BZ-Forum

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

«Ich bin ein Spinner - mit Vernunft»

Von Thomas Kobel. Aktualisiert am 30.03.2010

Die Berge sind sein Leben: Raphael Wellig ist ein begeisterter Alpinist. Die Alpen sind für ihn Lebensschule und Leidenschaft. Erfahrungen am Berg helfen ihm auch über schwierige persönliche Situationen hinweg.

Raphael Wellig und die Berge - eine leidenschaftliche Beziehung, die wohl ein Leben lang hält.

Urs Baumann

Der Berg hat ihm die intensivsten Momente seines Lebens beschert – und ausserdem 15 Minuten Ruhm: Raphael Wellig wurde vor einem Millionenpublikum überlegener Wettkönig bei «Wetten, dass», indem er sämtliche Viertausender Europas erkannte – allein auf Grund eines kleinen Ausschnitts irgendeiner Felswand. Das schaffte er dank intensivem Fotostudium, vor allem aber weil er sie alle selber bestiegen hat. «Fünfhundert Mal stand ich in meinem Leben auf einem Viertausender», erklärt der 45-Jährige. Beim ersten, dem Aletschhorn im Berner Oberland, war er 13 Jahre alt. Zwei Brüder der Mutter, die Bergführer waren, weckten im Jungen aus dem Walliser Dorf Fiesch früh die Liebe zu den Alpen.

Dem Tod nahe

Diese Faszination hätte Raphael Wellig auch zum Verhängnis werden können. Etwa als er in Peru bei minus dreissig Grad in einen Schneesturm geriet und seine Seilschaft das Zelt nicht mehr fand. Mit einem Biwaksack bastelten sie sich eine notdürftig isolierte Schneehöhle und hielten durch. «Es wäre leicht gewesen, sich gehen zu lassen», sagt Raphael Wellig. Wenn die totale Kälte kommt, bis auf die Knochen dringt und durch sie hindurch. Wenn der Schmerz plötzlich nachlässt und man nur noch schlafen möchte. Doch wer einschläft, wacht nicht mehr auf, wusste Wellig. «Du meinst, die Batterien seien total leer. Aber von irgendwo holt der Mensch in solchen Situationen versteckte Energien.» Was oft erzählt wird, erlebte auch Raphael Wellig: «Die Angehörigen gaben mir Kraft. Ich wusste, dass ich eine Verantwortung hatte, und wollte zu ihnen zurück.»

Wellig hat andere ähnliche Situationen erlebt. Etwa als ihm am Mount Everest fast zwei Zehen abfroren. Oder als er nach einem 150-Meter-Sturz praktisch unverletzt liegen blieb, während sein Kollege acht Brüche davontrug. «Man hat gar keine Zeit, Angst zu haben», beschreibt er den Moment. Und ja, tatsächlich: «Ich habe immer davon gelesen, es aber nie wirklich geglaubt. Doch das Leben mit den wichtigen Menschen läuft wirklich wie ein innerer Film ab.» An diese Erfahrung denke er jeden Tag.

Trotz dieser Erlebnisse ist es Raphael Wellig wichtig, dass Alpinisten nicht als todessehnsüchtige Draufgänger dargestellt werden. «Ich bin ein Spinner – mit Vernunft», sagt er über sich. «Ich bin nicht todes-, sondern lebenssüchtig!» Er habe sich immer die Möglichkeit offengehalten umzukehren, denn: «Nur ein alter Bergsteiger ist ein guter Bergsteiger.» Bei fünfhundert Besteigungen ist er vierzig Mal umgedreht, manche Berge hat er erst im dritten Anlauf bezwungen. «Diese Demut gehört auch dazu. Deshalb ist Alpinismus Lebens- und Charakterschule.» So entwickelt er zu den Bergen so etwas wie eine persönliche Beziehung, als ob sie zu ihm sprechen würden. «In der Wand wird dir bewusst, dass du ein Nichts und Niemand bist. Das verändert das Leben, das kann man gar nicht mit Worten erklären.»

Spirituelle Berge

«Angst und Mut gehören zusammen», sagt Raphael Wellig. «Oft habe ich vor einer Tour Angst. Sobald ich aber unterwegs bin, vergesse ich alles um mich herum, bin sehr fokussiert – das ist ein ganz tiefes Erlebnis.» Er vergleicht es mit der totalen Versenkung eines Spitzensportlers vor dem entscheidenden Wettkampf. Eine Versenkung, die sogar eine spirituelle Dimension haben kann. – Raphael Wellig, wie halten Sie es mit der Religion? «In den sechs Monaten, die ich in Nepal verbracht habe, hat mich der Buddhismus sehr beeindruckt. Die Sherpas zeigen Stärke und Respekt, und es wurde nie etwas gestohlen.» Die Menschen dort hätten eine innere Ruhe, die im Westen fehle. Eine Bergbesteigung könne wie ein Gottesdienst sein. Der katholischen Kirche hat der Walliser aber den Rücken gekehrt. «In der Kirche wird zu viel Politik gemacht. Ich kann mich mit den ganzen Skandalen im Vatikan nicht identifizieren.»
Ein solcher Austritt ist in Welligs Heimat immer noch ein heikles Thema. «Sie respektieren es, verstehen können sie es nicht», sagt er über seine Familie. Im Gegensatz zu vielen Wallisern hat er definitiv in Bern Wurzeln geschlagen, seit er 1995 wegen der Arbeit hierherzog. Er reist nur noch drei, vier Mal pro Jahr ins Wallis. «Ich habe mich ins Berner Oberland verliebt – da gibt es so viele Möglichkeiten!» Ausserdem lebt seine 10-jährige Tochter ebenfalls hier, die seine Leidenschaft für die Berge teilt.

Plötzlich wirds zu viel

Von seiner Frau, mit der er den Kilimandscharo und den Montblanc bestiegen hat, lebt Raphael Wellig allerdings getrennt. Acht Jahre lang führte er in Bern ein kleines Bergsportfachgeschäft. Letztes Jahr war zwangsläufig Schluss, das Überleben als Kleinanbieter zu schwierig. Beim schliesslich erfolglosen Kampf ums Geschäft ging auch die Beziehung in die Brüche – ein doppelter Schlag. Doch allmählich rappelte sich Raphael Wellig wieder auf. Die Erfahrungen am Berg halfen dabei. Wer draussen eine Nacht bei minus dreissig Grad überlebt, den haut so schnell nichts um. Jetzt hat er wieder eine Anstellung in einer Firma, die Outdoorausrüstungen anbietet – und erst noch Sherpa heisst. Punkto Bergsteigen lässt es Wellig aber ein bisschen ruhiger angehen. Manchmal zeigt er an Vorträgen eine Auswahl seiner 10'000 Dias und erzählt von seiner Begeisterung für die Alpen, statt selber zu klettern. «Ich brauch es nicht mehr so heftig wie früher.»

Kontakt für Vorträge: baruntse@windowslive.com. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.03.2010, 08:50 Uhr

Umfrage

Waren Sie schon mal in einem Pfingstlager?





WERBEN SIE ONLINE

Nehmen Sie Kontakt mit uns auf. Wir beraten Sie gerne.