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Einsteigerin, nicht Aussteigerin

Von Anina Bundi. Aktualisiert am 23.08.2010

Auf dem Balmeggberg ob Trub gibt es ein kleines Paradies. Neun Personen, «Zugezogene», leben da auf einem Hof mit dem Ziel der weit gehenden Selbstversorgung. Eine davon ist Simone Küchler-Pey aus Zürich.

Die Städterin geniesst das Landleben: Simone Küchler-Pey mit ihren beiden Kindern Silvan (links) und Ronja.

Die Städterin geniesst das Landleben: Simone Küchler-Pey mit ihren beiden Kindern Silvan (links) und Ronja.
Bild: Hans Wüthrich

Interaktiv

Bevor sie auf 1000 Meter über Meer angekommen war, war Simone Küchler-Pey schnell unterwegs. Sie feierte gerne, reiste viel, zog immer wieder um. Die Natur «gern gehabt» habe sie immer. Sie ging an Waldpartys und lernte Tauchen. Es war aber eher ein Anschauen, vielleicht Konsumieren der Natur. Heute, im Emmental, ist es eine Zusammenarbeit. Der Boden trägt nur Frucht, wenn man ihn pflegt, und die Erde wird in Zukunft nur dann für alle lebenswert sein, wenn man Sorge zu ihr trägt.

Eigentlich war Simone Küchler-Pey mit ihrem heutigen Mann Toni auf der Suche nach einem VW-Bus zum Reisen. Gefunden haben sie das Bauernhaus auf dem Balmeggberg und es gleich ins Herz geschlossen. Sie planten, es mit Freunden zu kaufen, als Zufluchtsort vor dem Lärm der Stadt. Als einer der Freunde, der reichste, einen Rückzieher machte, war es schon zu spät: Sie konnten nicht mehr loslassen und nahmen einen Kredit auf. Das war vor fünf Jahren.

Ein halbes Jahr lang verbrachten die beiden ihre Wochenenden in dem alten Bauernhaus. Zu entdecken, dass zwei Autostunden von Zürich entfernt eine Welt ist, anders und fremd wie eine ferne Insel, war wie ein Kick. Eine Insel, auf der sich Simone plötzlich ruhig und zufrieden fühlte wie noch nie. «Wenn man auf einer langen Reise ein halbes Jahr an einem Ort bleibt, und sich wohl fühlt, muss man sich irgendwie entscheiden: weiterreisen oder sich niederlassen.»

Frisch verliebt und mutig

So war das mit dem Balmeggberg, sie liessen sich nieder. Der Entscheid fiel ohne langes Zaudern. Und es steckte auch kein Masterplan dahinter. «Wir waren frisch verliebt und mutig.» Liebe zu dritt: Simone, Toni und der Balmeggberg. Dabei ist es nicht geblieben: Sie wurde schwanger.

Und im nächsten Winter kam Silvan auf die Welt. Auch Erwachsene zogen ein, inzwischen sind sie zu neunt. Simone und Toni mit Silvan (4) und Ronja (2), Billie und Bernhard mit Freija (1) und, diesen Sommer fest eingezogen, Janine und Marco, die sich um den grossen Garten kümmern. Sie sind die Einzigen, die nicht auswärts Geld verdienen; sie bekommen einen kleinen Lohn für ihre Arbeit. Rund ums Haus hat es Jurten. Darin schläft Besuch, es wird Yoga gemacht oder gearbeitet. Sie werden im Winter abgebaut. Hinter dem Haus ist ein schöner Gemüsegarten, der jedes Jahr um ein Beet wächst. Ein Erd-Hühnerhaus ist Resultat eines Workshops, ebenso das Kompostklo. In einem weiteren Erdhaus steht ein Lehmbackofen, es hat eine Saunajurte und in einem Freiluftbadezimmer zwei Badewannen mit solarerwärmtem Wasser und Aussicht aufs Emmental. Irgendwann sollte dann noch mehr Vieh dazukommen. Dafür müsste aber gebaut werden. Die bestehenden Ställe und das Tenn braucht die Grossfamilie als Sommerküche, und bald wird sie noch mehr Wohnraum für die Kinder brauchen.

Auf der Talseite des Hauses ist die Holzterrasse, neben dem grossen Tisch spielt Ronja in der Sonne mit einem Wassertrog. Der Lindenblütenbaum duftet, Schmetterlinge flattern, die Welt ist schön.

Kinder und Kräuter

Simone Küchler-Pey ist Kindergärtnerin. Sie arbeitet Teilzeit in der Tagesschule in Langnau. Ausserdem ist sie im Samariterverein und leitet das Kinderturnen, das sonst versandet wäre. «Wir sind sehr gut aufgenommen worden», sagt sie. Man wisse im Emmental zwar genau, wer «zugezogen» und wer «einheimisch» sei, das heisst, wessen Grosseltern schon hier geboren seien. Gegenüber Neuem herrscht eine gewisse Vorsicht, aber man hat durchaus eine Chance. Und Simone Küchler-Pey, die Städterin, wollte sich auch nie auf dem Berg abkapseln. Sie ist keine Aussteigerin, sondern eine Einsteigerin. «Ich bin in diesen Ort und dieses Leben eingestiegen und will das teilen mit denen, die schon da waren, und auch Leute herholen.» Solche, denen das Leben auf dem Land fremd ist und die etwas entdecken können. Sie bringen sich gegenseitig bei, wie man Sonnenenergie nutzt, mit Lehm baut oder wie einheimische Heilkräuter wirken. Letzteren Bereich möchte Simone Küchler-Pey gern ausbauen. Sie hat schon Kurse besucht und wendet ihr Wissen auch an. «Manches ist so simpel und so wirksam, etwa zerriebener Spitzwegerich gegen das Jucken von Insektenstichen.

Neben der Lohn-, Vereins- und Familienarbeit bleibt ihr aber wenig Zeit für Weiterbildung und Experimente. Sie ist im Moment hauptzuständig für Kinder, Haushalt und «gute Stimmung im Haus». Für die Kinder zu sorgen, mache ihr grossen Spass. Sie hatte aber inzwischen auch genug Zeit, um herauszufinden, dass der Rest des Haushaltes für sie nicht erfüllend sei. Immerhin teilen sich die sechs Erwachsenen inzwischen das Kochämtli. Und auch bei den Kindern bringt die Gemeinschaft etwas Entlastung. Es gibt weniger Mamakoller, wenn auch mal andere für Unterhaltung sorgen. Vor kurzem hat sie für drei Wochen in Zürich eine Kindergärtnerin vertreten. Da konnte sie auch mal wieder Stadtluft schnuppern. Das gefalle ihr schon, auch, die alten Freunde zu besuchen. Aber das Schönste am Weggehen sei das Heimkehren, wenn sie wieder merke, dass es ihr auf dem Land einfach gefalle.

Auf dem Abstieg durch den Wald lauern gefrässige Bremsen. Der Spitzwegerich wartet beim Waldausgang und wirkt augenblicklich. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.08.2010, 11:11 Uhr

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