Eine «Reise an den Wasserfall»
Von Ruth Rusterholz. Aktualisiert am 04.07.2010
Ein Junge mit viel Talent und ebenso vielen Interessen: Martin Zingg.
(Bild: Enrique Munoz Garcia)
«Er ist kein Wunderkind», sagt die Mutter. «Er», das ist Martin Zingg, 10 Jahre alt, Schüler an der Bieler Rudolf-Steiner-Schule, Veranstalter eines Wohltätigkeitskonzertes, Komponist. Martin spielt mit Begeisterung Keyboard. Er findet das für sich auch praktischer als das (grössere) Klavier. Er habe Musik, vor al-lem klassische, «schon immer» schön gefunden. Und: «Ich bewundere Musiker.» Seit dreieinhalb Jahren besucht Martin nun die Musikschule in Biel. Nach einem halben Jahr hat er zu improvisieren begonnen. – Zuerst sei das ein wenig schwierig gewesen, weil er keine Noten lesen und schreiben konnte. Da habe er sich eben anders beholfen und statt Noten Finger und Tasten gezeichnet. Später half ihm sein Musiklehrer beim Umschreiben. Inzwischen braucht er diese Hilfe nicht mehr. Nach drei komponierten Stücken kam Martins erstes Meisterstück, die «Reise an den Wasserfall» – das Stück, das er an der Benefizveranstaltung «Musik für die Kinder von Haiti» am 30.Mai in der Musikschule Biel zusammen mit Mitschülerinnen und Mitschülern aufgeführt hat.
Junior-Botschafter
Wie ist Martin überhaupt auf die Idee gekommen, für die Kinder Haitis (nach dem verheerenden Erdbeben im Februar) Geld zu sammeln? Das kam so: Er habe einen Kollegen in Aarberg besucht. Als Reiselektüre schenkte ihm seine Mutter ein «Geo». Und in der Zeitschrift habe er gelesen, dass Unicef Junior-Botschafter suche. Also habe er kurzerhand geschrieben und sich angemeldet.
«Zuerst ist es nur eine ‹kleine Idee› gewesen. Ich habe darüber mit Musiklehrer Anderegg von der Steiner-Schule gesprochen.» Und dieser habe ihm sofort seine Unterstützung angeboten. Auch Martins Musikklasse wollte mitmachen. Eine Musikstudentin des Musiklehrers, die Violoncello spiele, sagte ebenfalls zu. Und so kam am Schluss eine ansehnliche Zahl von Singenden und Musizierenden zusammen. Und wie komponiert Martin? «Zuerst improvisiere ich. Dann entstehen mit der Musik Bilder in meinem Kopf, eben zum Beispiel ein Wasserfall. Ich improvisiere weiter und warte, welche Bilder auftauchen. Die Bilder wiederum werden in Musik umgesetzt, und ich schaue oder besser höre, ob sie zum Vorhergehenden passen. Und mit den Bildern kommt schliesslich auch der Name des Stücks.»
Inspiration für die «Reise»
Die «Reise an den Wasserfall» ist nicht aus einem Guss entstanden. Zuerst, vor der Idee zum Benefizkonzert, habe nur ein kleiner Teil bestanden. Erst als diese konkret wurde, habe er die nötige Inspiration gehabt, um weiterzukomponieren. «Am Sonntag des Konzerts bin ich voller Spannung, Neugierde und Begeisterung aufgewacht.» Etwa 100 Leute seien gekommen und hätten viel gespendet. Er habe Unicef 1705 Franken überweisen können. «Es war ein Fest.»
Martin liebt klassische Musik (daneben auch Tango und Blues) und klassische Kleidung. Heute trägt er ein schwarzes Hemd und eine schwarze Hose. Überhaupt mag er Hemden – und auch Krawatten. Er trage selten saloppe Kleidung. «In dieser Beziehung ist er ein wenig speziell», lacht seine Mutter. Er werde deswegen manchmal gehänselt.
Sein Grossvater mütterlicherseits sei ein grosser Liebhaber klassischer Musik. Schon als Zweijähriger habe Martin geweint, so sehr habe ihn diese Musik berührt. Er hat chilenische Wurzeln, seine Muttersprache ist Spanisch; er spricht Hochdeutsch und lernt fleissig Englisch und Französisch.
Faszination Buddhismus
Ein kleiner Zen-Garten steht auf dem Salontisch im Wohnzimmer; Wasser plätschert in ein Becken; an dessen Rand eine Buddha-Figur im Meditationssitz. Es ist sehr still in der Wohnung. «Ich bin auch ein wenig Buddhist und meditiere jeden Tag. Das hat mir sehr geholfen, den Stress rund um das Benefizkonzert zu bewältigen.» Vor allem der Zen-Buddhismus oder auch der tibetische Buddhismus gefallen ihm. «Die Idee der Wiedergeburt ist faszinierend. Ich könnte es nicht ertragen, wenn ich ein begangenes Unrecht mit ins Grab nehmen müsste – ohne Aussicht auf Wiedergutmachung in einem anderen, nächsten Leben».
Martin sei in der Steiner-Schule am richtigen Platz, werde unterstützt und gefördert, sagt seine Mutter. «Er ist dort keine Nummer, sondern wird als Persönlichkeit wahrgenommen.» Martin hat noch einen 18 Jahre älteren Bruder, der in Chile arbeitet, aber zurzeit in der Schweiz zu Besuch ist. Als Willkommensgeschenk hat Martin ein Musikstück für ihn komponiert.
Traumberuf Anwalt
Martin will einmal Anwalt werden. «Nicht Staatsanwalt», wie er präzisiert, «da wäre ich auf der falschen Seite», jener der Starken. Er wolle sich für die einsetzen, die Unterstützung brauchen. «Musik aber wird bis an mein Lebensende mein Hobby bleiben.»
Und so spielt er jeden Tag Keyboard, schon vor der Schule. Und wenn er nach Hause komme, gehe er schnell in sein Zimmer, um zu spielen. Martins Lieblingsfächer sind übrigens: Religion, Handarbeiten, «weil wir in der Steiner-Schule nur Dinge herstellen, die wir auch gebrauchen können», und Bieler Geschichte – die ist zurzeit in der Schule ein wichtiges Thema.
Der künstlerische und emotionale Höhenflug von Ende Mai spornt Martin zu neuen Taten an. «Ich habe da bereits eine Idee. Jetzt, da ich so gut ‹Diavolo› spiele» (er macht es im Wohnzimmer vor) «und auch die Klassenkameraden einiges in petto haben nach dem Quartalsthema Zirkus in der Schule, möchte ich eine professionelle Zirkusvorstellung auf die Beine stellen.» Gesammelt würde diesmal für die Kindersoldaten in Afrika Man traut es ihm zu.
Ist Martin ein altkluges Kind – oder ganz selbstverständlich sich selbst? «Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für mich genommen haben», sagt er zum Abschied. Kleiner Charmeur!
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 04.07.2010, 16:40 Uhr




