«Ich werde oft als Spinner bezeichnet»
Mit 71 ist Seraphin Müller immer noch begeisterter Kletterer. Vieles hat sich jedoch in den letzten Jahrzehnten geändert, so zum
Beispiel die Schuhe. Müller zeigt ein Paar alte, schwere Bergschuhe und ein Paar leichte «Kletterfinken». Links eine Kletteraufnahme aus dem Jura. (Bild: Daniel Fuchs)
Auf dem «Bänkli» vor seinem Haus ist der Langnauer Seraphin Müller selten anzutreffen. Nur dasitzen und sich ausruhen gehört nicht zu den Lieblingsbeschäftigungen des 71-Jährigen. Statt von seiner Gartenbank aus die Bergkette der Schattenflüh zu betrachten, macht er sich lieber selber auf in die Berge. Nicht wie viele andere Senioren zum Wandern, sondern zum Klettern.
Trotz seines Alters tut er dies immer noch mit viel Begeisterung – und mit grossem Ehrgeiz. Zwar sei er vorsichtiger geworden, aber nicht weniger ambitioniert, erzählt Seraphin Müller: «Wenn ich keine hohen Schwierigkeitsgrade mehr klettern kann, dann höre ich auf.»
Die grosse Jugendliebe
Aufgewachsen am Jurasüdfuss, turnte er bereits als Jugendlicher in den Felswänden der umliegenden Berge herum. Das Klettern brachte er sich mit Hilfe von Lehrbüchern bei. Zudem habe
er das Glück gehabt, als «junger Bursche» mit erfahrenen Kletterern in die Berge mitgehen zu können. An brenzlige Situationen kann sich Seraphin Müller nicht erinnern. «Früher war ich zwar leichtsinniger, die Herausforderung und das Abenteuer standen im Vordergrund.» Es sei aber immer alles gut gegangen. Seine Eltern waren nicht begeistert vom Hobby ihres Sohnes. «Sie hätten es vorgezogen, wenn ich Schwyzerörgeli gespielt hätte statt zu Klettern.» Vergebens: «Als junger Bursche zählte für mich nur das klettern. Ich interessierte mich nicht einmal für Frauen», sagt er lachend.
Früher ohne Helm
Beruflich schlug Seraphin Müller als Maler zwar eine andere Richtung ein. Dem Klettern blieb er aber in seiner Freizeit über all die Jahre treu. Er erlebte dabei die verschiedenen Kletterepochen mit: von der klassischen Felskletterei mit den roten Socken, den schmiedeeisernen Haken und den schweren Schuhen bis zur modernen Kletterei mit viel sichererem und leichterem Material. Mit fortschreitendem Alter musste sich der Kletterer von den harten Schuhen mit Profil lösen und sich an die profillosen Kletterfinken gewöhnen. Heute gehört der Helm zur Standardausrüstung, früher wurde ohne Kopfschutz geklettert. Anstatt sich mit Holzkeilen oder eisernen Haken gegen einen Sturz abzusichern, werden nun Bohrhaken verwendet. «Damit ist das Klettern zwar nicht leichter geworden, aber die Sicherheit grösser», sagt Seraphin Müller.
Der physische Zustand eines Kletterers sei zwar Voraussetzung, um die Felsen hochzuklettern. Entscheidend sei aber die psychische Verfassung, erklärt er. «Hatte ich ein ungutes Gefühl, bin ich nicht klettern gegangen. Auch wenn ich mich bereits dazu verabredet hatte.»
«Ich werde oft als Spinner bezeichnet», erzählt der aktive Senior. Zusammen mit einem Kletterkollegen, ebenfalls über 70, gehe er mehrmals pro Woche in die Berge. Um sich fit zu halten, macht er regelmässig Klimmzüge, Liegestütze und unternimmt Skitouren.
Pause nach Operation
Seit einer Rückenoperation muss sich Seraphin Müller aber schonen. «Mit fortschreitendem Alter wird es immer schwieriger, meinem Hobby nachzugehen», sagt er mit leisem Bedauern in der Stimme. Jedoch zeigt er sich zuversichtlich, bald wieder über Schwindel erregende Felsüberhänge zu steigen. «Kann ich einmal nicht mehr klettern, werde ich aber in kein Loch fallen, denn ich habe an vielem Freude.» Bis es aber einmal so weit ist, gilt seine ganze Konzentration dem Klettern. Hat er sich vollständig von seiner Rückenoperation erholt, will er sich wieder aufmachen in die Welt der überhängenden Felswände und der unheimlichen Glücksgefühle nach dem Bezwingen des Gipfels. (Berner Zeitung)
Erstellt: 09.05.2010, 15:49 Uhr





