreibe, und es geht mir nicht darum, das Erlebte zu verarbeiten», betont die 83-Jährige: «Ich will einfach nur von früher erzählen.»

Gebeizter Chüngel
Aufgewachsen ist Senta Hofer mit vier Halbgeschwistern im Gasthaus Traube in Köniz. In ihrem neusten Werk «D’ Lüt vor Trube» beschreibt sie «das Wirten zu alten Zeiten». Wie der Vater den Gästen zum ersten Mal einen «gebeizten Chüngel» auftischte oder Güggeli, die damals als Delikatesse galten. Oder wie das Küchenmädchen zum Gemüserüsten und Abwaschen draussen am Brunnen eine blaue Schürze tragen musste und für die Arbeit in der Küche eine rote.

Postillon d’Amour
Nach der Sekundarschule machte Senta Hofer in einer Grossmetzgerei die Ausbildung zur Verkäuferin und parallel dazu eine Bürolehre. Eigentlich wollte sie aber Schriftstellerin werden. «In der Schule schrieb ich für meine Kameradinnen die Aufsätze. Sie erledigten dafür meine Näharbeiten», sagt sie. Mit 13 Jahren habe sie Postillon d’Amour gespielt, erzählt sie nicht ohne Stolz. Damals besuchte sie ihren Vater in Interlaken. Er war im Aktivdienst. Im Hotel Eintracht waren Krankenschwestern stationiert. Das Mädchen verfasste für die jungen Frauen blumige Liebesbriefe, die sie an ihre Freunde schickten. Bis jetzt konnte Senta Hofer noch keine ihrer berndeutschen Geschichten veröffentlichen. Es wäre jedoch ihr Traum, obwohl sie zwischendurch an ihrem Talent zweifelt. Dabei hat sie vor vier Jahren einen Schreibwettbewerb gewonnen, worauf sie nach St.Moritz eingeladen wurde und eine Textwerkstatt besuchen konnte.

«Einfach ans Meer»
1949 heiratete die damals 23-Jährige ihren Schulschatz. Senta Hofer war nebst Hausfrau und Mutter auch berufstätig, denn das Budget war klein. Trotzdem reiste das Ehepaar jedes Jahr mit den drei Kindern zum Zelten ans Meer. «Ein Riesenspass für die ganze Familie», sagt sie. Zelt und Reisegepäck wurden auf das Dach des VW-Käfers geschnürt. Die Kinder teilten sich den Platz auf dem Rücksitz – und los ging die Fahrt Richtung Italien, Frankreich oder ins damalige Jugoslawien. «Einfach ans Meer», schwärmt Senta Hofer und fügt an: «Gerne würde ich nochmals verreisen, aber mein Mann will lieber nicht.» Eine grosse Reise unternahm das Paar 1994 nach Nepal. Senta Hofer machte alleine mit vier Sherpas eine zweiwöchige Trekkingtour im Annapurna-Gebirge. Ihr Mann begab sich mit einer Gruppe auf eine grössere Tour.

Pinselstriche gegen Trauer
Ein Verkehrsunfall erschütterte 1975 die Familie. Der jüngste Sohn verunglückte tödlich mit dem Fahrrad. Senta Hofer: «Verkraftet habe ich das nie, aber ich habe gelernt, den Schmerz zu ertragen.» Ein Jahr später verlor die Familie ihr Hab und Gut durch einen Brand im Wohnhaus. Verloren gingen dabei auch alle Erinnerungsstücke an den jüngsten Sohn. Heute denkt sie, dass dies so sein musste, «ich wurde gezwungen loszulassen». Senta Hofer begann zu malen – vor allem nachts, wenn die Trauer sie nicht schlafen liess. Sie befasste sich mit Bauernmalerei. 30 Schränke und Truhen hat sie in all den Jahren geschliffen, gebeizt und mit feinen Pinselstrichen Blumen darauf gemalt. Ein Schrank steht als Erinnerungsstück in der Wohnstube. Seit einigen Jahren leidet sie an Polyarthritis und kann keine Möbelstücke mehr gestalten. Dafür malt sie Bilder mit Motiven aus der Natur. Einige Werke hängen an den Wänden in ihrer Wohnung, zwischen Fotos der Enkelkinder und der Urenkelin.
Das Schreiben am Computer geht auch nicht mehr so schnell. «Das ärgert mich. Ich werde ungeduldig», sagt sie, denn in ihrem Kopf warten noch viele Schublädli darauf, geöffnet zu werden.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.02.2010, 18:28 Uhr

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